Tauchfahrt in die Vergangenheit

Von Ulrich Wozniak

s.50Die Wiege des Rotmeer-Tauchtourismus liegt nicht, wie viele glauben, in Ägypten. Zuallererst zog es Hass und Cousteau in den Sudan. Hier rund um das Wrack der „Umbria“ entstanden die ersten Fotos von Haien und Mantas, die uns so faszinierten. ATLANTIS ist den Spuren der Altvorderen gefolgt.    

Good morning, Ladies and Gentlemen, it´s time for early morning dive“ klingt die freundliche Stimme von Hesham,  dem ägyptischen Tauchguide, aus dem Lautsprecher der Kabine. Die Taucher stehen auf und checken die Ausrüstung für den frühmorgendlichen Tauchabstieg. Nitrox, 32 Prozent, 200 bar Flaschendruck; alles O.K. s.52
Die schnittige „Royal Evolution“ ist ein Safarischiff der Luxusklasse und kreuzt vor den Gestaden des Sudan. Das Stahlschiff verfügt über einen großen Salon, geräumige Sonnendecks und eine kompetente Tauchbasis. Was den Gästen ebenfalls sehr entgegen kommt, ist die schmackhafte, abwechslungsreiche Küche an Bord. Das Schiff bietet Platz für 24 Tauchgäste. Die geräumigen Kabinen mit Sat-TV, Kühlschrank und Schreibtisch lassen keine Wünsche offen. Die Briefings werden mittels Laptop und Flachbildfernsehern präsentiert. Bordsprache ist englisch, Achmed sprich aber auch fließend deutsch. Ein Hauch von Abenteuer umgibt diese Tauchsafari, gehört der Sudan doch zu den touristisch wenig entwickelten Gebieten. Die Einreise gestaltet sich auf dieser Reise jedoch denkbar einfach – die Schiffscrew nimmt den Gästen den Großteil der Formalitäten ab. In zwei Nachtfahrten wird Port Sudan erreicht. Der Tag dazwischen ist für Eingewöhnungstauchgänge an prächtigen Riffen im tiefen Süden Ägyptens reserviert. s.53Riesige Gorgonienfächer, das Wrack „Abu Ghalawa“ und zerklüftete Riffe sind erste Etappen auf dem Weg zu Ägyptens südlichem Nachbarn.Im Sudan taucht die Gruppe an legendären Plätzen von internationalem Rang. Zu ihnen zählen das Wrack der „Umbria“, das Sanganeb Riff, Shab Rumi und Angarosh. Die Augen eines jeden Tauchers leuchten beim Klang dieser Namen. Zu Recht, man erlebt hier grandios bewachsene Riffe und Wracks, außerdem kann man hier spektakuläre Erlebnisse mit Großfischen haben. Das Wrack der „Umbria“ zählt sicherlich zu den schönsten betauchbaren Wracks der Welt. Das Schiff fuhr unter italienischer Flagge und war mit 10000 Tonnen Kriegsmaterial, Bomben, Munition, Autos, Zement und Kohle beladen. Auf dem Weg zu den italienischen Truppen in Ostafrika wurde es am 9. Juni 1940 von den Briten aufgebracht. Am Wingate Riff, direkt vor der Hafeneinfahrt von Port Sudan, ließ der Kapitän das Schiff im Rahmen einer vorgetäuschten Rettungsübung versenken. So konnte die Fracht nicht in die Hände des Gegners fallen. Neun Jahre später erkundete Hans Hass als einer der ersten das Wrack und berichtete darüber. Heute, fast 70 Jahre nach seiner Versenkung, ist das Wrack durch vielerlei Hart- und Weichkorallen, Schwämmen und Gorgonien besiedelt. Es bietet vielen Fischarten Lebensraum. Schräg auf die Seite geneigt, liegt es knapp unter der Meeresoberfläche und reicht bis zu einer Tiefe von knapp 40 Meter. Ein schönes Fotomotiv sind die riesigen Flügel der Steuerbord-Schraube und die üppig bewachsenen Davits. Wer gerne Geheimnissen auf den Grund geht und Lust verspürt, das Innere des Wracks zu erkunden, findet an der Umbria gute Bedingungen. Von weitem grüßt der Leuchtturm vom Sanganeb Atoll, es erstreckt sich über eine Länge von acht Kilometern. Das Sanganeb Riff gehört zu den herausragenden Tauchplätzen im Sudan. Die dicht an dicht besiedelten Wände stürzen an allen Seiten senkrecht bis zu 800 Metern in die Tiefe. An der Nordspitze tanzen Hunderte von Barrakudas einen beeindruckenden Reigen.
s.50.2Wenn es einen heiligen Gral des Tauchens gäbe, so müsste es Shab Rumi sein. Es ist eines der spektakulärsten Riffe im Roten Meer. Dieses Riff war 1963 der Schauplatz eines außergewöhnlichen Experiments: Precontinent II. Jacques Cousteau untersuchte die Möglichkeiten längeren Aufenthaltes unter Wasser. Fünf Männer lebten für zwei Wochen in einer Unterwassersiedlung auf einer Tiefe von zehn, zwei weitere in einer Tiefe von 26 Meter. Heute findet man von der einstigen Unterwassersiedlung nur noch wenige Reste. Der Hangar, in dem das einem Ufo ähnelnde U-Boot untergestellt wurde, ist zum Symbol dieses legendären Experiments geworden. Ein zerfallener Haikäfig zeugt von der großen Anzahl der Haie in dieser Gegend. Dieser Tauchplatz ist nicht nur von historischer Bedeutung, der Riffhang direkt unterhalb des Hangars ist prächtig besiedelt und reich an Leben. Die Südspitze ist ein  Tauchplatz ebenfalls mit großem Fischreichtum. Begegnungen mit Großfischen sind hier keine Seltenheit: Riffhaie, die seltenen Büffelkopfpapageienfische und vieles mehr, zum Beispiel Delfine kann man bestaunen. Man kann hier auch auf Hammerhaischulen treffen.
Das Shab Suedi mit dem Wrack der „Blue Belt“, auch Toyota Wrack genannt, ist ein kurioser Tauchplatz. Das Wrack liegt kieloben am Riffhang, das Heck verschwindet dabei im tiefen Blau jenseits der 80 Meter Marke. Vorsicht ist geboten, das klare Wasser und die guten Sichtweiten verführen dazu, die Tiefe zu unterschätzen. Der kluge Taucher hält sich hier zurück, denn die nächste Dekokammer ist unerreichbar weit entfernt. In geringer Tiefe liegen am Riffhang verstreut, einige Auto- und Lkw-Wracks und laden zum fotografieren und filmen ein. Der Name Angarosh bedeutet im arabischen: „Mutter der Haie“. Tatsächlich macht dieses Riff seinem Namen alle Ehre. Beim ersten Tauchgang am frühen Morgen tauchen zwölf Hammerhaie herauf und auch Mantas können beobachtet werden.
s.51Die Tauchgewässer im Sudan gehören zu den besten im Roten Meer. Sie verfügen über eine wunderbare Artenvielfalt. Jeder Haiart, die im Roten Meer vorkommt, kann man hier begegnen. Die Einreise mit dem Safarischiff von Ägypten aus gestaltet sich unproblematisch und sehr bequem. Und die „Royal Evolution“ ist sicherlich eine angemessene und luxuriöse Möglichkeit, die Gewässer des Sudan zu erkunden.
 
