5000 Jahre Kultur

Das alte Ägypten

Von Heinz Käsinger

2 Um 3000 vor unserer Zeitrechnung entsteht in Ägypten eine der ersten Hochkulturen der Menschheit. Diese ist gekennzeichnet durch einen Staatsgedanken, eine funktionierende Regierung samt umsetzender Verwaltung, eine Gerichtsbarkeit (die vor allem die Schwachen schützte) und eine Blüte der Kultur. 

Die Wissenschaft ist sich einig und wundert sich unisono darüber: Das alte Ägypten wurde aus der Jungsteinzeit über Nacht in eine Hochkultur katapultiert mit intensiver Landwirtschaft, effektiver Verwaltung – und vor allem dem Gebrauch der Schrift. Der Anstoß für diese Blüte war der Einfluss des sozial und technisch hoch entwickelten Mesopotamien. Funde belegen, dass die jungsteinzeitlichen Ägypter Handelsbeziehungen zu Mesopotamien pflegten und landwirtschaftliche Geräte, Waffen und Architektur eindeutig aus dem Zweistromland übernommen hatten. Persönlich festmachen kann man ein frühes Reich an einem König Aha, einem Oberägypter, der Unterägypten eroberte und an der Schnittstelle der beiden Regionen, in Memphis, seine Hauptstadt errichtete.  Diese so genannte frühdynastische Zeit gipfelte in der Schaffung des Alten Reiches, das bereits wichtige Zeugnisse der ägyptischen Kultur hervorbringt. Beispielsweise Tempel, Säulen, Monumentalstatuen und vor allem die Pyramiden. Der despotische Pharao Cheops lässt nahe des heutigen Kairo die größte davon bauen, die  seinen Namen trägt – Cheopspyramide. Lebensader des Landes war und ist der Nil mit seinem ausgeklügelten Bewässerungssystem, das übrigens auch schon in der Frühzeit des Alten Reiches entstand. Eine Besonderheit in diesem System war die Pegelstation am ersten Nilkatarakt. Unter- oder überschritt das Frühjahrshochwasser einen gewissen Stand, konnten die Experten mit einiger Sicherheit ein mageres und ein fettes Jahr vorhersagen. Rechtzeitig angelegte Vorräte konnten so über magere Jahre hinweghelfen. Nachdem das Alte Reich zugrunde gegangen war, folgte die so genannte Erste Zwischenzeit, in der sich Stämme und Regionalfürsten um die Vorherrschaft im Land prügelten. Erst nach mehr als 200 Jahren endet diese Zwischenzeit mit dem Thebaner Mentuhotep II, der die zerstrittenen Gaue wieder in einem Reich einigt.
2025 v. u. Z. hebt sich mit der 12. Herrscherdynastie der Vorhang für das Mittlere Reich, das bis 1648 v. u. Z. Bestand hat. Im Mittleren Reich werden die kulturellen Errungenschaften der Ägypter weiter entwickelt und vor allem wird der philosophische Grundstock für Ägyptens Religion gelegt. Amun wird wichtigste Gottheit, was sich teilweise in den Namen der Pharaonen wiederspiegelt, die sich als Stellvertreter Gottes auf Erden sehen (siehe Kasten „Religionsphilosophie“). Tutenchamun, Amenophis, Amenechmet oder Rudamun nennen sich einige Herrscher in Anlehnung an den Namen Gottes. Mit dem Pharao Sesostris III ist Ägypten so groß und so reich wie nie und Sesostris das, was der US-Präsident heute: Der mächtigste Mann der Welt. Trotzdem kränkelt der Riese. Korruption im Innern, ein Staatsgebiet, das zu regieren Unsummen an Gold verschlingt, lange Wege, was die Verwaltung ineffizient macht. Als das Volk der Hyksos Ägypten angreift, kollabiert der Gigant. Das Mittlere Reich ist zu Ende.  Mit Pharao Ahmose, der die Erzminen des Sinai und das fruchtbare Unterägypten zurück erobert, beginnt das Neue Reich. Später baut Tutmosis III Ägyptens Führungsposition im östlichen Mittelmeerraum aus. Der Einflussbereich des Landes dehnt sich nun auf Kreta und die Ägäis, den heutigen Sudan und das heutige Libyen aus. Im Osten reicht der lange Arm des Pharao gar bis zu Euphrat und Tigris. Ungefähr 1397 v. u. Z. kommt mit Amenophis IV ein interessanter Pharao an die Macht. Im Gegensatz zu Tutmosis, der 33 Eroberungskriege führte, liegen Amenophis’ Schwerpunkte auf innenpolitischem Gebiet. Innenpolitik