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Sonntag, 25. August 2019

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Bergeunternehmen: Wissenschaft contra Profit? PDF Drucken E-Mail

nachher1Versunkenen Schätzen auf der Spur

Von Heinz Käsinger

Wohl nichts ist für Sporttaucher faszinierender als die Vorstellung, während einem entspannten Abstieg ein Schatzschiff mit spanischen Golddublonen, sagenhaftem Indioschmuck und Silberbarren aus den Minen Quetzaqotls zu finden.
Die Realität sieht leider anders aus. Schatzsuche unter Wasser ist entweder professionell arbeitenden Firmen vorbehalten oder akribisch forschenden Wissenschaftlern. Trotzdem sind auch heute noch Zufallsfunde möglich. Mit Schatztauchen verbindet man gemeinhin Attribute wie Romantik und Abenteuer. Nur wenige wissen, dass es sich bei der professionellen Variante davon um eine ganz normale, nach kaufmännischen Gesichtspunkten aufgestellte Branche handelt. Manche Unternehmen sind sogar börsennotiert, andere stehen kurz vor einem Gang an die Börse.
Die Meldung ging um die Welt und schlug ein wie eine Bombe. Das amerikanische Bergeunternehmen Odyssee Marine Explaration Inc. (OMR) fand und barg den bislang „größten unterseeischen Schatz aller Zeiten“. Mit einem geschätzten Wert von rund 500 Millionen US-Dollar oder 371 Millionen Euro übertraf der Fund den von Mel Fisher aus dem Jahr 1985, der rund 400 Millionen US-Dollar in Form von Münzen und Schmuckstücken aus der „Nuestra Señora de Atocha“, die im 17. Jahrhundert vor Florida gesunken war, heraustauchte. So meldete es im Mai die Presse, wobei einige Blätter weit über das Ziel hinaus schossen und aus den 500 Millionen gleich 500 Milliarden machten. silberDen Fauxpas mit dem Superlativ „größter Fund“ bemerkte kaum jemand, auch die seriöse Presse nicht. Schließlich sind die rund 1,5 Milliarden Dollars, die in Gold 1987 von der „Central America“ geborgen wurden, nicht mehr jedem in Erinnerung .Jedenfalls aber ließ der gigantische Fund den Aktienkurs von OMR an der New Yorker Börse NASDAQ um 135 Prozent in die Höhe schnellen. Dazu muss man wissen, dass das Unternehmen, das 57 Mitarbeiter beschäftigt, knapp 313 Millionen US-Dollar Umsatz macht, der Fund also wesentlich höher als der Unternehmensumsatz ausfiel. Jetzt macht der spanische Staat den Amerikanern den Fund streitig und legt als Beweis Satellitenaufnahmen vor, die zeigen sollen, dass die Odyssee-Schiffe während ihrer Bergung ausschließlich in spanischen Gewässern operierten und nicht wie angegeben in internationalen. Genau solche Situationen vermeiden will Nikolaus Graf von Sandizell. Der Graf ist Vorstandsvorsitzender der portugiesischen Aktiengesellschaft Arqueonautas, die 1995  auf Madeira gegründet wurde. Sandizell: „Wir verhandeln bereits weit im Vorfeld einer Bergung mit der Regierung des betreffenden Landes. Natürlich ist unser Geschäftszweck das Erwirtschaften von Gewinnen aber wir behandeln ein Wrack vor allem auch als das, was es ist – nämlich eine Zeitkapsel, die neben den finanziellen Werten auch ein unermesslich wichtiges historisches Dokument für das betreffende Land im besonderen und unsere Zivilisation im allgemeinen darstellt.“gespräch
Überhaupt ist Arqueonautas sehr auf Seriosität und wissenschaftlich korrektes Arbeiten bedacht. Schon in seinen Firmenstatuten hat das Unternehmen unter anderem festgeschrieben: „Ziel ... ist es, das kulturelle maritime Erbe zu erhalten und durch archäologische Suche und Ausgrabung von historischen Schiffswracks zu neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen zu kommen und ... im Sinne der Aktionäre profitabel zu gestalten.“
 
