Reisewarnung Ägypten kritisch betrachtet

H.K.

Schon vor der Revolution gab es in Ägypten immer wieder Terroranschläge auch auf Touristenziele.  Am 17. November 1997 kamen bei einem Anschlag in Luxor 58 ausländische Touristen ums Leben (mehr Info hier) . Es folgten in kurzen zeitlichen Abständen weitere Anschläge. Eine Aufzählung der wichtigsten Ereignisse findet man bei Wikipedia . Nun könnte man annehmen, dass Ägypten spätestens seit den späten 90er Jahren ein Dauergast auf der Liste der Länder war, für die das Auswärtige Amt eine Reisewarnung ausgegeben hatte. Weit gefehlt. Die Tourismusbranche in Ägypten erlebte einen Aufschwung, die Deutschen avancierten zur zweitwichtigsten Urlaubergruppe des Landes. Insbesondere die Taucher waren unerschrocken und flogen in ihren geliebten Tauchurlaub am Roten Meer oder auf den Sinai, Anschläge konnten sie nicht davon abhalten. Warum hat sich das geändert? Wir wissen, dass viele Taucher noch immer Hände ringend nach Möglichkeiten suchen, ihren Tauchurlaub in Ägypten zu verbringen, allerdings machen ihnen die Fluggesellschaften seit Jahren einen Strich durch die Rechnung. Flüge werden storniert, oder es werden erst gar  nicht ausreichend Flugverbindungen  zu den üblichen Tauchzielen angeboten. Ägypten ist nun Dauergast auf der Liste der 'gefährlichen Länder'. Was steckt dahinter? Gibt es hierfür wirtschaftliche oder politische Motive? Die Anschläge alleine können wohl kaum der Grund für die Reisewarnungen und Flugstornierungen sein, was alleine die geschichtliche Entwicklung der Anschläge in Ägypten beweist.

Im Anhang finden Sie eine ungekürzte Stellungnahme von SUBEX, einem Unternehmen, das seit über 20 Jahren erfolgreich im Tauchtourismus in Ägypten tätig ist:

Nach September letzten Jahres hatten wir „Ausgewanderten“ eigentlich gehofft, mit diesem Thema endlich abgeschlossen zu haben: Der Reisewarnung.
Doch erneut haben sich einige Europäische Staaten – speziell Deutschland, die Schweiz und Italien – entschlossen eine Reisewarnung – diesmal für den Sinai – herauszubringen.
Deutschland ging sogar so weit eine sofortige Abreise zu empfehlen, mit den allseits bekannten Konsequenzen.
Die Schweiz agierte zurückhaltender und rät von „Reisen auf die Sinai-Halbinsel einschliesslich aller Badeorte (u.a. Dahab, Sharm el-Sheikh, Nuweiba)“ dringend ab, Taba namentlich zu erwähnen hat man hier wohl vergessen.
Italien belässt es gar bei einem milden „es wird nicht empfohlen Reisen auf die Sinai-Halbinsel einschliesslich der Badeorte Sharm El Sheikh, Dahab Nuweiba und Taba zu unternehmen...“
Und dennoch....
Die Reiseveranstalter – speziell die Branchengrößen TUI, Thomas Cook, Kuoni und Hotelplan – stellten die Flüge in die Region ein, gerade jetzt zu Beginn der Saison. Reisen werden storniert oder umgebucht auf die Festlandregionen des Roten Meeres. Ein Schnitt ins eigene Fleisch, sollte man meinen. Aber nur auf den ersten Blick.
Warum gerade jetzt? Es hat einen Anschlag gegeben, im israelisch-palästinisch / ägyptischen Grenzgebiet, im äußersten Norden der Sinai Halbinsel, einer Region, vor der schon lange gewarnt wird, auf allen Seiten der Grenzen. Mehrere Menschen mussten dort Ihr Leben lassen. Dies ist zugleich zutiefst traurig wie unverzeihlich und die verantwortliche radikale Gruppe droht zudem mit weiteren Anschlägen. Dies sind Tatsachen, dies können und wollen wir nicht in Frage stellen oder beschönigen.
Dennoch erlauben wir uns die getroffenen Massnahmen zu hinterfragen.
Warum stufen einige europäische Nationen die Lage so ein, dass Sie von Reisen nach Sharm El Sheikh, Dahab, Nuweiba und Taba abraten, während mit Stand von heute (09.03.2014) unter anderem auf den Seiten Englands, Frankreichs und Österreichs von Reisen in die genau gleichen Regionen ausdrücklich NICHT abgeraten wird?
Ist denn nur für Deutsche, Schweizer und Italiener eine Gefährdungssituation gegeben? Wohl kaum. Interessieren sich die anderen europäischen Nationen weniger für Ihre Bürger? Wohl auch nicht! Was ist es dann?
Viel bleibt da nicht übrig, nüchtern betrachtet. Geht es eventuell gar um wirtschaftliche Interessen?
Deutschland, die Schweiz und Italien stellen einen beträchtlichen Anteil der Touristen in Ägypten, die Reiseveranstalter und Reisenden dieser Länder profitieren seit Jahren von sinkenden Preisen.
Dies tun sie auf Kosten des Gastlandes, auf Kosten der dort lebenden Menschen. Sinkende Preise bedeuten weniger Gehalt, weniger um die Familie zu ernähren, kein Geld für Schulgebühren, Bücher und Kleidung. Dabei weiß ein jeder von uns „gebildeten Europäern“: Für eine Demokratie braucht es Bildung, braucht es eine Sicherung der Grundbedürfnisse. Beides kostet Geld.
Und Demokratie wird erwartet, von Europa, von der westlichen Welt! Gleichzeitig aber wird erneut übermäßig reagiert, wird erneut die finanzielle Grundlage dieser Demokratie für Millionen von Ägyptern entzogen. Mit was sollen der Prozess der Demokratisierung und die geforderte Sicherheit denn bitte schön noch bezahlt werden? Sicher nicht von arbeitslosen Kellnern, Zimmermädchen, Taxichauffeuren und schlecht bezahlten Polizisten.
Doch scheinbar kümmert dies die in Sicherheit und Wohlstand lebenden Unternehmen wenig; Hauptsache Gewinnoptimierung.
Nun fliegen große Reiseveranstalter – seit gestern (08.03.2014) sogar verlängert bis Ende April anstelle Mitte März - nicht mehr in den Sinai. Kurzfristig bedeutet dies sicher einen finanziellen Einbruch, auch für die Big Player. Langfristig wird das anders aussehen – und schon füllen sich die Resorts der Konzerne auf der „anderen“ Seite Ägyptens.
Warum diese zeitliche Beschränkung? Wird die Reisewarnung dann etwa wieder aufgehoben? Das kann wohl keiner sagen – oder besser: das sollte keiner sagen können, außer den zuständigen auswärtigen Ämtern. Ist eine Terrorismus-Drohung in 14 Tagen oder in einem Monat weniger real? Nein! Die Sicherheitslage in der Region um Sharm El Sheikh, Dahab und Nuweiba wird dann noch genauso sein wie jetzt – aus unserer Sicht ohne erhöhten Anlass zur Sorge.
Bemerkenswert ist doch, dass bisher das Preisniveau des Sinai deutlich über dem der anderen Rotes- Meer- Regionen lag. Abzuwarten bleibt, ob das auch weiterhin der Fall sein wird. Schon einmal blieben die Flieger aus, die Preise gingen runter. Teils auf Druck der Veranstalter, die die Gelegenheit nutzen, um neue, noch niedrigere Preise auszuhandeln.
Damit können „die Europäer“ auch weiterhin zum Schnäppchenpreis in die Sonne fliegen! Ein dreifach Hurra!
Langfristig wird damit die Lebensader eines Landes systematisch ausgepresst, der Preisverfall macht wirtschaftliches Arbeiten immer schwerer. Dringende Ökologische Errungenschaften, die in Jahrzehnten am und im Roten Meer erkämpft und erhalten wurden, fallen dem Massentourismus und der zunehmenden Verarmung der Bevölkerung wieder zum Opfer.
Und wo stehen wir „Auswanderer“ in all diesem Wirrwarr? Kopfschüttelnd am Rande, an der Aussenlinie. Ungehört, ungefragt... unerwünscht?
Wertigkeit zu schaffen war und ist das Anliegen vieler Unternehmen hier, soziale Wertigkeit, Qualität, Sicherheit. Dies alles wird nun erneut in Frage gestellt, wird erneut zur Zerreisprobe zwischen unternehmerischem Denken und sozialer und ökologischer Verantwortung gemacht. Auf dem Altar dieser „Geiz ist geil“ Mentalität wurde schon viel geopfert: Die seltenen Erden unserer Computer werden von Kindern in giftiger Umgebung zurückgewonnen, die Erde nicht nur vom Öl leergepumpt. Riffe werden erst geschützt und nun gnadenlos wieder befischt und dort Anker geworfen. Nach uns die Sintflut? Auf diesem Weg bestimmt.
Nachhaltiger, verantwortungsvoller Tourismus hat nicht nur Sinn, er hat auch einen Preis. Die Daumenschrauben die – ob nun mit dem Mittel oder vor dem Hintergrund von Reisewarnungen - durch die Reiseveranstalter diktiert werden, haben aufgehört zu zwicken; sie beginnen sehr zu schmerzen.
Natürlich muss die Einschätzung von Risiken sein, für Unternehmen, für Staaten. Natürlich müssen die Bürger unserer Länder geschützt werden vor Gefahren, müssen zumindest gewarnt sein. Aber warum herrscht keine Einigkeit darüber, wie weit die Warnung gehen muss? Warum – wenn für ganz Ägypten gedroht wird – werden nur die finanziell noch etwas unabhängigen Regionen „gesperrt“ – und warum, nochmal, nur von Einzelnen Unternehmen wie Ländern?
Demokratie fordern aber im gleichen Zuge deren Finanzierung zugunsten des eigenen Profits verunmöglichen? Das ist zynisch und menschenverachtend.
Johann Vifian Schweizer Staatsbürger Seit 29 Jahren in Ägypten lebend
Tobias Stötzel Deutscher Staatsbürger Seit 5 Jahren in Ägypten lebend
Hurghada, Sonntag den 09.03.2014