Pygmäen-Seepferdchen

05 bargi_rotDie bucklige Verwandtschaft

Von Paul Munzinger

Seit einiger Zeit ist die Insel Kri in West Papua der Geheimtipp für Freunde von Pygmäen-Seepferdchen. Kein Wunder, dort wurden bereits fünf verschiedene Arten entdeckt.

Bargi Banti ist außer sich, er hat sie mal wieder als erster gesehen: „Volle Deckung, Denise! Taucher im Anmarsch“, schreit er der zierlichen hübschen Cousine nebenan zu, auf die er schon lange ein Auge hat. Ganz und gar Kavalier thront er auf seiner roten Gorgonie, um von Denise abzulenken, so dass diese Zeit findet, sich im Korallengewirr ordentlich zu tarnen. Ihn finden sie sowieso immer, damit hat er sich längst abgefunden. Seine Existenz hatte man schon vor vielen Jahren entdeckt, aber lange konnte er sich gut tarnen, so dass es den Blasenmachern schwer fiel, ihn aufzustöbern. Doch heute ist ein wirklich rabenschwarzer Tag, denn alle Tauchführer sind wieder aus ihrem Urlaub zurück und so richtig gut drauf. 

„Au Backe, da kommen Otto und Delfinos und die haben auch wieder ihre Lanzen dabei“, warnt er. Mit Lanzen meint Bargi ihre Zeigestäbchen, 03 der punker ist enmit denen die Guides zwischen seinen Wirtsleuten, den Polypen, rumfuchteln, um ihn weniger scharfsichtigen Tauchern zu zeigen. Da gibt’s meist eines auf die Glatze, auch wenn Otto wirklich sanft und vorsichtig ist. Aber Bargi geht das schon lange auf den Sender und er überlegt mittlerweile, umzusiedeln. Wenn nur Denise auch mitziehen würde. Aber die ist noch nicht soweit.

Jetzt herrscht pure Aufregung im Riff, denn die Rückkehr der beiden Chefguides vom „Sorido Bay Resort“ hat sich schnell herum gesprochen. Nicht nur bei den Pygmäen-Seepferdchen. Eine Woche Urlaub hatten die Guides, die pure Auszeit für sämtliche Kleinlebewesen in diesem Riffabschnitt. Doch heute kommt es knüppeldick. „Achtung, Leute, gleich wird es heiß und hell, die haben ihre Sonnen dabei!“ Auch das geht nun wie ein Lauffeuer herum in der Großfamilie Hippocampus. Diese Lampen beunruhigen die kleine Kolonie am meisten, denn die tun manchmal wirklich weh. Weh in den Augen, weh im Kopf, weh am ganzen, winzigen Körper. Dabei sind Otto und Delfinos wirklich rücksichtsvoll und pfeifen ihre Gäste schon mal zurück, wenn die den Pygmäen-Seepferdchen zu nahe auf den Leib rücken.


denise2 Das ganze Geschrei hört natürlich auch Hippocampus Pontohi, von der Sippe nur kurz Henky genannt, der gerade mal wieder eine ruhige Kugel schiebt. Er hat seinen kleinen Pferdeschwanz lässig um eine Hydrozoe geschlungen und hängt ab. Henky ist nicht gerade der schönste in der Familie, sie nennen ihn auch den Punker. Meist ist er auffällig gekleidet und trägt ein rotes Büschel auf Kopf und Rücken. Lustig anzusehen, aber gewöhnungsbedürftig. Ob die Girls den Punk mit seinem grellen Outfit cool finden, wissen die anderen männlichen Seepferdchen nicht so recht, was ihn suspekt macht. Deshalb kommt in der Männerwelt klammheimliche Schadenfreude auf, als man merkt, dass Henky die Muffe saust. Denn in seiner Hydrozoe sitzt, sorry, hängt, er so richtig auf dem Präsentierteller. Aber Henky ist ebenso schlau wie geschickt: Als er die Lage gecheckt hatte, verpisste er sich rasch und diskret in einen weißen Schwamm, um in aller Ruhe abzuwarten, bis der ganze Zirkus vorbei ist.

Zu früh gefreut. Heute gab es keine Chance. Alle Pygmäen-Seepferdchen wurden nacheinander aufgestöbert und fotografiert. Nur gut, dass die Kolonie so tief unten wohnt, zwischen 20 und 30 Meter. Denn da haben die riesigen Gestalten nicht so viel Zeit, ihr Blitzgewitter abzulassen. Obwohl es dieses Mal recht fix ging, war’s wieder eine kleine Tortur und man ist froh, als die Gestalten endlich davonflösselten. Gott sei Dank kommen die nicht jeden Tag...

Als erster macht Bargi wieder seine Pferdeschnauze auf. Er ist zwar noch halb belämmert von den Strapazen, aber parlare geht immer. Seine beiden gelben Brüder bedanken sich bei ihm, dass er die Blasenmacher so hervorragend abgelenkt hatte. Die beiden Gelben saßen während der Suchaktion im gelben Gestrüpp einer Gorgonie. Die tat ihnen den Gefallen und ließ zusätzlich ihre gelben Polypen draußen, da bemerkten nur ganz wenige Fotografen ihre Existenz.such_kann
Am schlimmsten hat es heute Dos Hippospe getroffen. Von dessen Existenz hatten die Taucher nichts geahnt, er war bisher unentdeckt geblieben. Bis heute. Zu lässig hing er einfach in seiner Gorgonie, achtete nicht auf Bargis Alarmruf – und peng zuckte ein gewaltiger Lichtblitz durchs Wasser. Dos Hippospe ist somit enttarnt und die anderen fürchten nun, dass ein Besucherstrom einsetzt, nur um Dos Hippospe wieder zu sehen.