hieß in jener Zeit schon, sich mit den mächtigen Gruppierungen im Staat auseinanderzusetzen. Das sind die Fürsten der angesehenen Dynastien, die Vezire (hohe Richter und Beamte) und vor allem die Priesterschaften der verschiedenen Gottheiten. Je wichtiger ein Gott beim Volk war, umso mehr Macht hatte seine Priesterschaft. Zwei davon hatten sich in der Vergangenheit als besonders erfolgreich erwiesen: diejenige des Amun und diejenige des Sonnengottes Re. Vereinfacht kann man sagen, dass Amun so etwas wie der Hauptgott der Ägypter geworden war, während Re, der Sonnengott, die meiste Verehrung genoss, weil der Sonnenkult in Ägypten seit Cheops die führende Religion war.
Amenophis schlug sich auf die Seite des Sonnengottes, den man jedoch nicht als Re sondern als, neu, Aton, verehrte. Mit der Inthronisation von Aton wurden alle anderen Götter abgesetzt. Eine Revolution hatte stattgefunden. Mit Aton schuf die Menschheit erstmalig einen einzigen allgewaltigen Gott, das Zeitalter des Monotheismus war angebrochen. Amenophis benannte sich auch gleich in Echnaton um.
Mit Echnaton stellen wir außerdem einen Bruch in der ägyptischen Kunst fest. Er und seine Frau Nofretete, was soviel heißt wie „Die Schöne ist gekommen“, ist das erste Herrscherpaar, von dem wir wissen, wie sie wirklich aussahen. Vor Echnaton wurden Menschen nur schablonenhaft dargestellt, seit seiner Regentschaft haben Ägyptens Pharaonen plötzlich Gesichter. Später macht Tutanchamun (der noch als Tutanchaton auf die Welt kam) den Monotheismusversuch seines Großvaters wieder rückgängig. Vermutlich musste er sich dem Druck der Priesterschaften beugen und die alte Ordnung der Götter wieder herstellen.
Etwa 1000 Jahre vor unserer Zeitrechnung steht Ägypten mit Ramses II vor dem Ruin. Semiten, Assyrer, Perser und Griechen bedrohen von allen Seiten das Land, im Inneren gärt es. Das Neue Reich ist zerfallen und nach der so genannten Dritten Zwischenzeit beginnt die griechisch-römische Spätzeit des alten Ägypten. Aus den Streitigkeiten um die Gebiete am Nil geht Griechenland als Sieger hervor. Alexander III, dem die Geschichte aus unerfindlichen Gründen den Beinamen „der Große“ gegeben hat, erobert das Land und macht Alexandria zur Hauptstadt. Später nimmt es Julius Cäsar für Rom ein, nach der Teilung des Römischen Reiches kommt Ägypten zu Ostrom und wird von Byzanz aus regiert.
Mit Beginn der griechisch-römischen Periode ist das Land nie mehr zur Ruhe gekommen. 3000 Jahre der Sicherheit und Blüte werden dahingewischt von Machtinteressen und Geldgier: Um das Jahr 650 herum wird Ägypten muslimisch, arabische Stämme streiten sich um das fruchtbare Niltal. Um 1100 fallen die Kreuzritterheere Europas ein, 1250 schlägt Saladin zurück. Nur zehn Jahre später bedrohen die Mongolen das Land und müssen bekämpft werden. Nach 1500 wird Ägypten eine Provinz des Osmanischen Reiches, das die Herrschaft der Mamelucken beendet. Selim I lässt Tausende von Schiiten ermorden. Schließlich führt ab 1798 Napoleon Krieg auf ägyptischem Boden, der gegen England gerichtet ist, jedoch die Ägypter trifft. 100 Jahre später sind die Briten Herren im Land, der Suezkanal wurde geöffnet, Ägypten ist in jener Zeit ein Spielball der Großmächte. Die neuere Zeit ist gekennzeichnet durch Kriege mit Israel, mit dem man jedoch seit den 1980er Jahren einen Friedensvertrag hat – als einziges arabisches Land. Was wiederum den Unwillen der Brudervölker hervorgerufen hat. Trotzdem geht das Land am Nil mit besten Chancen ins Rennen um die Zukunft. Die Tourismusbranche boomt und das bereits seit dem 19. Jahrhundert. Wohl kaum ein Besucher, der nicht zufrieden gestellt werden kann. Es gibt gastfreundliche Menschen, tolle Sportmöglichkeiten, jede Menge Kultur, grandiose Landschaften. Oder, um den Slogan des Tourismusamtes zu etwas abzuwandeln: Du bist eben zu Besuch in Ägypten.
 
