Die Delfine von Shaab Samadai

Von Dr. Constanze Conrad

s.62Aktivitäten zum Schutz von Meeren und Lebewesen gibt es viele. Doch viele davon bleiben im Stadium des Bemühens stecken. Anders ein Schutzprojekt, das die Spinner Delfine des beliebten Dolphin House vor zudringlichen Tauchern bewahrte. 

Fast jeder Rotmeer-Taucher kennt die Delfine von Shaab Samadai, einem Riff, das auch Dolphin House genannt wird. Aber kaum jemand die Geschichte um den Einsatz, der hinter dem Schutz dieses einmaligen Habitates steht. Heute präsentiert sich das Dolfin House nahezu als Idylle mit begrenzten Besucherzahlen und geschützten Delfine. Doch das war es nicht immer so. Shaab Samadai ist ein Außenriff südlich von Marsa Alam. Seine Hufeisenform bildet eine Lagune aus und bietet somit einen sehr geschützten Bereich. Und genau dies ist der Grund warum sich Schulen von Spinner Delfinen (Stenella longorostris) Shaab Sa-madai als Zuhause ausgesucht haben. Sie kommen nicht nur zum Schlafen und um sich auszuruhen hierher, sondern auch, um ihre Babys zur Welt zur bringen. Die geschützte und flache Lagune ist ein idealer Ort, an dem die erwachsenen Tiere den Jungen all das beibringen können, was ein kleiner Delfin so alles zum Leben und Überleben wissen und können muss. Eine wahre Delfin-Kinderstube.Entdeckt für den Tauchtourismus wurde Dolphin House in den Neunziger Jahren als geschützter Ankerplatz für Safariboote in der Nacht. Die Spinner Delfine von Samadai waren eine schöne Zugabe. Ein, zwei Tauchgänge am schönen Riff, dazwischen schnorcheln und spielen mit den Delfinen und natürlich die Nachttauchgänge nicht zu vergessen. Wenn man schon die Möglichkeit hat, zu sehen, wie Delfine schlafen, dann nimmt man dies doch gerne wahr. Doch wer dachte dabei an die Tiere?