Hohes Risiko, hohe Rendite

In der Tat: Nur wenige Mitbewerber beschäftigen so einen umfangreichen und kompetenten wissenschaftlichen Fachbeirat wie die Arqueonautas S. A., die Liste des Rats liest sich wie ein internationales who is who der Wissenschaften. Dass es dabei manchmal auch zu Konflikten zwischen Wissenschaftlern und Kaufleuten kommt, lässt sich nicht vermeiden. „Bisher“, so Sandizell, „ist es uns jedoch noch immer gelungen, einen sinnvollen Kompromiss zwischen historisch-archäologischen und unternehmerischen Ansprüchen zu finden.“Finden. Der Graf liefert damit ein Stichwort, das wohl jeden passionierten Schatzsucher, ob blutigen Amateur oder erfahrenem Profi, am meisten interessiert. Versunkenen Schiffen überhaupt auf die Spur zu kommen, das ist in 80 bis 90 Prozent aller Fälle die Arbeit von Spezialisten. Historikern, Archäologen, Philologen, die in Archiven und Bibliotheken nach Dokumenten über den Verlust von Schiffen suchen. Hier liegt zum Beispiel eines der Risiken für die Kapitalgeber der Bergungen begraben: Der Wissenschaftler Dr. N findet in einem alten spanischen Aktenbündel ein Dokument über den Verlust der Caravelle X. Aus der Ladeliste ergeben sich unermessliche Reichtümer. Untergegangen ist das Schiff in Sichtweite der Ostspitze von Kuba. Ein Bergeunternehmen sucht Risikokapitalgeber, die erste Arbeiten finanzieren. Einige steigen ein, geben Geld. Die Sensation ist schon halb perfekt, als das Unternehmen das betreffende Wrack tatsächlich in nur 20 Metern Tiefe am angegebenen Ort findet. Taucher erkunden den halbvermoderten Holzhaufen und finden – nichts! Was war geschehen?Die dem Beamten 1697 zugestellte Meldung, dass die Caravlle X gesunken ist, hat er zu den Akten genommen. Jeder am spanischen Hofe war empört und bedrückt über das Unglück. Nur wenige Wochen später: Caravelle Y landet in einem spanischen Hafen an, so überladen, dass sie zu kentern droht. Ihrer Besatzung ist es gelungen, den schon verloren geglaubten Schatz des Schiffes X zu bergen. Nur: Das interessierte unseren Beamten leider nicht mehr. Das Gold war ja jetzt da und tauchte nur noch auf der Ladeliste der Caravelle Y auf. Nicht aber als quasi Gegenbuchung in der Akte der Caravelle X.
Weniger risikoreich ist es, wenn Behörden oder lokale Zuträger eine Bergegesellschaft über das Vorhandensein eines Schatzschiffes informieren. Dann verifiziert das Unternehmen die Information und beginnt im Falle der Richtigkeit mit den Vorbereitungen.
„Je früher ein risikofreudiger Investor einsteigt, um so höher fällt seine Rendite aus“, weiß Geschäftsführer Thomas Straub vom Immenstaader (Bodensee) Finanzdienstleister Novacapital. Das Unternehmen hat den Finanzvertrieb für Arqueonautas übernommen. Das heißt, es sucht Investoren, die das Risiko nicht scheuen und dafür eine satte Rendite kassieren.
Auch bei Novacapital ist man, wie beim Kunden Arqueonautas, intensiv um Seriosität bemüht. Straub: „Wir sind ein von der deutschen Bankenaufsicht zugelassenes und kontrolliertes Unternehmen, das heißt, wir unterliegen den selben gesetzlichen Bestimmungen wie eine Bank. Halbseidenes können wir uns nicht leisten!“.
Im Falle eines Anlagewilligen sähe Halbseidenes etwa so aus: Der Investor hat 100000 Euro auf der hohen Kante. Davon will er 70000 Euro in Aktien von Arqueonautas investieren. „Das machen wir nicht mit“, sagt Straub, „wir raten angesichts des ho-hen Risikos zu maximal 5000 Euro Einlage.“ Aber es geht auch kleiner. Eine Aktie des Offshore-Unternehmens kostet derzeit 10,20 Euro sogenannte vorbörsliche Beteiligung. Davon sollten dann, damit sich die Verwaltungskosten einigermaßen rechnen, 100 Aktien gekauft werden. Mit 1020 Euro wäre man also dabei beim hoffentlich großen Geschäft um Schiffswracks und ihre hoffentlich  erfolgreiche Ausbeutung.
Das Wort Ausbeutung hat einen eher negativen Geschmack, man mag jedoch bedenken, dass es sich bei Bergeaktionen nur in wenigen prestigeträchtigen Fällen um historisch wirklich bedeutende Wracks handelt. Es sind durchaus auch Kohleschlepper dabei, wo es billiger ist, die Kohle zu bergen als sie neu zu graben. Oder ein Wrack aus den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts, das reinstes Blei transportierte und das erst heute aufgrund neuester Techniken kostengünstig ausgenommen werden kann.
Ist, in diesem Zusammenhang, das Wrack der „Titanic“ historisch wirklich von Interesse? Eher nein. Um die „Titanic“ wurde lediglich ein Mythos aufgebaut. Fundstücke aus dem Wrack haben also eher einen hohen Souvenierwert als dass sie im materiellen Sinne wirklichwertvoll wären. taucherschleppt
Das wirft die Frage nach den notwendigen Ausrüstungsgegenständen und der personellen Zusammensetzung einer Bergefirma auf. Sandizell: „Wollen Sie nur kurz um die Ecke zum Einkaufen oder wollen Sie zum Mond fliegen?“ In der Tat ist der Einsatz von Technologien und Manpower abhängig davon, in welchen Gewässern sich ein Schatzschiff be-findet und wie tief es liegt. Sandizell: „An unserer aktuellen Grabungsstätte vor Mosambik zum Beispiel arbeiten wir mit 30 Leuten in Tiefen von 15 bis 45 Metern. Alleine das Konservierungs- und Dokumentierungszentrum ist mit sechs Leuten besetzt.“