Damit liegt die kleine Seepferdchenkolonie bestimmt nicht so falsch. Überhaupt wurde Raja Ampat zum heimlichen Seepferdchenparadies gekürt. Und das heißt im Klartext, dass immer mehr Spezialisten hierher reisen, um den Kleinen einen Besuch abzustatten. Es kommen also harte Zeiten auf sie zu, mit der Ruhe ist es endgültig vorbei. Seit damals übrigens, als Peter Wiesendanger von der „Pindito“ alles Max Ammer erzählte. Ein Deal wurde ausgehandelt: Klein für Groß. Die großen Seepferdchen vor Kris plus andere Highlights gab Max preis, dafür zeigte Peter die Minis. Die sind hübsch und bunt, so hübsch, dass ganz spezielle Touren angeboten werden und viele Taucher mit ihren Lupen im Pygmäenfieber sind. Bleibt zu hoffen, dass man es nicht übertreibt. Denn die Minis ziehen wirklich schnell um.

 

Dramatis personae

Denise: Hippocampus denise
Das Denise-Zwergseepferdchen (Hippocampus denise) ist das kleinste bekannte Seepferdchen. Die Fische wurden 2001 vom australischen Unterwasserfotografen Rudie Kuiter entdeckt, aber zunächst für Jungtiere des Zwergseepferdchen (Hippocampus bargibanti) gehalten. 2003 wurden sie nach Untersuchungen von jungen Zwergseepferdchen und der Beobachtung von Hippocampus denise-Männchen als eigene Art erkannt, beschrieben und nach der Unterwasserfotografin Denise Nielsen-Tackett benannt. Sie werden maximal 1,4 Zentimeter lang und leben in Tiefen zwischen zehn und 100 Meter. In unserem Kurzdrama ist Denise die begehrte Schönheit, der Schwarm aller Männer im Riff.

Bargi: Hippocampus bargibanti
Das Zwergseepferdchen (Hippocampus bargibanti) ist nach dem Denise-Zwergseepferdchen (H. denise) das zweitkleinste bekannte Seepferdchen. Die Tiere wurden 1969 von Georges Bargibant entdeckt, als er Gorgonien für das Aquarium in Nouméa sammelte. Sie werden höchstens zwei Zentimeter lang und leben in Tiefen bis 50 Meter. Bargi ist der Wächter und Held der kleinen Seepferdchenkolonie. Selbstlos zieht er die ungeliebten Fotografen auf sich, um seiner geliebten Denise die Flucht zu ermöglichen.

Henky: Hippocampus pontohi
Beim Hippocampus pontohi handelt es sich um eine von Tauchern 2003 in Nord Sulawesi
entdeckte Art der Zwergseepferdchen. Pontohi wurde bislang nicht näher beschrieben. Es kann sogar sein, dass der Kleinstfisch der oben beschriebenen Denise ihren Rang als kleinstes Seepferdchen streitig machen könnte.
In unserem Stück spielt Pontohi die Rolle des unangepassten Außenseiters, der jedoch sehr auf die Wirkung bei Frauen achtet.

Dos
Erst kürzlich von Dos Winkel entdeckte weitere Seepferdchenart. Sie ist, ebenso wie das in unserem Drama nicht vorkommende Hippocampus awomi, noch nicht beschrieben, ja, Dos hat noch nicht einmal einen streng wissenschaftlichen Namen. Auch in unserem Stück bleibt ihm eine undurchsichtige Nebenrolle vorbehalten. 

Die Basis
Bequem zu erreichen sind die Seepferdchen mit dem „Sorido Bay Resort“. In dessen Einzugsbereich gibt’s gleich fünf verschiedene Miniseepferdchen zu entdecken, auch wenn das für den Laien ziemlich schwierig ist. Aber da helfen gerne die Adleraugen der einheimischen Diveguides. Einer davon, Otto, ist ein richtiger Pferdeflüsterer. Manchmal überrascht er die Gäste bereits am Morgen mit seinen Hippo-Postkarten und dem Motto: „Welche wollt ihr heute zu sehen, etwa alle fünf?!“

Fotografie
Die Fische sind so klein, dass man sie kaum im Sucher sieht. Auch der Autofokus spielt verrückt. Die beste Lösung: Etwas überbleien, einen ruhigen Stand finden und dann systematisch suchen. Hat man einen Zwerg entdeckt, möglichst nur kurz den Lampenstrahl darauf richten und die Kamera positionieren. Jetzt die Kamera hin- und herbewegen, bis man das Seepferdchen fest im Sucher hat. Nun erfolgt die richtige Positionierung des oder der Blitze und dann Licht aus. Ansonsten drehen sich die Tiere von der Kamera weg.