Invasion der Killerkarpfen: Esst die Plage einfach auf!

 

hypophthalmichthys_molitrix_hungaryH.K. Die USA sind im Verlaufe ihrer zugegebenermaßen erst kurzen Geschichte noch nie erobert worden. Während Deutschland sich mit Napoleon plagte und Frankreich später mit Wilhelm, hat man in der sogenannten Neuen Welt einfach die Füße hoch gelegt, sich einen Eimer Popcorn gebrutzelt und das europäische Gemetzel aus der Ferne angesehen. Damit ist jetzt Schluss.

Der Eroberer des nordamerikanischen Kontinents hat keinen großen Namen. Er ist weder Imperator noch Feldherr, weder Regent noch General, er ist einfach nur Fisch. Hypophthalmichthys molitrix sagt die Wissenschaft zu ihm; Silberkarpfen, Amurkarpfen oder Asiatischer Karpfen nennt ihn der gemeine Mann. Molitrix kommt auch nicht mit Panzern und Artillerie, nein, seine Taktik ist eher die des Kampfschwimmers. Lautloses Infiltrieren gegnerischer Flussläufe, sammeln von Kräften – und dann razfatz die Fressattacke gegen Hechte, Aale und Zander. Diese erleiden vernichtende Niederlagen.

Und jetzt mal im Ernst: Der Asiatische Karpfen wurde in den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts aus zwei Gründen nach Europa und vor allem Amerika importiert. Des Umweltschutzes und seines Fleisches wegen.

Die Fische sind gefräßige Algen-, Plankton- und Fischfresser. Da 1970 bei uns in Europa und auch in den USA die Flüsse und Seen wegen der vielen Schmutzeinleitungen kräftig eutrophierten, hoffte man, dass der asiatische Allesfresser unsere Flüsse einfach sauber futtern würde. Dabei sollte er schön dick und rund werden, sodass ihn schließlich der Mensch selbst auf den Grill expedieren könne.

Eine fatale Fehleinschätzung. Seine Bedeutung als Umweltfaktor erwies sich als vernachlässigbar gering. Die Süßgewässer wurden seinetwegen nicht sauberer. In Amerika geschah dann die Katastrophe. Einige Exemplare entkamen aus einer Fischfarm am Mississippi und breiteten sich aus. Über den Missouri, verbindende Kanäle, Seen und Bäche. Aktuell steht Molitrix vor der Eroberung der Großen Seen, dem größten Süßwassersystem der Welt. Sollte ihm das gelingen (und es sieht ganz danach aus), wird sich eine ökologische Katastrophe abspielen.

Der Asiatische Karpfen hat keine Feinde. Kein heimischer Fisch ist ihm gewachsen. Er wächst rasend schnell und wird dabei rund 45 Kilogramm schwer. Dazu ist er äußerst schreckhaft. Geräusche und Druckwellen scheuchen ihn auf und dann springt der Koloss bis zu vier Meter hoch aus dem Wasser. Da der Karpfen in riesigen Schwärmen aufzutreten pflegt, schreckt er seine Kumpels mit auf und die Luft ist dann erfüllt von Fischschwärmen. Fischer tragen deshalb mittlerweile Sturzhelme, wenn sie die amerikanischen Flüsse befischen. Die Trefferquote, die der Fisch an Fischköpfen, Hälsen, Schultern und Brustkörben erzielt, ist recht hoch. Beulen und Blutergüsse sind die harmlosen Folgen, schwere Gehirnerschütterungen und Rippenbrüche gibt es auch.

Die Großen Seen stellen ein einzigartiges Ökosystem dar. Sollte es dem Eindringling gelingen, dort hin zu gelangen, wird er auch dort, wie schon im Illinois River, Tabularasa machen. Der Illiois River ist der Fluss mit der höchsten Karpfendichte der Welt.

Täglich muss Molitrix 40 Prozent seines Körpergewichts fressen. Das tut er mit Lust. Mit Lust pflanzt er sich auch fort, er gilt als Rekordreproduzierer unter den Süßwasserbewohnern. Das ist es, was die Spezies so robust sein lässt.

