Piraterie
Der Fluch der Karibik
Im Sommer lief der zweite Teil des Piratenspektakels in unseren Kinos an, im richtigen Leben sind und waren die Piraten eine regelrechte Plage – und eine gefährliche dazu. Besonders aktiv gaben sich die Freibeuter zwischen 1600 und 1800 um die Karibischen Inseln herum.

Von Johann N. Atzenbacher

s23_morgan,henry-1Das erste Zeugnis von Piraterie geben uns Hiroglyphen aus dem alten Ägypten. Die schildern, schon vor mehr als 5000 Jahren, auf einer Steinplatte, die man am Roten Meer gefunden hat, einen Akt von Piraterie. Fischer und Kaufleute des antiken Griechenland waren besonders schwer getroffen und im Mittelalter zeigten sich Ostsee und Mittelmeer geradezu von Piraten verseucht. Einen Höhepunkt erreichte das Freibeuterwesen zwischen 1600 und 1800 in der Karibik. Ja, der karibische Raum wurde geradezu zum Synonym für Freibeuterei. Was war in jener Zeit jenseits des Atlanik nur los? Zunächst waren im alten Europa die Karten ungemischt. Die Seefahrernation Spanien hatte Amerika entdeckt und begann die neue Welt ungeniert auszubeuten. Das weckte die Begehrlichkeiten von England, Holland, Portugal und Frankreich. Plötzlich zog es alle über den großen Teich und plötzlich fokussierten sich die verschiedenen Interessen in einem Punkt: Der Karibik. Die vielen Schiffe, die hinüber in die Neue Welt geschickt wurden, brauchten Besatzungen. Die entführte man sich von der Straße weg. Schanghaien lautete der Fachausdruck für diese Art der Personalbeschaffung. Man hielt die Männer oft jahrelang auf Handelsschiffen oder den Schiffen der Krone fest. War der Auftrag dann erledigt, brauchte man sie nicht mehr und man setzte sie irgendwo ab. Dass sich die derart Entwurzelten dann zusammenrotteten, sich ein Schiff besorgten und auf eigene Rechnung Beute machten, war ein logischer Schritt. Die Verhältnisse auf den (nennen wir sie einmal offiziellen) Schiffen war katastrophal. Die Seeleute litten unter fehlender medizinischer Versorgung, hatten fast immer zu wenig Proviant, ein diktatorischer, meist sogar grausamer Kapitän bestimmte willkürlich die Regeln. Derart gebrannt, versuchten die Piraten auf ihren Schiffen alles besser zu machen. Ja, es ging auf den meisten sogar sehr demokratisch zu. Der Kapitän war der Primus inter Pares, bekam weder besseres Essen noch eine eigene Kajüte. Er musste sich regelmäßig vor dem Mannschaftsrat verantworten und konnte abgewählt oder gar verurteilt werden. Auf vielen Schiffen war die medizinische Versorgung geradezu vorbildlich.
Und es gab bei den Freibeutern eine Art Sozialversicherung: Verletzungen wurden nach einem bestimmten, vorher festgelegten Tarif, vergütet. Ebenso besondere Aufgaben auf dem Schiff. Spezialisten wie der Zimmermann, der Segelmacher. Wer krank war, bekam eine Art Ausfallgeld, vielerorts gab es sogar eine Altersrente. Die Geschichte wird aber noch komplexer. Nicht nur freie, das heißt auf eigenes Risiko und auf eigene Gefahr arbeitende Piraten (daher kommt das Wort Freibeuter) durchstreiften die Karibik, auch solche, die quasi im staatlichen Auftrag unterwegs waren. Kaperer, im Auftrag Hollands, Englands, Frankreichs oder Portugals mit dem Auftrag unterwegs, der jeweils anderen Partei so viel wie möglich Beute abzunehmen. Jene Piraten waren mit sogenannten Kaperbriefen der Krone oder des Gouverneurs versehen. Viele von ihnen starben als reichste Männer. Manche wurden, zum Dank für ihre Dienste, zum Gouverneur einer Provinz oder einer Insel befördert – und hatten so wiederum die Möglichkeit, ihren Bezirk auszubeuten.

