Die Farben Kretas

aufmacher1Blaue Tiefen, grünes Öl

Von Heinz Käsinger

Lange Zeit lag beides auf Eis: In der Ägäis war tauchen bis weit in die 1990er Jahre hinein strikt verboten und Ölbauer wollte wegen des steten Preisverfalls auch keiner mehr sein. Doch dann besannen sich die Kreter auf ihre Qualitäten. Die ihrer Tauchgründe und die ihres Öls. Kenner verbinden ihren Tauchurlaub auf der größten griechischen Insel deshalb mit einem Olivenölseminar. 

Kissamos, das Hafenstädtchen im Nordwesten Kretas, hat viele Gesichter. Romantische (wie man sich ein griechisches Hafenstädtchen vorstellt) und hässliche (wie Bausünden und Schrottplätze). Aber das gibt es schließlich überall und Hauptsache, die Unterkunft ist schön. Und das ist sie durchaus. Mit den „Anavaloussa Apartments“ hat der Gast eine familiäre, ruhige Anlage gewählt. Zehn Zimmer stehen hier zur Verfügung, alle komplett ausgestattet mit Küche und Bad. Zwar liegt direkt vor der Haustür ein langer Sandstrand samt Meer, trotzdem gibt es in der Anlage auch einen Pool. Andere wohnen im Hotel „Maria Beach“ in Kastelli. Das Hotel, so sagen Romantiker, habe die Frühstücksterrasse mit der schönsten Aussicht auf ganz Kreta, direkt über den Strand, das weite Meer und die umliegende Küstenlandschaft. 

