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Maledivische Geschichte PDF Drucken E-Mail
1378 Inseln bei Taprobane
von Heinz Käsinger
 
Ob der griechische Philosoph und Astronom Ptolemäus damit 106 n. Chr. die Malediven meinte, ist fraglich. Tatsache ist, dass die Atollgruppe westlich von Sri Lanka (=Taprobane) in unserem, geschichtlich nach Sicherheit strebenden, Verständnis vom Araber Suleiman im neunten nachchristlichen Jahrhundert erstmals sicher beschrieben wurde.
Im Bismarckschen Sinne, nachdem Geschichte nicht „durch Reden und Majoritätsbeschlüsse sondern durch Blut und Eisen“ geschrieben wird, haben die Malediven keine wirkliche Historie. Vielmehr tritt das Inselreich nach Außen kaum auf – wie sollte es auch und vor allem warum? Es geht den Leuten doch gut im Paradies. Nur Sonne und Sand und Palmen, viele Fische, keine Probleme, so weit ab vom Weltgetöse. Wir werden später sehen, dass das so keinesfalls stimmt.

Ungelöste Rätsels30_karte
Etwa im vierten vorchristlichen Jahrhundert besiedeln indo-arische Gruppen vom benachbarten Kontinent die Inseln. Gab es eine Urbevölkerung? Wir wissen es nicht. Die Einwanderer bringen ihre Kultur mit: Sprache und Schrift, System und Religion (Buddhismus und Hinduismus). Noch heute gibt es auf den Malediven Reste von Tempeln dieser Religionen, zum Beispiel die Tempelanlage auf Gan im Laam Atoll.
Der Islam, der heute Staatsreligion ist, trat erst ab dem neunten Jahrhundert in Erscheinung und wurde erst 1153 Staatsreligion: „Sheik Jussuf aus Täbris, der größte Heilige seiner Zeit, mit einem Wissen so tief wie der Ozean, bewog den herrschenden König zum Übertritt zum richtigen Glauben“, heißt es dazu in der Tharik, der maledivischen Chronik. Rund 200 Jahre später kam Ibn Battuta, ein Marokkaner, auf die Inseln. Er blieb eineinhalb Jahre und von ihm stammen viele zuverlässige Berichte aus jener Zeit. Bald darauf bricht die Ära der großen Entdeckerfahrten an und die Portugiesen kolonisieren die Inseln. Das lief, bei aller Friedfertigkeit des Inselvölkchens, nicht kampflos ab. Zunächst verbot die Seemacht Portugal jeglichen Handel der Inseln mit dem Festland, brachte immer wieder maledivische Schmuggelschiffe auf. Schließlich gab die maledivische Regierung den Portugiesen die Erlaubnis, auf der Hauptinsel Male einen Handelsstützpunkt zu errichten. Die Europäer machten Nägel mit Köpfen und bauten ein wehrhaftes Fort gleich mit – was jedoch sofort wieder von maledivischen Horden zerstört wurde. Die Inseln versanken darauf hin wieder in ihren Dornröschenschlaf, bis die Portugiesen 1558 endgültig das Zepter übernahmen (s. Kasten).
Die Geschichtsforschung kann sich heute nicht so richtig darüber klar werden, wie sich die Zeit der Portugiesen wirklich gestaltete. Die Tharik spricht davon, dass sich zeitweise „das Meer rot färbte von Moslemblut“, andererseits ging es den Inseln während der Herrschaft der Portugiesen wirtschaftlich bestens. Jedenfalls eroberte ein gewisser Katibu Mohammed die Malediven in einem Guerillakrieg von den Portugiesen zurück. Spätere Kolonialmächte waren die Holländer und die Franzosen, die jedoch ein eher lockeres Verhältnis zum Inselvölkchen pflegten. Das setzten ab dem Ende des 18. Jahrhunderts die Briten nahtlos fort, bis 1932 eine Verfassung installiert wurde, die das absolute Sultanat der Malediven in eine Wahlmonarchie umwandelte.