Daten der Geschichte

1492 Kolumbus entdeckt Amerika neu. Neu, nachdem man heute weiß, dass bereits Ägypten und Karthago, später die Wikinger, Handelsbeziehungen dorthin hatten. Kolumbus landet am 12. Oktober 1492 auf der Insel Guanahani, die heute zu den Bahamas gehört.

1501 Mit der Einsetzung von Alonzo di Ojeda als Gouverneur von Venezuela beginnt die Zeit der Conquista mit der Versklavung und Verschleppung der Urbevölkerung. Viele kleine, küstennah lebende Stämme sind schon 1505 ausgerottet.

1513 Der Kartograph Juan de la Casa erstellt eine Landkarte der bereits entdeckten Küstenlandstriche und Karibikinseln.

1550 Holland, eine Provinz des Deutschen Reiches, gründet in Amsterdam eine Handelsgesellschaft mit dem Namen West Indien Compagnie (WIC). Die WIC unterhält nur etwa zehn Schiffe und beschäftigt 200 Menschen. In guten Jahren bis zu 4500 Prozent Gewinn.

1618 Beginn des Dreißigjährigen Krieges in Europa. Holland gelingt es, sich weitgehend draußen zu halten.

1634 nimmt es Spanien durch eine Militäroperation die ABC-Inseln weg. Nur acht Schiffe und 200 Soldaten werden von Holland dazu eingesetzt.

1619 Die ersten Sklaven werden von Afrika in die Karibik und auf das angrenzende Festland verschleppt.

1636 Neben Spanien und Holland drängen verstärkt auch Engländer und Franzosen in die Karibik und nach Mittelamerika. Es beginnt die Zeit der Neu(zu-)ordnung der verschiedenen Inseln. Das Piratenwesen hat sich etabliert und wird zur ständig wachsenden Bedrohung.

1640 Die Urbevölkerung von Kuba, Jamaika und Hispaniola ist gänzlich ausgerottet. Es werden so viele Sk laven wie nie in die Karibik gebracht. Peter Stuyvesand wird Gouverneur von Curaçao, unter seiner Herrschaft wird Curaçao zur Drehscheibe der Sklaverei.

1646 verlässt Peter Stuyvesand Curaçao, um Gouverneur von Neu Amsterdam (heute New York) zu werden.

1648 Ende des Dreißigjährigen Krieges in Europa. Die gesamte Niederlande wird vom Deutschen Reich abgetrennt. Sofort paktiert die Niederlande mit Spanien um den Westindenhandel untereinander aufzuteilen.

1700 Spanien schwächelt. Es verliert in Europa durch geschickte Politik Englands und Frankreichs an Bedeutung. Dadurch gewinnen die beiden Länder in der neuen Welt Boden. Sie beharken sich vor allem auf dem nordamerikanischen Teilkontinent.

1750 Um die erstarkenden europäischen Kräfte Preußen und Österreich zu binden, werden in Europa neue Händel geschürt. Die niederländische WIC sinkt ständig in ihrer Bedeutung.

1795 Ein riesiger Sklavenaufstand in der Karibik wird blutig niedergeschlagen.

Ab 1800 Im Zuge der Napoleonischen Kriege in Europa verschieben sich auch in der neuen Welt die Verhältnisse. Nutznießer ist England.

1816, nach dem Wiener Kongress, muss England anderen Staaten Karibikinseln zurückgeben.

1939 bis 1945 Zweiter Weltkrieg. Amerika und die Niederlande übernehmen den Schutz der Karibik vor deutschen Truppen.

Nach 1945 Im Zuge der Demokratisierung und Liberalisierung der Welt geben viele europäische Staaten ihre Kolonien in Mittelamerika frei. Dadurch kommt es zu Verschiebungen der Machtverhältnisse, Amerika nimmt immer mehr Einfluss auf einzelne Inseln, beispielsweise auf Kuba durch das Batista-Regime. Batista wird schließlich durch einen Staatsstreich von Fidel Castro abgelöst, der sich politisch der Sowjetunion annähert.

1962 Kubakrise. Die Sowjetunion will auf Kuba Atomraketen stationieren. Einige Wochen lang steht die Welt auf der Schwelle zu einem dritten Weltkrieg.

Ab 1970 Die typischen Agrarprodukte der Karibik verlieren auf dem Weltmarkt an Wert. Tourismus wird zum Hauptgeschäft.