Religionsphilosophie im alten Ägypten
 
Die Zusammensetzung der altägyptischen Götterwelt kam daher, dass die ersten Pharaonen viele verschiedene Regionen entlang des Nils zu einem Reich einigten und jede dieser Regionen ihren eigenen Gott verehrte und mit ins Reich brachte. Neu in der Frühzeit des Alten Reiches war der Sonnenkult, der sich in der Verehrung von Sonnengott Re manifestierte und in der Zeit des Pharao Cheops einen ersten Höhepunkt fand. Trotzdem wird nicht Re sondern Amun der Hauptgott, was wahrscheinlich dem geschickteren Vorgehen seiner Priesterschaft zu verdanken ist. Namhafte Experten sind gar der Meinung, dass die altägyptische Religion monotheistisch war, die vielen Götter lediglich Erscheinungsformen eines Gottes (Amun) oder nur dessen Helfer war – ähnlich der katholischen Heiligen. Das stimmt, jedoch erst ab einem gewissen Zeitpunkt, nämlich ab rund 1500 v. u. Z., als Pharao Amenophis, der sich später Echnaton nannte, den Himmel sozusagen ausfegte und Aton, die Sonnenscheibe, als einzigen, allgewaltigen Gott inthronisierte. Obwohl man weiß, dass es um jene Zeit auch in anderen Gegenden der Welt ähnliche Bestrebungen gab, setzte sich der Monotheismus erst mit dem jüdischen Jahwe rund 700 Jahre später durch.
Wie später die Griechen, hatten die Ägypter eine Vielzahl von Göttern mit verschiedenen Aufgaben (siehe Leiste). Darüber hinaus glaubten sie, ähnlich den Hinduisten, dass die menschliche Seele nach dem Tod in einen neuen Körper schlüpft, um wiedergeboren zu werden. Und zwar so lange, bis dieser ein fehlerfreies, gottgefälliges Leben geführt hat. Daher kommt der Brach der Ägypter, den Körper nach dem Tod mumifizieren zu lassen. Der Seele sollte so vorgegaukelt werden, der Körper schliefe nur und es gäbe keine Veranlassung, ihn zu wechseln. 
 