Kulturgüter erhalten
 
Damit das Team um den Grafen flexibel bleibt und nicht zuviel Kapital in einem Technikpark bindet, hat man sich nur die Grundausrüstungen für und weiteres unverzichtbares Gerät zugelegt. Alles andere wird für die Dauer eines Einsatzes so dazu gemietet, wie es die Anforderungen verlangen. Manches Ausrüstungsteil ist dabei sogar von namhaften Herstellern der Taucherbranche gesponsort oder zur Verfügung gestellt. So gab Bauer Kompressoren, München, beispielsweise einen Kompressor für die Arbeiten vor Mosambik. Pressesprecher Ralf Deichelmann: „Wir schätzen es sehr, dass Arqueonautas darauf bedacht ist, auch wissenschaftlich einwandfreie Arbeit zu leisten um Kulturgüter zu erhalten, die sonst für die Menschheit unrettbar verloren wären. Das unterstützen wir!“
Parallel wird im Zuge einer Schatzbergung auch ein juristisches Arbeitsfeld eröffnet. Dort geht es um Verhandlungen mit den Regierungen des Landes, wo der Schatz gefunden wurde und wo er liegt. Jedes Land hat seine eigenen Gesetze und seine eigenen Rechtsprechungen, was Schatzfunde und nationale Kulturgüter anbelangt. Ziel der Verhandlungen sind vernünftige Regelungen, was die Teilung des Fundes anbelangt. Meistens strebt der Verhandlungsführer eine Teilung von 50 zu 50 nach Abzug aller operativen Kosten an. Kulturhistorisch besonders wertvolle Stücke sollen oft im Land bleiben, manche Regierungen sind mit hochwertige Kopien zufrieden.
Der Graf weiß noch von einem Fall zu berichten, in dem eine Kopie des Originals gefertigt wurde, die alleine 12000 Euro gekostet hatte. Die Kopie ging später verloren und die Parteien bekamen sich darüber in die Haare, wer die Kosten zu tragen hatte – aber schließlich wurde man sich dann doch einig.versteigerung
Nach der Restaurierung und Katalogisierung der Fundstücke geht es dann endlich daran, diese zu versilbern. Durch Auktionshäuser, Galerien, Fachhändler. Und in den weitaus meisten Fällen kann der Graf seinen Aktionären und Kapitalgebern den Gewinn eines schönen Sümmchens vermelden.
Was die Frage nach einem möglichen Börsengang von Arqueonautas aufwirft. Der Münzenfund des Mitbewerber Odyssee hat der Branche jedenfalls einen heftigen Aufwind beschert: Selbst die Aktien des kleinen Unternehmen Sovereign Explorations Inc., das sechs Mitarbeiter beschäftigt und 15 Millionen US-Dollars umsetzt, sind um 104 Prozent gestiegen. Wobei das Unternehmen mit offenen Karten spielt: Man sei noch immer nicht in der Gewinnzone sagt der Direktor und auf das Wrack der „Fantome“ an dem man dran ist, es liegt vor Nova Scotia und soll (!) erhebliche Schätze an Bord haben, erheben gleich drei Staaten Anspruch nämlich England, Kanada und die USA. Alleine der Glaube an die Branche und die Tatsache, dass es in den Weltmeeren noch ungezählte Schatzschiffe gibt, hat Sovereign Explorations zu diesem Aktienstand verholfen.
Also, Graf, wann ist es endlich soweit? Der Aristokrat bestätigt nichts, er dementiert nichts. Er weiß aber eines: Der Gang an die Börse muss zum richtigen Zeitpunkt erfolgen. Optimal wäre beispielsweise nach ei-nem spektakulären Fund. Vorbereitet ist jedenfalls alles.
 
Quellen: Arqueonautas, Handelsblatt, Business-Week, Novacapital, National Post
 
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