kannNatürlich kommt man wegen des Badens nach Kreta, natürlich auch wegen der Kultur. Wanderer finden hier paradiesische Zustände vor, wer die entspannte Ruhe sucht, ebenfalls. Und die Taucher. Hier, im Westen Kretas zeigt sich die Unterwasserwelt besonders beeindruckend. Zunächst besticht die Wasserqualität, die enorme Sichtweiten zulässt. tauschbild2Es gibt Schluchten, die man durchtauchen kann, Felsformationen, Grotten und Steilwände. Ab und zu kann man mit dem Guide eines der Wracks aus dem zweiten Weltkrieg besuchen, es gibt davon welche als Schiff und als Flugzeug. Ein nicht unerklecklicher Teil der Urlauber aber kommt auch wegen des Olivenöls hier her. Und darin ist Kreta weltspitze. 140 Millionen Olivenbäume stehen auf der Insel, hier, in der Gegend um Kissamos, die ältesten der Welt. Manche davon wurden in der Zeit der Pharaonen gepflanzt, sind an die 5000 Jahre alt! Die waren schon steinalt, als Odysseus sich hier herumtrieb (Homer wird von den Historikern ca. 800 v. u. Z. angesiedelt, die Ereignisse, über die er berichtet liegen noch einmal 1000 Jahre weiter zurück). Diese Bäume überlebten die Vulkankatastrophe von Santorin, die das östliche Mittelmeer rund 1600 Jahre v. u. Z. in ein Inferno aus Schlacke, Staub und Flutwellen verwandelte. Als einige hundert Kilometer weiter südöstlich ein gewisser Jeschua, Sohn einer Maria und eines Josef, das Licht der Welt erblickte, hatten diese Bäume schon fast 3000 Jahre auf dem Buckel. Ihre größte Gefährdung aber überstanden sie sicherlich in den 1970er und 80er Jahren, als man Platz brauchte für Appartementanlagen, Golfplätze, Swimmingpools. Teilweise rücksichtslos ging es dem Ölbaum da an den Kragen, aber er hat auch das überlebt, die meisten jedenfalls. Kretisches Olivenöl gilt als das beste der Welt, auch wenn die Italiener dies für ihr Öl in Anspruch nehmen. Nur, es gibt mittlerweile so viel „Olivenöl aus Italien“, dass die Bäume das dort gar nicht hergeben können. Die EU macht’s möglich: Die Italiener kaufen sich den Rohstoff von den Kretern und verarbeiten ihn in Italien. Dann dürfen sie laut EU-Recht sich selbst als Herkunftsland angeben. Einer der sich voll und ganz der Olive und ihrem Öl verschrieben hat, ist in der Taucherszene kein Unbekannter. Der Maler und Grafiker Willy Dorn, der schon in den 1990er Jahren mit seinen visionären UW-Bildern auf die sich anbahnende Klimakatastrophe hinwies, hat sich hier ein großes Stück Land gekauft – samt den darauf befindlichen 2000 Olivenbäumen. Er, der Maler, der ein Auge für Licht und Farben und Formen hat, schwärmt: „Olivenbaumblätter wechseln ihre Farbe wie ein Chamäleon. Je nach Lichteinfall flimmern sie silbrig, nehmen alle Grünschattierungen an, werden dann tintig blau wie das Meer und sogar nachtschwarz kann man sie wahrnehmen.“ olivenoelDorn, der hier lebt und von seinen Freunden und Nachbarn nur noch Wassilis Dornakis genannt wird, bewirtschaftet seine Bäume streng ökologisch und mit der Sorgfalt, die so alte Persönlichkeiten wie diese Bäume es sind, verdient haben. Er stellt Olivenöl der Spitzenklasse her, das er im Direktvertrieb an einen handverlesenen Kundenkreis in Österreich, Deutschland, der Schweiz und Frankreich abgibt. Doch das genügt ihm nicht. Er will auch andere teilhaben lassen am Kulturgut Olive, das sich, siehe oben, keinesfalls auf das Öl reduzieren lässt. Und so gibt er Seminare. Diese beinhalten, neben jeder Menge praktischer Arbeit (in Ernte und Mühle, in der Küche) auch Theorieteile. Referate gibt es zum Beispiel über die Geschichte des Ölbaumes, die Gewinnung des Öls, den richtigen Umgang mit dem Öl, Ernährung, Gesundheit und Körperpflege. Besonderes Flair erhält das Seminar sicherlich durch den Kontakt zur einheimischen Bevölkerung. Die Teilnehmer picknicken mit den Olivenbauern und kehren in zünftigen Tavernen der Bergdörfer, die kaum ein Tourist je besuchen wird, ein.Vor oder nach dem Seminar geht es raus zum Tauchen. uw4Der Taucher hat zwei Möglichkeiten, entweder er schließt sich der Tauchbasis Aquasports in Kissamos an oder der Basis Blue Adventures Diving in Chania. Beide kennen die Gewässer vor ihrer Haustür genau und wissen, wo sie den erlebnishungrigen Tauchgast hinführen müssen. Leider gibt es hier auch jede Menge Wracks aus dem zweiten Weltkrieg: Hitlers Luftlandetruppen nahmen die Insel 1941 unter großen Verlusten auf beiden Seiten und erbittertem Widerstand der Kreter ein (Unternehmen Merkur). Leider war (und ist) die Insel im Schnittpunkt dreier Kontinente von hervorragender strategischer Bedeutung. Und noch eine Besonderheit haben die Gewässer Kretas aufzuweisen, nämlich jede Menge versunkener Altertümer aus Griechenlands klassischer Zeit. Natürlich gilt hier wie dort nichts anzufassen oder gar mitzunehmen.Wer Kreta heute besucht, wird von einem gastfreundlichen Volk herzlich willkommen geheißen. Man ist stolz auf seine uralte Kultur, die alten Götter und die modernen Hotels, die dem Gast einen angenehmen Urlaub sichern. Und mittlerweile hat sich auch wieder der Stolz auf das grüne Gold des Landes eingestellt, den Nektar der Götter: das kretische Olivenöl.
 
kasten3 Kreta bei Lagona Travel
Der Mintrachinger Tauchreiseveranstalter Lagona Travel bietet für den kommenden Sommer Kreta als sein neues Reiseziel an. Im Programm sind die „Anavaloussa Apartments“ in Kissamos und die angegliederte Aquasports Tauchbasis – beides unter österreichischer Leitung. Die Appartementanlage hat zehn geschmackvoll eingerichtete Wohnungen mit voll ausgestatteter Küche, eine Taverne, einen Swimmingpool sowie einen langen Strand direkt vor der Haustüre. Im nahe gelegenen Ort Kissamos (ca. 6000 Einwohner) gibt es Supermärkte, kleine Tavernen und Bars am Hafen, lokale Reiseagenturen, und Banken. Interessante Ausflüge zu den archäologischen Höhepunkten der Umgebung (z.B. Polirinia, Falassarna und Mithimna) sollten Sie nicht verpassen. Die Aquasports Tauchbasis befindet sich direkt in der Anlage, ist mit neuestem Leihmaterial ausgestattet und bietet tägliche Bootsausfahrten mit dem basiseigenen Tauchschiff zu den vorgelagerten Tauchgebieten an. Preise: Ab 199 Euro p. P. (Appartement) bzw. 219 (Tauchpaket). Charterflüge ab deutschen Flughäfen nach Chania oder Heraklion gibt es ab ca. Euro 300 (tagesaktuelle Preise!). Infos und Buchung: www.lagona-travel.de
 
