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Sagenhafte Wasserwelten PDF Drucken E-Mail
Märchen und Geschichten

Von Heinz Käsinger

Die katholische Kirche vernichtete ab dem vierten nachchristlichen Jahrhundert sämtliche wissenschaftliche Erkenntnisse des Altertums und der Antike. Naturwissenschaftlichen Erklärungen für Phänomene oder Gegebenheiten durfte es nicht geben, hinter allem hatte der göttliche Wille zu stecken und war als einzige Erklärung zulässig. Sagen und Legenden ersetzten Forschung und Lehre.



nessy1 Immer wenn der mittelalterliche Mensch eine Erscheinung oder ein natürlich auftretendes Phänomen nicht erklären konnte, flüchtete er sich in Mystik. Technisch noch weit davon entfernt, den Grund von Gewässern selbst in Augenschein zu nehmen, belebte er die Tiefen unserer Seen und Flüsse mit allerhand Fabelwesen oder siedelte Ortschaften auf den Seegründen an, deren mit untergegangene Bewohner nun als unerlöste Seelen durch so manche Geschichte spukten – und noch heute spuken. Bootsunfälle durch Unwetter oder menschliches Versagen waren keine Unfälle, meist wurden die Opfer durch ein geheimnisvolles Seeungeheuer aufgespürt und gefressen. Das bekannteste ist sicherlich Nessy, das Ungeheuer von Loch Ness, einem kleinen See in Schottland. Die erste Sichtung des Ungeheuers fand bereits 565 statt und kein Geringerer als der heilige Columban war es, der dem Monster nur mit dem Kreuz in der Hand entgegen trat, um es zum Rückzug zu bewegen. Reporter des Inverness Courier griffen im August 1933 die alte Sage auf und behaupteten, es hätte wieder einige Sichtungen gegeben. Seither hält sich das Monster hartnäckig in den Medien, auch in Deutschland. Ja es gab sogar Tauchfahrten per Forschungs-U-Boot im Loch Ness und selbst ernstzunehmende Wissenschaftler äußerten die kühne These, es könne sich bei Nessi um einen überlebenden Plesiosaurus handeln. Noch 2003 scannte die BBC das Gewässer aufwändig mit Sonartechnologie durch. Ergebnis: Nichts. Kein Seeungeheuer vorhanden.
Aber es gibt auch fromme und schöne Geschichten rund ums Süßwasser, von Marienerscheinungen und unerklärlichen Wundern. So soll die Muttergottes 1858 einem Mädchen in einer Grotte beim Pyrenäenstädtchen Lourdes erschienen sein. Kurz nach der Erscheinung brach sich aus dieser Grotte ein Quell Bahn, dessen Wasser Heilkraft besitzen soll – jedenfalls sollen todkranke Menschen nach dem Genuss des Wassers wieder gesund geworden sein.
Am Lago d‘Iseo, einem italienischen See, soll der Apostel Petrus, der ja in seinem früheren Leben Fischer am See Genezareth war, einem sündigen Papst in der Verkleidung eben solch eines Fischers erschienen sein und diesen wieder auf den Pfad der Tugend gewiesen haben. Der so heimgeführte Papst ließ an jener Stelle des Seeufers eine Kapelle errichten und sie, wem denn sonst, San Pietro weihen.
Aber auch aus vorchristlicher Zeit gibt es Begebenheiten, die sich in Form von Sagen oder Märchen gehalten haben. Die Bekanntesten davon ranken sich sicherlich um die beiden Flüsse Rhein und Rhône, die beide auf dem Gotthard entspringen. Der Rhein nimmt seinen Lauf gen Norden, die Rhône dem Süden zu. An deren hellem Strande siedelten die Stämme der gallischen Kelten, deren glorreicher Führer der Avernerfürst Vercingtetorix war. Eine weise Jungfrau soll ihm aus den Fluten der Rhône erschienen sein und das Nachtlager mit ihm geteilt haben – am Tag darauf schlug er die römische Armee bei Gergovia. Dass Gergovia weit ab der Rhône liegt, macht die Sage keinesfalls unglaubwürdig, sie verstärkt höchstens noch das Wunderwerk.Sagenwelt_Zeichnung
Doch auch und vor allem wir Germanen pflegen unsere Sagen, eine davon ist die vom Rheingold: Hagen von Tronje versenkt den Schatz der geheimnisvollen Nibelungen nach dem Mord am Helden Siegfried bei Worms im Rhein. Und einige Kilometer weiter stromab bringt eine bildschöne Blondine jeglichen Schiffsverkehr in Gefahr, indem sie sich ihr prächtiges Haar bürstet. Beide Sagen, die vom Rheingold und die von der Loreley sind uralt und später in zahlreichen Liedern, Gedichten, Balladen und Moritaten schriftlich und zur steten Erinnerung für die Nachwelt festgehalten worden. So richtig bekannt wurde die Loreley-Sage allerdings erst durch Clemens von Brentanos Ballade „Zu Bacharach am Rheine“.
Neben diesen, auch international bekannt gewordenen, Begebenheiten entstanden in Europa viele lokale und regionale Sagen: Auf dem Grund des Hallwiler Sees in der Nordschweiz etwa soll ein Schloss stehen, dessen gottlose Bewohner um den gottlosen Burgherren „sämtlig von einer Sündflut vernicht worn, will si selbig am hochheiligsten Karfreitag gefluecht und geprasst und mit den Mägd sündige Sach getrieben hän.“ Immer am Karfreitag soll es nun auf dem See irrlichtern, was aber nur die sündigen Menschen wahrnehmen, und diese so ins Verderben locken. Die Guten und Gottesfürchtigen aber bleiben verschont.
Wo heute der Titisee am Fuße des Feldbergs im Schwarzwald liegt, stand früher eine reiche Stadt. Der Reichtum aber machte die Menschen böse und eitel. So ließ Gott die Stadt im See versinken. Einmal drohte der See auszubrechen. Da kam eine fromme Nonne und verstopfte den Abfluss des Sees mit ihrer Haube. Seither verfault jedes Jahr ein Faden der Haube. Wenn der letzte Faden verfault ist, bricht der See aus und überschwemmt das ganze Dreisamtal und die hoffärtige Stadt Freiburg.
Sicherlich ließe sich die Auf- und Erzählung bekannter und unbekannter Sagen endlos fortsetzen. Zumal auch noch heute ständig neuer Sagenstoff entsteht. In jüngerer Vergangenheit beispielsweise haben die Wirren der letzten Tage des Zweiten Weltkrieges zur Bildung neuer Geschichten beigetragen. Denken wir doch nur an das Bernsteinzimmer, das Nazi-Gold im oberösterreichischen Toplitzsee oder die sagenhaften Goldschätze, die die Rote Armee in den Masurischen Seen versenkt haben soll.
Die vorerst jüngsten Geschichten, die zum Sagenstoff taugen, sind der Absturz einer Privatmaschine in den Bodensee beim Landeanflug auf den Bregenzer Flugplatz (Die Passagiere sollen in den Plutoniumhandel mit der Russenmafia verstrickt gewesen sein). Oder das spurlose Verschwinden einer Segelyacht auf dem oberitalienischen Comer See (Industriespionage, Prostitution, Rauschgift). Wer weiß, vielleicht erzählt in 200 Jahren einmal ein Vater seinem atemlos lauschenden Sohn folgende Geschichte: „Vor vielen, vielen Jahren, als die Menschen noch ihre eigenen Autos fahren durften, mit Flugzeugen durch die Luft reisten und mit Pressluft tauchten, verschwand eine kleine Privatmaschine plötzlich vom Radarschirm des Flughafens...“


 
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