Vom Nordkap nach Gibraltar Teil 1
Meine Reise mit s88_auf-jim1Jim
Teil 1: Vom Nordkap zum Oberrhein
Von Heinz Käsinger


1960 erfüllte sich der Schriftsteller John Steinbeck einen Traum und fuhr mit seinem Hund Charley im Wohnmobil durch die USA. Seine aus dieser Reise entstandene Erzählung „Meine Reise mit Charley“ unterschrieb er mit: „Auf der Suche nach Amerika“. ATLANTIS begab sich mit Redaktionshund Jim und Steinbecks Buch ebenfalls auf die Suche: Nach dem alten Europa.

Kristallen klar und klirrend kalt wölbt sich die Luft an diesem Morgen über dem Polarmeer. Es ist Juli und es hat Frost gegeben in dieser Nacht, die keine war. Wie alle Nächte zwischen Mai und September hier am Nordkap keine Nächte sind. So weit nördlich des Polarkreises klebt die Sonne 24 Stunden am Tag um den Horizont herum.
Die Gasheizung im Wohnmobil steht auf höchster Stufe und mein Hund Jim reckt sich auf dem Fußboden so, dass er die warme Luft aus gleich drei Einlassdüsen abbekommt. Auf dem kleinen Esstisch dampft ein großer Becher Kaffee und frische Brötchen habe ich mir auch aufgebacken. Das heißt, die beste Ehefrau von allen hat vor meiner Abreise einen großen Hefeteig angerührt und mir den dann in handlichen Portionen eingefroren. Zusammen mit kühler Butter und einem großen Löffel selbstgemachter Marmelade ein veritabler Start in einen Tag, der vorwiegend aus dem Abreißen von Kilometern bestehen wird. Auf dem Parkplatz neben mir stehen noch ein paar andere Autos. Sie tragen französische, deutsche, dänische oder schweizer Kennzeichen. Deren Besitzer kriechen gerade aus den Zelten, die sie nebenan aufgeschlagen hatten. Man friert. Ich habe noch heißes Wasser und lade ein französisches Ehepaar zum Kaffee ein. „Wir gehen sonst immer in den Süden, diesmal wollten wir den Norden sehen“, erzählt die Frau und der Mann nickt einsilbig. Er ist wohl, wie ich, morgens nicht zu vielen Worten aufgelegt. Aber die beiden fühlen sich sichtlich wohl in der komfortablen Wärme des Wohnmobils.

s88_wohnmobiDann muss der Hund raus und wir verabschieden uns. Ich mache noch ein paar Aufnahmen von der Landschaft, der dieses permanente Sonnenaufgangslicht eine unglaubliche Pracht verleiht. Links vom Kap liegt die Norwegische See, rechts die Barentssee. Gerade aus das Polarmeer. Zwischen hier und dem Nordpol sind es nur noch wenige hundert Kilometer mit Spitzbergen dazwischen. Jetzt nagelt der Dieselmotor sein beruhigendes Lied und ich setze den schweren Wagen Richtung Süden in Bewegung, Narvik will ich erreichen, gute 800 Kilometer Weg. Einige Kilometer weiter östlich liegt das Dreiländereck, wo Norwegen, Finnland und Russland aneinander stoßen. Heute ist die russische Grenze wieder durchlässig, noch vor 17 Jahren standen sich hier die beiden Machtblöcke direkt gegenüber. Bis auf die Zähne bewaffnet belauerten sich die Nato hüben und der Warschauer Pakt drüben. Vergangenheit. Die Idee zu dieser Reise kam mir eines nachts, als ich nicht schlafen konnte und ich aus dem Bücherregal einen Steinbeck zog, der zu meinen Lieblingsschriftstellern gehört. „Meine Reise mit Charley“ zwinkerte mir zu und ich begann zu lesen. Aber ich kam nicht weit. „Easy Rider“, der Kultfilm aus den 60ern, fiel mir ein. Auch dort waren zwei Amerikaner auf der Suche nach Amerika. Aber warum waren eigentlich immer irgend welche Leute auf der Suche nach Amerika, keiner diesseits des Atlantik kümmert sich jedoch