darstellung Willy Dorns Olivenölseminare
Diese gliedern sich in praktische Teile und theoretische. Die Teilnehmer helfen sowohl bei der Ernte (hier erfahren sie alles über klassische Methoden wie zum Beipiel das abschlagen der Früchte mit der überdimensionalen „Gabel“ und moderne Erntemethoden – beispielsweise mit Erntemaschinen) als auch beim Mahlvorgang in den Mühlen. Sie besuchen sowohl alte als auch moderne Olivenmühlen. Mit griechischen Hausfrauen kochen sie später außerdem die typischen Gerichte Griechenlands und speziell Kretas, zu denen hochklassiges Olivenöl zwingend gehört.
Ferner gibt es einen Theorieteil, der die Geschichte des Olivenbaumes und seiner Kultivierung beleuchtet (das heißt, die Teilnehmer reisen mehr als 30 000 Jahre in ide Vergangenheit der Menschheit zurück), alles über die Gewinnung von Olivenöl verrät und sagt, wie man mit Olivenöl umgeht (Lagerung, Verwendung...). Darüber hinaus gibt es jede Menge Ausflüge – zu den mit ältesten Olivenbäumen der Welt und auf Wunsch den kulturellen Sehenswürdigkeiten der Gegend. Am Schluss erhält jeder Teilnehmer ein Zertifikat und eine Flasche mit seinem selbst geernteten Öl samt Namensetikett.
Informationen: www.willy-dorn.eu
 
kasten1 Oliven in der Mythologie oder Poseidon gegen Athene
Für uns Taucher gibt es nur einen Gott, dem wir huldigen und das ist Poseidon, der Gott des Meeres. Seine mit seinem Dreizack modellierten Steilwände, Schluchten und Riffe üben eine unwiderstehliche Anziehungskraft auf uns aus. Die von ihm geschaffenen Fische, Korallen, Muscheln und anderen Seeungeheuer bezaubern uns. Nur einmal, da machte er eine ziemlich schlechte Figur. Und das kam so: Poseidon und Athene, die Göttin der Weisheit, stritten sich um die Vorherrschaft im Lande Attika (Unser Bild: die beiden Götter beim Streit). Keiner wollte nachgeben und schließlich rief man den weisen König Kekrops von Athen als Schiedsrichter an. Dieser verfügte: „Wer den Griechen das nützlichere und wertvollere Geschenk macht, soll Attika erhalten.“
Darauf hin spannte Poseidon seine Muskeln an, hob seinen gewaltigen Dreizack und spaltete den Akropolishügel. Sofort trat Wasser aus und die Griechen freuten sich, denn Wasser war kostbar. Aber was war das? Pfui Teufel, Poseidon hatte vergessen, dass man Salzwasser nicht trinken kann. Athene jedoch ließ rund um die Stadt Olivenbäume wachsen, deren Früchte die Menschen essen konnten und die man zu wunderbar goldgrünem Öl machen konnte. Natürlich erhielt darauf hin Athene das Land und Poseidon schmollte derart, dass fortan zwischen ihm und Athene eine innige Feindschaft herrschte. Später erhielt derjenige, der in einem Wettkampf bei den antiken Olympischen Spielen siegte, einen schlichten Ölzweig als Trophäe (Goldmedaillen und Siegprämien waren noch nicht erfunden). Die römischen Cäsaren bekamen, kehrten sie siegreich von irgend einer Eroberung nach Rom heim, einen Kranz aus Olivenzweigen aufs Haupt (Orden waren auch noch nicht erfunden). In der christlichen Tradition gilt der Ölzweig als Friedenssymbol seit die weiße Taube, die Noah nach der Flutkatastrophe fliegen ließ mit einem solchen im Schnabel zur Arche zurück kehrte. Gott hatte der Taube den Zweig als Zeichen seiner Versöhnung mit der Menschheit mitgegeben. Heute dienen Olivenbaumzweige auch als Wappen der UN-Friedenstruppen.