Tor für Amin Didi

Eine der schillerndsten Figuren der Maledivischen Geschichte ist Muhammad Amin, besser bekannt als Amin Didi. Ihn wählte man 1952 zum Staatsoberhaupt, mit 98 Prozent der Stimmen, ein Traumergebnis für jeden Politiker. Didi hätte eigentlich den Titel Sultan tragen müssen/können, zog es jedoch vor, Präsident zu sein und er ernannte die Malediven zur Republik. Amin Didi war vor seiner Regentschaft Minister diverser Ressorts, führte den Vorsitz diverser Vereinigungen, unter anderem der des maledivischen Dichterverbandes und war Mittelstürmer der Fußball-Nationalmannschaft!
Der leidenschaftliche Frauenliebhaber wurde schon 1953 mit Schimpf und Schande davon gejagt und starb an den Folgen von Handgreiflichkeiten wenig später auf der Insel Kurumba. Zweifellos war Amin Didi eine schillernde Figur. Er war es, der ein eher rückständiges Inselreich nach Westen öffnete. Er schaffte nicht nur den Schleier für die Frauen ab, sondern gab ihnen handfeste Rechte: Wahrecht und vor allem Schulpflicht. Er war, wie gesagt, Dichter und Fußballer aber auch Modeschöpfer und Bonvivant. Ohne ihn wäre die touristische Erschließung der Malediven in den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts nicht möglich gewesen. Diese trieb ab 1968 Präsident Ibrahim Nasir nach einem Bürgerkrieg, der Unabhängigkeit von Großbritannien und dem Beitritt zu den Vereinten Nationen, vorwärts. Dabei aber bereicherte er sich selbst, war skrupellos und gemein. Das Geld, das der wirtschaftliche Aufschwung in die Kassen spülte, blieb in den Händen weniger Günstlinge und Familien. Die Lebenshaltungskosten allerdings stiegen beträchtlich. Was 1974 zu einem großen Volksaufstand führte. Er wurde niedergeschlagen, die Malediven mutierten zum Polizeistaat. 1978 ging Nasir auf Auslandsreise und kehrte nicht mehr zurück.

Sieg des Islam

Nach einer Zeit der Entspannung gegen Ende der 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts wird heute die nasirsche Art zu regieren, fortgesetzt. Geld und Macht liegen in den Händen einiger weniger Familien. Die Bevölkerung lebt knapp oberhalb der Armutsgrenze. Posten in den relativ gut bezahlten Inselressorts werden von Hand vergeben. Die Arbeitsverhältnisse dort liegen nahe an der Knechtschaft. Das Land ist, gegen seine Geschichte, voll auf die Fahrbahn des Islam eingeschwenkt. Und der treibt seltsame Blüten. So ist es maledivischen (d. h. moslemischen) Bürgern nicht einmal gestattet, in einem Ressort an der Bar zu arbeiten. Das müssen Pakistaner, Bangladescher und Afghaner tun, die jedoch allesamt ebenfalls moslemisch sind. Trotzdem regt sich in Male so etwas wie ein politisches Bewusstsein. Es gibt mittlerweile eine kritische Presse, politisches Bewusstsein, immer mal wieder einen kleinen Aufstand in der Hauptstadt. – Also Hoffnung auf eine langfrisitige Besserstellung der Bevölkerung.


Der katholische Sultan
Die Geschichte der Malediven hat ein wohl einmaliges Kuriosum hervorgebracht – einen katholischen Sultan. Im Jahr 1550 floh Sultan Hassan IX aus innenpolitischen Gründen nach Cochin auf das indische Festland. Dort stellte er sich unter den Schutz der Portugiesen. Zwei Jahre später ließ er sich von dem später heiliggesprochenen Missionar Franz Xaver taufen. Aus Hassan IX wurde Don Manuel.
Die Durchsetzung der Thronansprüche dieses Exilsultans war Anlass für die Portugiesen, die Eroberung der Malediven nach einigen Fehlschlägen neu zu unternehmen – und sie hatten Glück. 1558 wurden die Malediven erobert und ein (nun) katholischer Sultan kam zurück an die Macht.

 
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