Die Verbreitung der Schrift
 
stein Die verschiedenen Völker des östlichen Mittelmeerraums und Vorderarabiens nutzen schon seit einiger Zeit Bildzeichen, um Dinge und Sachverhalte schriftlich festzuhalten. Zunächst war dies eine Bilderschrift, das heißt, das was abgebildet war, war auch gemeint: Ein Haus für ein Haus, eine Kuh für eine Kuh. Schwieriger war dann die Aufgabe, nicht Dingliches darzustellen. Also z. B. „gehen“. Gelöst wurde das so, dass der Schreiber gehende Beine darstellte und mit einem Zeichen versah, sodass der Lesende später wusste, dass die beiden Beine für „gehen“ und nicht für „Beine“ stehen. Eine weitere Schwierigkeit der Hieroglyphenschrift bestand darin, dass nur die Konsonanten geschrieben wurden, die Vokale jedoch vom Lesenden in den Schriftsatz hineingedacht werden mussten. Schnell hatten die Ägypter festgestellt, dass sie mit ihren Bildzeichen nur beschränkte Ausdrucksmöglichkeiten hatten, komplizierte Sachverhalte jedoch nur ganz schwer niederschreiben konnten (Man denke nur an so etwas theoretisches wie A schuldet B Geld). Deshalb mischen sie ihre Bildzeichen zusätzlich mit Laut- oder Silbenzeichen – ähnlich der chinesischen Schrift. Bestimmte Zeichen standen also beispielsweise für ein L, ein G und ein N. Setzt man diese drei Buchstabenzeichen zusammen, entsteht die Folge lgn. Diese Konsonantenfolge gilt es nun mit Vokalen zu füllen. Wir sehen, dass dann aus lgn sowohl „lügen“ als auch „liegen“ oder „legen“ werden konnte. Um die richtige Bedeutung von lgn unzweifelhaft festzulegen, setzte man dahinter wiederum Bildzeichen. Also zum Beispiel einen Mund für „lügen“, eine Liege für „liegen“ oder einen Tisch für „legen“.
Zustande kam ein Schriftbild aus Zeichen und Bildern, das so komplex war, dass es jahrtausendelang nicht gelesen werden konnte. Erst als ein französischer Offizier während des napoleonischen Ägyptenfeldzuges 1799 bei dem Ort Roseta eine große Steinplatte fand, die Hieroglyphen samt griechischer Übersetzung trug, konnte Jahre später, 1822, ein gewisser Jean-François Champollion die Hieroglyphen entschlüsseln. Doch noch heute weiß man nicht, wie die Sprache gesprochen wurde, da die Vokale ja fehlen und man ohnehin nicht wüsste, wie sie zu betonen sind. Wir sagen beispielsweise zum i einfach i während der Engländer das i wie ai ausspricht. Das a wie ei, das o wie ou. Die frühe Ägyptologie hatte deshalb beschlossen, sämtlichen Vokalen das e zuzuordnen. Der heute Tutanchamun genannte Pharao wurde noch vor wenigen Jahren Tetenchemen ausgesprochen. Durch verschiedene Methoden und weitere Funde ließ sich die alte Sprache jedoch mit einiger Sicherheit wieder rekonstruieren, sodass wir heute einigermaßen wissen, wie die Vokale gesprochen wurden. 
 
Die wichtigsten ägyptischen Götter
  2
Amun
Wird als Mann mit hoher Federkrone dargestellt. Er war ursprünglich der Windgott, avancierte aber im Laufe der Jahrhunderte zum Hauptgott der Ägypter.
 
Anubis
Bildliche Darstellung als Mensch mit Schakalkopf. Anubis ist der Schutzgott der Balsamierer und wiegt das Herz des Verstorbenen vor dem Totengericht.
 
Horus
Falkenköpfige Gottheit, die ihre Schwingen zum Schutze der Menschheit und der Erde ausbreitet.  Nach ihm wurde der ägyptische Thron „Horusthron“ genannt.
 
Isis
Eine Frau mit einem Thron auf dem Kopf. Durch magische Kräfte Göttin der Heilkunst aber auch Klagegöttin bei Todesfällen. Die weitaus beliebteste Göttin Ägyptens.
 
Muth
Wird als bunt gekleidete Frau mit Geierhaube dargestellt. Sie ist die Frau von Amun und gilt den Ägyptern als göttliche Mutter des jeweiligen Pharao.
 
Osiris
Osiris heißt „der Mächtige“ und dargestellt wird er als Sonnenscheibe, deren Strahlen in Händen enden. Unter Pharao Echnaton wird Osiris als Aton zum Hauptgott.
 
Re    
Darstellung als Mann mit Falkenkopf und darüber die Sonnenscheibe. Als Sonnengott fällt ihm die Aufgabe zu, die ganze Welt am Leben zu erhalten.