Schlauchboote durchpflügten die Herde und 100 Schnorchler pro Tag störten

s.64Primär erstmal niemand. Nicht die Taucher, die (verständlich) ihren Spaß haben wollten, und schon gar nicht die Safariboot-Betreiber, die mit den Meeressäugern Geld verdienten. Aber es gab sie doch, eine kleine Gruppe von engagierten Tier- und Delfinschützern, die es nicht länger mit ansehen wollte, wie Schlauchboote die Delfinschulen jagten und durch sie hindurchpflügten, um Taucher und Schnorchler möglichst nahe an die Tiere heranzubringen. Immer wieder wurden Delfine mit Verletzungen und tiefen Wunden, die eindeutig von Propeller und Bootsmotoren stammten, beobachtet. Ein Plan musste her. Wie wäre es, die Boote ganz aus der Lagune zu verbannen und Nachttauchgänge zu verbieten? Das würde die Spinner Delfine von Samadai vor den ärgsten Verletzungen schützen und ihnen ihre Nachtruhe wieder zurückbringen. Endlose Gespräche mit den verschiedenen ägyptischen Behörden folgten, leider mit wenig Erfolg. Publicity – die Presse ist immer gut – mußte her. Und gleich noch dazu ein internationaler Aufruf zum Verschicken von Protestmails an die ägyptischen Offiziellen. Internationale Vertreter der Printmedien aus der Taucherszene wurden ebenso eingeladen wie verschiedene Filmteams. Und sie kamen und berichteten über die Delfine von Shaab Samadai und die Bemühungen, sie zu schützen. Besonderer Dank gilt dabei der BBC und dem schweizer Fernsehen, die die Ereignisse verfolgten und in meheren Reportagen die Fortschritte dokumentierten und das Thema bei den Zuchauern im Gedächtnis hielten. Die Protestmails und Presse-Beiträge fruchteten und der damalige Gouverneur des Roten Meeres, General Saad Abu Rida, gewährte einen Gesprächstermin, bei dem ihm Bilder aus den Fernseh-Reportagen vorgespielt wurden. Bilder von Schlauchbooten, die Delfine jagten und Massen von Schnorchlern, die versuchten, Delfine anzufassen und auf ihnen zu reiten. Vor laufender Kamera sagte General Abu Rida darauf hin den entscheidenden Satz: „Ich werde tief greifende Maßnahmen veranlassen“. Wenig später wurden Boote aus der Lagune verbannt, die HEPCA (Hurghada Environmental Protection and Conservation Association) installierte neue Ankerbojen für die Ausflugsboote weiter außerhalb vor dem Riff, es wurden schwimmende Infotafeln aufgestellt und in der Lagune der Delfine durften sich nur noch Schnorchler mit den Delfinen tummeln. Taucher wurden an die Außenriffe verbannt. Taucher erzeugen Luftblasen und das ist das Problem. Zum einen reflektieren die Blubberblasen die von den Delfinen ausgesendeten Sonartöne und irritieren sie dadurch. Zum anderen nutzen Delfine Luftblasen zu ihrem eigenen Schutz. Wissenschaftler haben in freier Wildbahn beobachtet, dass Delfinschulen mit Jungtieren im Freiwasser häufig von Haien verfolgt werden, die versuchen, sich einen leckeren kleinen Happen als Abendessen zu sichern. Zum Schutz erzeugen die erwachsenen Tiere einen Blasenvorhang. Dieser scheint den Raubfischen undurchdringlich und schützt somit die Jung-Delfine vor ihren Verfolgern. Deshalb geraten Jungdelfine bei Blubberblasen in Panik und stehen unter Stress. Sie können natürlich nicht unterscheiden zwischen Freund oder Feind, zwischen Taucher oder Raubfisch. Alles schien gut. Shaab Samadai geschützt, Delfine ohne Stress, Taucher und Schnorchler mit der Möglichkeit, die Tiere trotzdem beobachten zu können. 62.2Die Idylle dauerte gut eineinhalb Jahre, dann war es mit der himmlischen Ruhe vorbei. Denn da entdeckte die ABC-Industrie Shaab Samadai für sich. „Schwimmen und Spielen mit Delfinen“, „Tagesausflug zum Delfinriff“ konnte man überall in den Straßen und Ausflugsbüros entlang der Küste lesen. Die Tagestour zu den Delfinen von Samadai inklusive angenehmer Bootsfahrt und Mittagessen fand großen Anklang bei den Touristen aus aller Herren Länder. So kam es, dass sich täglich zwischen 1000 und 1200 Besucher bei den Delfinen einfanden. Sie erzeugten zwar keine Blubberblasen, aber plantschten, schrien, berührten die Delfine und versuchten sogar auf ihnen zu reiten. Das war nicht gerade das, was sich die Umweltschützer und wahrscheinlich auch die Delfine unter einer „Protected Area“, einem Schutzgebiet, vorgestellt hatten. Also wurde wieder eine Aktion gestartet. Das ganze von vorn: Presse einladen, Be-richterstattung, Protestmail-Aufrufe, Termine mit den Behörden und endlose Gespräche. Glücklicherweise fruchteten auch dieses Mal wieder die Bemühungen und so stellten Delfinschützer und Behörden gemeinsam einen „Schutz-Plan“ für die Delfine von Samadai auf. Die wichtigsten Punkte in diesem Plan waren eine Limitierung der Besucherzahlen und eine Zonierung des Riffes. Die Delfine sollten eine Schutzzone erhalten, zu der jedem, der kein natürlicher Flossenträger war, der Zugang verwehrt bliebe. In diese Schutzzone können sich die Delfine zurückziehen, wenn sie ihre Ruhe vor den Besuchern haben möchten. Am 15. Oktober 2003 wurde das Riff Shaab Samadai für zehn Wochen für Taucher, Schnorchler und Besucher geschlossen. In dieser Zeit waren internationale Wissenschaftler vor Ort, um das Verhalten der Tiere zu studieren und um herauszufinden, wann sich die Spinner Delfine wo im Riff aufhalten, wo sie schlafen und welche Wege sie nutzen. Denn was nützt es eine Delfin-Ruhezone einzurichten, wenn die Meeressäuger an ganz anderer Stelle ihren Schlafsack ausrollen?Drastische Strafen drohen allen,die Versrstöße begehenAm 1. Januar 2004 dann die feierliche Wiedereröffnung von Dolphin House für den Besucherverkehr. 100 Taucher und 100 Schnorchler dürfen fortan täglich den Delfine von Samadai einen Besuch abstatten. Zone A bleibt den Delfinen vorbehalten. In Zone B dürfen sich die Schnorchler tummeln und die Delfine bestaunen, die mit den Menschen interagieren möchten. Die Zone C ist für Schlauchboote vorgesehen und Zone D für die größeren Boote. Taucher dürfen auch weiterhin am Außenriff und den umliegenden Pinacles tauchen und das Höhlensystem bestaunen. Es wurden auch feste Besuchszeiten eingerichtet, von 10.00 bis 15.00 Uhr darf man sich in Shab Samadai aufhalten. Die Schutzgebühr, die jeder Besucher zu entrichten hat, geht an die EEAA (Egyptian Environmental Affairs Agency), die von den Geldern Ranger bezahlt, die täglich vor Ort sind und die Einhaltung der Regeln überwachen. Soweit funktionieren die Schutzmaßnahmen sehr gut. Nur selten gibt es noch Verstöße, die sogleich mit empfindlichen Strafen geahndet werden. So können zum Beispiel Boote für einen gewissen Zeitraum an die Kette gelegt werden oder es muss der doppelte Preis der erworbenen Samadai Tickets als Strafe gezahlt werden. Im Jahre vier nach Inkrafttreten der Schutzmaßnahmen geht es der Samadai Population prächtig. Sie vermehren sich kräftig. War die Zahl der Delfine 2003 auf 76 Tiere gesunken gewesen, so tummelten sich 2007 schon wieder 154 Tiere im Dolphin House. Also mehr als verdoppelt hat sich die Zahl, was natürlich für den Erfolg des Projekts spricht und hoffentlich als gutes Beispiel für viele weitere Riff-Schutz-Aktionen nicht nur in Ägypten stehen wird.