Die "Royal Evolution"
 
Die „Royal Evolution“ genügt höchsten Ansprüchen, der Hotel- und Restaurantbetrieb des Schiffes sind auf Premium-Niveau angesiedelt. Das Schiff ist 32 x 9 Meter groß und bietet 24 Gästen Platz. Diese sind in 12 voll klimatisierten Doppelkabinen untergebracht. Außerdem stehen den Gästen ein Salon, ein Essbereich und zwei Sonnendecks zur Verfügung, außerdem ein Whirlpool. 2 Motoren à 1100 PS sorgen für eine Höchstgeschwindigkeit von 15 Knoten.

Information und Buchung:
www.belugatauchreisen.com
 
Politisches Stichwort:
Bürgerkrieg im Sudan
In jüngster Zeit war der Sudan (dessen geografischer Zuschnitt von den Briten geschaffen wurde) zunächst ein ägyptisch-britisches Kondominium, de facto jedoch eine britische Kolonie. Erst 1956 wurde das Land durch die Ausrufung der Republik Sudan unabhängig.
Und damit begannen die Probleme. Der Zuschnitt des Staates ist geradezu dafür prädestiniert, innenpolitische Schwierigkeiten zu bereiten. Der Norden ist von arabischen, islamischen Stämmen bewohnt, der Süden ist schwarzafrikanisch und christlich. Quasi sofort beginnt der Norden dem Süden seine Lebensweise aufzudrücken. Schon damals kommt es zu blutigen Zusammenstößen. Die unstabile Lage im Land führte schon kurz nach den regulären Wahlen zu einem Militärputsch, es wird mit harter Hand regiert. Im Süden gärte es trotzdem weiter. So wurde, wiederum durch einen Putsch, 1969 Dschafar Numairi an die Macht gespült, der für lange Jahre Sudans starker Mann bleiben sollte. Er schlug sofort einen islamistischen Kurs ein und beging dabei viele Fehler. Zum Beispiel waren im Sudan die Frauen traditionell gleichberechtigt, Numairi betrieb jedoch eine Politik der Unterdrückung. Außerdem rief er den Islam zur Staatsreligion aus, die Scharia galt bis 2005 auch für Nichtmuslime. Diese respektlose, ohne Fingerspitzengefühl betriebene Politik brachte das Fass zum Überlaufen und so herrscht, nach einer Zwischenzeit der Waffenruhe von 1972 bis 1983, wieder Krieg im Land.
Eine neue Regierung hat 2005 dem Süden die Unabhängigkeit versprochen. Die Scharia gilt seither nicht mehr für Christen. Ob es so kommen wird, weiß keiner, ein erstes Anzeichen wird sein, ob die für 2009 versprochenen freien Wahlen stattfinden werden. Mittlerweile sind Friedenstruppen im Land, die jedoch keinerlei Mandat haben. Selbst bei offener Gewalt dürfen sie nicht einschreiten. Vorläufiger Höhepunkt weiterer gewalttätiger Entwicklung ist der dieses Jahr ausgestellte internationale Haftbefehl gegen Staatsoberhaupt Al Baschir wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Trotz immenser Bodenschätze, Natur- und Kulturschönheiten (möglicher Tourismus) ist der Sudan eines der ärmsten Länder der Welt. Der Bürgerkrieg verhindert die Nutzung der Reichtümer, einige Warlords und Politiker wirtschaften in die eigene Tasche. Die Hauptstadt und die Küste sind gefahrlos zu bereisen.