Die Amis wären nicht die Amis, wenn sie dem Eindringling nicht mit aggressiver Gewalt entgegen träten. Die Army wurde beauftragt, sich der Plage mit mititärischen Mitteln anzunehmen. Sie tut es mit Sprengstoff, Hochspannung und Ultraschall. Nichts hilft. Die Bevölkerung schreckt die Fische auf und wenn sie springen, angeln sie mit Keschern nach ihnen. So werden zwar Tonnen von Karpfen gefangen, indes, es ist ein Tropfen auf den heißen Stein. Die sportlichste jedoch auch ineffektivste Fangmethode ist die: Ein wie ein Ritter gekleideter Wasserskifahrer cruist über den Fluss. Er trägt einen Dreizack, der Poseidon neidisch gemacht hätte. Damit sticht er im Fahren nach den aufgescheuchten Fischen. Und ist dabei mehr oder eher weniger erfolgreich.

Aufgescheucht ist man mittlerweile auch im Weißen Haus. Die heimische Fischereiindustrie, die die Großen Seen befischt, schlug Alarm. Die effektivste Methode, dem Killerkarpfen den Zutritt in die Großen Seen zu verwehren ist die Schließung des Verbindungskanals vom Illinois River zum Michigansee – einer der wirtschaftlich wichtigsten Kanäle der Welt. Und das soll so gehen: Im Osten, kurz vor dem Chicagoer Binnenhafen, entsteht eine wuchtige Betonbarriere im Kanal. Ebenso im Westen, Richtung des Illinois River. Dazwischen trocknet der Kanal auf einigen Metern aus. Verbunden werden die beiden Betonsperren durch eine aufwändige Krananlage, die Schiffe entlädt und auf der jeweils anderen Seite wieder andere Schiffe belädt. Der Vorteil: Das wäre eine sehr effektive Methode, dem Karpfen den Weg abzuschneiden. Die vielen Nachteile: Nach Expertenmeinung sind schon Hunderte von Molitrix in die Großen Seen vorgerückt. Ohnehin würde das Bauvorhaben rund 25 Jahre dauern und ebenso viele Milliarden Dollars verschlingen. Ob der Fisch so lange seine Invasionspläne auf Eis legt, ist fraglich. Außerdem hat er zwischenzeitlich einen wichtigen juristischen Streit gewonnen: Das Oberste Bundesgericht wies eine Klage des Staates Michigan gegen den Staat Illlinois ab, die diesen verpflichten sollte, den Kanal zu schließen.

Eine andere Strategie hat sich Präsidentenberater Mario Fuccini ausgedacht. Als Amerikaner mit italienischen Wurzeln will er die Sache kulinarisch lösen: „Esst die Plage doch auf!“, fordert er von seinen Landsleuten. In der Tat hat diese Idee etwas für sich. Der Mensch ist derzeit ohnehin dabei, allen Lachsen, Tunen, Heringen und Dorschen den Garaus zu machen. Wie wäre es also, jene einfach in Ruhe zu lassen und den Asiatischen Karpfen auszurotten? Das wäre doch mal ein gutes Werk.

Das Problem liegt ganz einfach im fragwürdigen Geschmack des Fisches. So richtig scheint er wirklich nicht zu schmecken. Allenfalls als Sperrholzfisch im Sinne einer Fischboulette scheint er zu taugen, den originalen Gout hinter vielen Gewürzen, Geschmacksverstärkern und chemischen Saucen versteckt. Man könnte aus Molitrix auch Fischfutter für wirklich wertvollen Zuchtfisch machen. An jene Lösung scheint noch niemand gedacht zu haben. Jedenfalls ist eine intensive Befischung durch Fangflotten weit und breit nicht in Sicht. Also ist entweder der Leidensdruck der Betroffenen noch nicht hoch genug oder man hat das Ausmaß des Dramas noch nicht erfasst oder man nimmt es in typisch amerikanischer Weise einfach nicht ernst. Einen Film dazu finden Sie unter der Rubrik Videos, hier klicken.

Foto: Harko Akas/Wikipedia