um Europa? Dabei hätten doch wir allen Grund, unsere Wurzeln zu suchen in Ländern wo man mittlerweile sorry statt scusi sagt, vom Weekend statt vom Fin-de-semaine spricht und seine Eltern Mom und Dad nennt statt Mama und Papa. Wo Fast-Food-Kantinen wie Pilze aus dem Boden schießen und wo man zu „Starbuck‘s“ geht statt in die Konditorei am Marktplatz. Wo es in Gebrauchsanleitungen nicht mehr heißt: „Ziehen Sie jetzt den Nippel durch die Lasche“, sondern „Führen die Ecranen hinten und Polen oben ab-wärts“. So langsam begann der Gedanke zu gären, meinerseits durch Europa zu touren. Und was in Sachen Tauchen sowieso verloren gegangen ist, ist das Bewusstsein, dass es nicht immer nur Tropenmeer sein muss, im Gegenteil, gerade Europa vom Eismeer bis zu subtropischen Gefilden so ziemlich alles bieten kann, was sich ein Taucherherz wünscht. Und das alles auf relativ gedrängtem Raum. Jetzt, da ich auf Narvik zurolle, frage ich mich, wie ich nur auf den gedrängten Raum kommen konnte. Endlos ziehen sich die Straßen, manchmal schnurgerade, manchmal kurvig herum um Fjorde, Meeresarme, die tief ins Landesinnere ragen. In Narvik werde ich bleiben, mir die Stadt ansehen. Vor allem aber möchte ich tauchen. Das Offersøy Ferie Senter liegt auf den Lofoten und bietet ein besonderes Glanzlicht: Schwertwale. Arnfinn Fenes, der Betreiber der Anlage, empfängt mich freundlich zurückhaltend. Norwegisch. s89_nordkap2s89_orca
Die Landschaft der Küste nimmt mich sofort gefangen. Das Wasser ist kalt aber so fühlen sich die Orcas wohl, von denen einige wenige resident sind, andere nur vorbei ziehen, wenn im Spätherbst der Hering kommt. Arnfinn berichtet kenntnisreich und witzig aus seiner Heimat. Später habe ich ihn in Düsseldorf auf der „Boot“ wieder getroffen. Er war beeindruckt von der urbanen Struktur des Rhein-Ruhr-Raumes. Immer wieder fragte er: „And where is your wilderness?“ Er weiß noch, wie man Feuerholz macht, einen Fisch fängt, schießt. Trotzdem ist er ein Mann des 21. Jahrhunderts. Er besteigt Flugzeuge so selbstverständlich, wie er sein Mobiltelefon benutzt.
Menschen wie Arnfinn habe ich selten getroffen in meinem Leben. Noch Ende der 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts habe ich im Allgäu, nur 100 Kilometer vor den Toren Münchens, unter Bauern gelebt, denen es ein Gräuel war, in die acht Kilometer entfernt liegende Kreisstadt zu fahren. Verkehrsampeln verunsicherten sie, Flugzeuge kannte man nur als weiße Streifen am Himmel. Umgekehrt kenne ich Städter, die ekeln sich vor einem rohen Stück Fleisch. Ein saftiges Steak kennen die nur mit Pappe drumrum aus der Tiefkühltheke; das gleitet, ohne dass man es in die Hand nehmen muss, in die heiße, fettfreie Teflonpfanne.

Skandinavien und Norddeutschland sind Fischland

Stockholm empfängt mich mit strahlender Pracht, so dass man sich gerne das Prädikat eines Venedigs des Nordens gefallen lässt. Nach einem Aufenthalt im Abisko Nationalpark in Nordschweden, wo ich Bären, Wölfen und Elchen begegnet bin, bin ich in den Süden Norwegens, geflüchtet. In der Landschaft Sørlandets blieb ich einige Tage lang hängen. Tauchen war angesagt. Mit dem Skottevig Tauchcenter bin ich zum Wrack der „Seattle“ hinunter. Der deutsche Frachter wurde hier nach einer beispiellosen Irrfahrt über die Weltmeere versenkt. Wer das Wrack besuchen will, der findet es in 25 bis 70 Meter Tiefe, schön mit Seenelken bewachsen.
