Tansania
s44_adac0099Orient trifft Afrika
Von Kirsten Clahr (Text) und Beo Brockhausen (Fotos)

Pemba, eine kleine Nachbarinsel von Sansibar, ist reich an landschaftlichen Schönheiten und in ganz Ostafrika bekannt für spirituelle Heilmethoden
und Voodoo-Zauber. Aber das beste: Eine Vielzahl an unberührten Tauchplätzen wartet.
Wenn schrille Gesänge und Trommeln erklingen, wird meist irgendwo wieder einer dieser bösen Geister verjagt. Diese afrikanischen Traditionen vermischen sich mit der Welt des Orients – jahrhundertelange arabische Herrschaft durch die Sultane des Oman haben den Archipel geprägt. Heute gehören 95 Prozent der Bevölkerung dem islamischen Glauben an, der hier sehr gemäßigt praktiziert wird.
Diese Mischung aus Afrika und Orient macht den ganz besonderen Charme von Pemba aus. Der Hauptort Chake Chake ist ein lebendiger, quirliger Ort und idealer Ausgangspunkt, um die fantastischen Tauchplätze zu erkunden. Der Tourismus steckt auf Pemba noch in den Kinderschuhen, die Infrastruktur ist eher dünn. Wer hierher kommt, sollte ein wenig Pioniergeist mitbringen und nicht damit rechnen, Hotels, Discos oder Einkaufsmeilen zu finden. „Msungu“ ist eins der ersten Wörter, die man auf Kisuaheli lernt. Das heißt soviel wie Weißer oder Fremder und wird Urlaubern täglich kichernd von kleinen Kindern hinterher gerufen.

Die alte Quäkermission ist Unterkunft

Die Swahili Divers sind im Hauptort Chake Chake stationiert. Eine alte Quäkermission wurde in ein Gästehaus für Taucher verwandelt. Besitzer, Tauchlehrer, Tellerwäscher, Fotograf, Anthropologe und vor allem Reisender Raf Jah ist türkisch-indischer Abstammung. Zusammen mit seiner holländischen Frau Cisca betreibt er die Tauchbasis und das einfache Gästehaus. Im Erdgeschoss ist das Tauchcenter untergebracht, im ersten Stock befinden sich die einfachen Zimmer, einige mit eigenem Bad, andere mit Gemeinschaftsbädern. Die Terrasse ist Treffpunkt zum Sundowner und zum allgemeinen Austausch der täglichen Taucherlebnisse. Gegessen wird gemeinsam auf einer weiteren Terrasse im Erdgeschoss. An der langen Tafel werden Reiseerfahrungen ausgetauscht und Pläne für die nächsten Tage gemacht. Sogar einen kleinen Pool haben Raf und Cisca inzwischen im Garten angelegt, der so tief ist, dass Tauchkurse darin abgehalten werden können.
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Traditionelle Dhows sind das Transportmittel in den Gewässern um Pemba und Sansibar. Damit geht es dann auch hinaus zu den Tauchspots. Dalla Dallas, eine Art Sammeltaxis, bringen die Taucher von der Swahili Divers Lodge hinunter zum Hafen. Hier haben die Mitarbeiter meist schon die Ausrüstung an Bord der Dhow montiert. Und dann heißt es erst einmal relaxen, das Boot braucht ein bis zwei Stunden zu den Tauchplätzen. Zeit, etwas zu lesen, Delfine zu beobachten oder die großen, schwer beladenen Dhows der Inselbewohner, die am Tauchschulschiff vorbeisegeln.

Tauchplätze: Kenner schnalzen mit der Zunge

Misali Island ist eines der vielen taucherischen Glanzlichtern. Auf dieser kleinen paradiesischen Insel soll der berüchtigte Pirat Captain Kidd im 17. Jahrhundert einige seiner Schätze versteckt haben. Über Wasser wurden bisher keine Juwelen entdeckt. Doch unter Wasser findet man in den Korallengärten jede Menge Kostbarkeiten. Kein Wunder, seit 1998 sind die Riffe bereits Schutzgebiet. Salatkorallen soweit das Auge reicht, Tischkorallen, unter denen sich Süßlippen putzen lassen. Ein Traum für Fotografen ist das Dog Reef vor Misali. Hier kann man an einem Korallenblock Hunderte von Garnelen beobachten. Wer Fotos macht, kann an dieser Stelle problemlos einen gesamten Tauchgang verbringen. In den Sandflächen zwischen den Korallenblöcken verstecken sich Grundeln mit Partnergarnelen. Misali ist umgeben von zahlreichen Tauchplätzen. Am Big V, benannt nach der V-Form eines großen Korallenblocks, verbergen sich zwei pinkfarbene Schaukelfische, die ein geübtes Auge auch schnell findet. Mit Glück begegnet man dösenden Schildkröten, Barrakudas, Napoleonfischen und sogar Mantas. Ein Schwarm von rund 30 Fledermausfischen ist am Tauchplatz Coral Garden ansässig.
Nördlich von Misali liegen weitere Inseln. Hier ist Steilwandtauchen angesagt. Mit der Strömung geht es an der Riffwand entlang. Devils Wall, Chillies Reef, O Canada oder Ataturks Wall sind die Namen der Tauchplätze, die wir hier erkunden.