s90_seenelkeAber jetzt bin ich schon seit einigen Tagen in der Hauptstadt Schwedens. Stockholm ist und war eine der bedeutendsten Metropolen an der Ostsee. Leider wurde diese Mitte des 20. Jahrhunderts vorübergehend zum roten Meer und verschwand zum größten Teil hinter dem eisernen Vorhang. Die gesamte südliche Ostseeküste von der finnisch-russischen Grenze bis kurz vors damals westdeutsche Travemünde wurde zur Terra incognita, zum weißen Fleck auf der Landkarte für Handel und Begegnung der Völker. Dabei war die Ostsee jahrhundertelang der Ost-West-Handelsweg überhaupt. 1945 war Schluss damit. Stockholm, Helsinki und auch Kopenhagen und Lübeck hatte man sozusagen ein Bein abgetrennt. Zeugnis von der einstigen Größe Schwedens gibt heute noch das Wrack der „Wasa“. Es gab, mitten im Dreißigjährigen Krieg, Gustav II. Adolf seinen Schiffsbaumeistern den Befehl, das größte und prächtigste Schiff der Welt zu bauen. 1628 lief es vom Stapel. Bereits wenige Minuten nach dem Ablegen beginnt das Schiff zu krängen und sinkt. Heute haben die Schweden der „Wasa" und damit auch ihrer großen Vergangenheit, eigens ein technisch aufwändiges Museum gebaut.
Nach einer geruhsamen Fahrt durch das südschwedische Schonen und einer stürmischen Überfahrt bin ich in Deutschland angekommen. Die Ostseeküste um Eckernförde, Kiel und Lübeck kannte ich, und so startete ich erwartungsfroh gen Osten. Glänzende Städte hat es hier gegeben, einige haben den Glanz früherer Zeiten bewahrt, Stralsund, Greifswald. Auch kleinere Städtchen putzen sich wieder heraus. Aber 40 Jahre sogenannter Sozialismus haben eben ihre Spuren hinterlassen.
Früher, zu DDR-Zeiten, war Tauchen in der Ostsee streng verboten. Heute gibt es wieder regen Tauchtourismus zwischen Travemünde und Usedom. So mancher Taucher hofft dabei, auf Hinweise des sagenhaften Vineta zu stoßen, denn hier, irgendwo „am Weltmeer“, soll die sagenhafte Stadt gestanden haben. Die war, wenn wir der „Hamburgischen Kirchengeschichte“ des Bischofs Adam von Bremen glauben dürfen, „die größte Stadt, die Europa birgt“.

Eine uralte Sage weist den Weg nach Vineta

Ein faszinierender Gedanke. Dass es Vineta wirklich gab, ist, im Gegensatz zum ebenso sagenhaften Atlantis, ziemlich gesichert. Im Orient gibt es Aufzeichnungen, die Handelsbeziehungen zu einem nordischen Ort namens Vineta beschreiben. In den Chroniken großer deutscher Städte werden Männer wie Alin von Vineta, Hermin von Winneta oder auch Walcho von Jumne (Jumne = Vineta, Anm. d. Red.) erwähnt. Fraglich sind aber vor allem zwei Dinge: Wie ist Vineta untergegangen? Wo hat Vineta gestanden?
Eine von den Gebrüdern Grimm aufgespürte Sage lokalisiert die Stadt vor dem Ostseebad Koserow (Insel Usedom). Wissenschaftler prügeln sich um weitere Standorte: bei Stralsund und bei Wollin, heute Polen. Letztere These hat die meisten Anhänger, die Theorie des Standortes bei Stralsund die wenigsten. Jetzt ist eine neue Diskussion aufgekommen. Endgültige Beweise würden Unterwasserarchäologen geben können, doch derartige Untersuchungen sind teuer und Deutschland ist pleite.
In Koserow treffe ich Knut, einen schrulligen alten Taucher, der schon zu DDR-Zeiten mit selbst gebastelter Ausrüstung illegal im Achterwasser, einer großen Ausbuchtung des Peenestromes, nach Vineta suchte. Er hat seine eigene Theorie entwickelt: „Die Sage der Brüder Grimm spricht ausdrücklich von Koserow“, klärt er auf. „Was aber soll ich die versunkene Stadt in der Ostsee suchen? Einem Schafhirten ist Vineta aufgetaucht. Nur die Wälder und Wiesen rund ums Achterwasser sind aber als Schafweiden geeignet, nicht jedoch der breite Sandstrand der Ostseeseite. Also suche ich im Achterwasser.“ Knut überredet mich zu einem Tauchgang. In nur wenigen Metern Tiefe bei nur wenigen Zentimetern Sicht zeigt er mir Bodenrillen (Wehrgräben?), Bänke, die auch Erdwälle hätten sein können und eine nahezu kreisrunde Senke, die sehr nach einem Amphitheater aussieht. Indes, die Wissenschaft winkte ab. Die Wollin-Theorie hat noch immer zu viele Anhänger. s92_vineta
Peenemünde musste ich natürlich auch sehen, die Forschungsstätte der Nazis, wo die Raketenwaffen der V-Reihe entwickelt wurden. Peenemünde ist ein Nest am Arsch der Welt. Die beiden Hauptattraktionen des Ortes sind das Raketenmuseum und der kleine Hafen, wo ein U-Boot ausgestellt ist. Im Buchgeschäft am Ortseingang findet man keinen Steinbeck. Nur mehr oder weniger aufwändige Bücher über die Raketen und Biografien Wernher von Brauns. Wernher Freiherr von Braun, den man später den Vater der Mondlandung nennen würde, war einer der ersten in Deutschland, der das Parteiabzeichen der NSDAP trug. Ein Mann, dem seine Forschungsarbeit wichtiger war als Hitlers Verbrechen an der Menschheit, ein Opportunist. 1945 nahm man ihn mit nach Amerika und machte ihn zum Star. Und Deutschland (West) feierte seinen Wernher ohne den amerikanische Mondraketen nie so schnell geflogen wären, aber auch die Atomraketen nicht. Noch am selben Tag trete ich die Reise Richtung Südwesten an, um diagonal durch Deutschland zu fahren. Salzgewässer liegen vorerst hinter mir, jetzt gilt es, das Land der Bürokraten per Süßwasser zu entdecken. Das mit der Bürokratie erwähne ich hier nicht umsonst. Denn so mancher See, so mancher Flussarm blieb unbetaucht. „Tauchen verboten!“-Schilder zierten die Ufer. Trotzdem schwelgte ich vor allem in den Seen der Mecklenburgischen Seenplatte in Hecht und Zander, Aal und Karpfen. Kameraden, die ich nach dem Tauchgang auf meinem Teller wieder treffe.
Keine Frage, Skandinavien und der Norden Deutschlands sind Fischland. In Schweden und Norwegen gab es ihn gepökelt oder eingelegt, oft mit einer süßen Geschmacksnote. An der Ostsee geräuchert. In Koserow hatte ich einen jungen Mann kennen gelernt, der mir detaillierte Tipps für den Eigenbau eines Räucherofens gegeben hat – einige seiner Geheimrezepte lieferte er gleich mit. Hier am Mecklenburger Süßwasser esse ich den Fisch frisch aus dem See. Mal gebraten im Panademantel in reichlich Butter, mal gekocht mit vielen Kräutern und großzügig mit Zitrone beträufelt.
Mein Hund Jim erweist sich als angenehmer Reisebegleiter. Er murrt nicht, wenn es auf teilweise zermürbend lange Etappen geht. Nachts, wenn ich irgendwo an einem einsamen Waldrand campiere, schätze ich seine feinen Sinne und seine tiefe Hundestimme als natürliche Alarmanlage. Was mich zu einigen Äußerungen über die Sicherheit solcher Touren bringt: Ich persönlich habe nie und in keinem Land schlechte Erfahrungen gemacht. Einbrüche ins Wohnmobil blieben mir bislang erspart und das hoffe ich auch für die Zukunft. Vielleicht war auch der Hund dafür verantwortlich. Aber ich kenne auch Leute, die wurden keine 200 Kilometer vor dem Nachhausekommen an einer Raststätte ausgeraubt. Meine Reiseroute sah ursprünglich vor, von der Mecklenburgischen Seenplatte direkt an den Oberrhein durchzufahren, hier einige Tage Pause zu machen, bevor ich den südlichen Teil meiner Reise bis nach Gibraltar in Angriff nähme. Beeindruckt von Knut und seiner Begeisterung für Vineta jedoch beschloss ich, noch einen kurzen Abstecher an den Schauplatz eines anderen sagenhaften Ereignisses zu machen. In die Pfalz, zu den Plätzen des Nibelungenliedes. Wohl jeder Leser kennt die Geschichte von Kriemhild und Siegfried, die Geschichte einer großen Liebe, die ein böser Mensch namens Hagen von Tronje zerstörte. Indem er Siegfried hinterrücks ermordete und dessen Schatz im Rhein versenkte. Ja, der Nibelungenschatz. Generationen von Forschern und Abenteurern hat er bewegt. Die Stelle im Originaltext des Epos‘, die seine Versenkung betrifft, ist eindeutig. Der Tronjer hat den Schatz von den Ausmaßen, dass zwölf Leiterwagen von Worms aus drei Tage und drei Nächte lang jeweils drei Mal hin und her fahren mussten an eine Rheinstelle gebracht, die im Mittelhochdeutschen „ze Lôche“ genannt wurde.