Raf hat es sich nicht nehmen lassen, zumindest einen Tauchplatz nach dem Urvater der Türkei zu benennen. Die Wand hat einiges an Leben parat. Hunderte Makrelen, Doktorfischschwärme, Schnapper, Rotfeuer- und Strahlenfeuerfische unter Überhängen und einige große Napoleonfische. Beim Austauchen macht es Spaß, vorwitzige Anemonenfische in ihren Behausungen zu beobachten. Die meisten Anemonen sind zudem noch Gastgeber der dekorativen Porzellankrabben. Chillies Spit ist ein Riff, das sanft abfällt und auf etwa 20 Meter Tiefe in einer Sandfläche endet. Hier finden sich Kuriositäten wie Geisterpfeifenfische, farbenfrohe Nacktschnecken und Flachwürmer. Bei genauerem Hinsehen enttarnen aufmerksame Taucher die einzelnen Korallenbrocken in den Sandflächen als gut getarnte Steinfische. Getaucht wird bei den Swahili Divers im Buddy System. Zwar ist bei jedem Tauchgang auch ein Guide dabei, doch wer fotografiert, bleibt sowieso meist hinter den anderen Tauchern zurück. Strömungen sind auf Pemba an der Tagesordnung. Und die können auch mal etwas heftiger werden. Da die Dhows nicht mit starken Motoren ausgestattet werden und nicht immer sofort die Taucher erreichen können, ist es unbedingt empfehlenswert, eine eigene Signalboje dabei zu haben und diese schon beim Sicherheitsstop nach oben zu schicken. So kann der Kapitän die Taucher rechtzeitig orten. Wer sich unsicher fühlt, sollte sich an den Guide halten. Alle Tauchguides sind mit einem GPS Sender ausgestattet, der im Notfall an der Oberfläche aktiviert werden kann.

Urlaub pur an Strand und Land
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Die Swahili Divers liegen nicht am Strand. Doch das macht überhaupt nichts, denn man ist ja sowieso den ganzen Tag zum Tauchen unterwegs. Und die Strände, die es dann zu sehen gibt, sind einfach nur traumhaft. Vor allem hat man sie fast für sich alleine, von Menschenmassen keine Spur. Zwischen den Tauchgängen wird ein Picknick auf einer der unbewohnten Inseln eingelegt. Robinson-Feeling garantiert.
Pemba ist eine grüne Insel, bedeckt mit Nelkenplantagen, Mangobäumen, Bananenstauden und, an der trockeneren Ostküste, mit zahlreichen Baobabs, den bizarren Affenbrotbäumen. Wer sich von der Unterwasserwelt losreißen kann, kann problemlos Ausflüge unternehmen. Die einfachste Möglichkeit ist es, sich ein Dalla Dalla mit Fahrer zu mieten und sich an den Ort seines Interesses bringen zu lassen. In den Norden zum Beispiel, wo im Ngezi Forest Überreste des ursprünglichen Urwaldes von Pemba heute ein Naturschutzgebiet und Lebensraum für einige endemische Tiere und Pflanzen sind. Überreste eines Sultansitzes aus dem 15. Jahrhundert liegen rund zehn Kilometer von Chake Chake entfernt. Kajaktouren durch die Mangroven haben sich die Swahili Divers auf Yap bei Bill Acker abgeguckt. Und für besonders Abenteuerlustige läßt sich auch eine richtige Robinsonade inklusive Camping und Lagerfeuerromantik auf einer einsamen Insel einrichten.
Urlaub auf Pemba, das bedeutet einfacher Tauchurlaub auf das Wesentliche be-schränkt. Wer Discorummel sucht, Shoppingmalls oder mondäne Yachthäfen, ist mit Sicherheit hier falsch. Wer jedoch unberührte Tauchgründe schätzt, individuelle Betreuung und die Möglichkeit, Land, Leute und eine Jahrtausende alte Kultur sicher und ungefiltert kennen zu lernen, der ist auf Pemba sehr gut aufgehoben.