Der Nibelungenschatz liegt in einer Rheinschleife

Nun gibt es einige Kilometer von Worms entfernt eine Stelle, an der bis ins 15. Jahrhundert ein Ort stand, der Lochhausen hieß. Versuche mit entsprechend beladenen Ochsengespannen haben gezeigt, dass Lochhausen in der genannten Zeit von Worms aus erreicht werden kann. Dazu kommt: Der Ort lag an einer Rheinkehre, wo noch heute das Wasser so verstrudelt, dass eine fast 20 Meter tiefe Stelle ausgewaschen ist – geradezu dafür prädestiniert, einen Schatz dieser Größenordnung zu versenken. An der Stelle des alten Ortes steht heute eine Gaststätte mit dem bezeichnenden Namen „Rheingold“. Hier treffe ich zwei Taucher aus Frankfurt, noch nass vom Tauchgang. „Auf der Suche nach dem Nibelungengold?“, frage ich scherzhaft, Kaffe schlürfend. „Aber sicher!“, tönt es selbstbewusst zurück. „Eines Tages holen wir die Klunker raus.“ Es war so Mitte der 80er, da hatte ich Dr.-Ing. Hans Jacobi kennen gelernt, einen Kenner der Nibelungensage und ebenfalls überzeugt davon, den Schatz hier, ze Lôche, zu finden. Er und andere Experten sind der Meinung, dass die ursprüngliche Sage auf der die Nibelungensage aufbaut eine Begebenheit aus der Zeit der Völkerwanderung konserviert hat. Irgendein germanischer Stamm, ob nun die Burgunden oder ein anderer, hat hier oder in der Nähe einen namhaften Schatz im Rhein versenkt, um ihn vor Römern oder Hunnen in Sicherheit zu bringen. Doch Jacobi wähnt den Schatz auf dem strömungsarmen, gegenüber liegenden Rheinufer. Der Seite, die im Laufe der Jahrhunderte verlandete. „Über Taucher, die hier nach Gold unter Wasser suchen, kann ich nur lachen“, sagte er mir damals. Fachleute haben errechnet, dass seit der Völkerwanderung die Schwemmschicht des Rheins auf der Seite des Strömungsschattens rund 20 Meter mächtig geworden ist. Grabungen in diese Tiefe würden Hunderttausende von Euro verschlingen. Würde man den Schatz finden – er wäre Millionen wert. Doch wer versilbert schon Gold der historischen Bedeutung eines Nibelungenschatzes? s94_jimoberrhein
Die Sonne sinkt hinter den Vogesen, als ich meine letzte Etappe des ersten Teiles meiner Entdeckungsfahrt beende. Ich bin am Oberrhein angekommen, in meiner elsäßischen Heimat. Gestatten, dass ich Sie herumführe? Gleich morgen geht‘s los. Aber einstweilen muss ich eine Mütze voll Schlaf nehmen.
Das Gras glänzt noch frisch vom Tau in der Sonne, als ich, nach einem Parforceritt über satte 300 Meter, mein Fahrrad an einen Baum lehne und die langen Flossen vom Gepäckträger klemme. Der Schlafanzug wurde schon zu Hause durch den Tauchanzug ersetzt. Nur mit diesem und der ABC-Ausrüstung bewaffnet, steige ich in einen Tümpel, der etwa 50 Meter lang und 20 Meter breit ist. Wenn ich diese Tauchstelle nicht kennen würde, ich wäre überrascht von der Klarheit des Wassers. Wie ein Rohdiamant saugt es förmlich das Licht an. Von meiner Einstiegsstelle aus kann ich, in 360 Grad Panoramasicht, jeden Punkt des gegenüber liegenden Ufers erkennen. Ich wende mich nach links, hier warten schon meine Freunde, die Schleien. Die Sonne zaubert, so dicht unter der Oberfläche, silberne Kringel auf ihre goldenen Leiber. 13, 14 Tiere haben sich hier zusammengerottet und stehen täglich an der selben Stelle. Sie haben keine Angst mehr vor mir, denn im Sommer komme ich fast täglich vorbei. Einige Meter weiter ragt ein kurzer Angelsteg ins Wasser. Er wurde schon 20 Jahre lang nicht mehr benutzt, ist morsch und mit Moos bewachsen. Darunter wohnt ein weiterer Freund von mir, ein fast 80 Zentimeter langer Hecht. Er steht vollkommen still. Nur mit seinen Brustflossen gleicht er wedelnd die Wasserbewegungen aus. Weiter gehts. Auf dem dichten Bodenbewuchs aus Schleimalgen, Tausendblatt und Laichkraut sitzt ein bleicher Krebs.
Mein Hausgewässer ist ein Altrheinarm, glasklar und steht unter Naturschutz. Und, um es zu gestehen, ich weiß noch nicht einmal, ob ich hier überhaupt schnorcheln darf. Aber im Elsaß interessiert das die Behörden auch weniger, Hauptsache man macht nichts kaputt und da bin ich ja weit von entfernt. Den Tümpel hüte ich wie meinen Augapfel. Natürlich kann man im Elsaß und in Baden nicht nur in den Altrheinarmen tauchen. Das sollte man auch nicht. Denn gerade auf deutscher Seite ist das streng verboten. Alternativen sind in den Vogesen und im Schwarzwald die Gebirgs- und Vorgebirgsseen, beispielsweise der Alfeldsee (Sundgau, Elsaß) und der Schluchsee (Schwarzwald, mit versunkener Ortschaft) sowie Hunderte von lohnenden Baggerseen in der Rheinebene. Und auf deutscher Seite natürlich der Bodensee.
Mittagessen. Gerne würde ich eine der zahlreichen Wirtschaften empfehlen, aber es gibt zu viele davon. Von der einfachen Schankwirtschaft bis hin zum besternten Schlemmertempel reiht sich Verpflegungsstation an Verpflegungsstation beiderseits des Rheins. Auf der elsäßischen Seite oft als rustikale Vinstub (Weinstube) getarnt, im Badischen als Gartenwirtschaft mit Panoramablick. Nachmittags fülle ich meinen Weinvorrat für die Reise nach Gibraltar auf und besuche meinen Stammwinzer. s95_zott-bild
Martin Zotz im badischen Heitersheim kenne ich seit fast 20 Jahren, seinen Sekt haben meine Frau und ich, sehr zum Wohlgefallen der Gäste, an unserer Hochzeit ausgeschenkt. „Der Wein wird gut, dieses Jahr“, empfängt er mich lachend in seinem alten Elternhaus. Aus dem Fenster schweift der Blick hinüber zum Malteserschloss, wo das Zotzsche Weingut vor fünf Generationen von Urgroßvater Julius gegründet wurde. „Ja hoffentlich“, antworte ich und lege ihm die Liste mit meinen Bestellungen auf den Tisch. „Gläschen gefällig?“ Natürlich. Nach einigen Flaschen und einem langen Gespräch über Gott, die Welt und den Wein lasse ich mich vom Taxi heimbringen. Nach nur wenigen Tagen mache ich mich mit Jim auf den Weg in den Süden Europas.

Im nächsten Heft:
Vom Oberrhein nach Gibraltar; Tipps zum Wohnmobilurlaub; Literatur zum Thema; Kulturkalender lohnender Veranstaltungen an der Strecke (Festspiele etc.)