Der Rote Sumpfkrebs

Feindliche Übernahme

DSC_0425 Von Daniel Brinckmann

Auch die biologische Gesellschaft wandelt sich: Nach dem Sonnenbarsch, der Chinesischen Wollkrabbe und dem Ochsenfrosch wird auch der Rote Sumpfkrebs in Mitteleuropa heimisch. Und weil selbst die Biologen vom „Pilotprojekt Edelkrebs“ nicht überall sein können, setzen sie auf die Hilfe interessierter Taucher.  

In silbernes Mondlicht getaucht, schlängelt sich der Norfbach durch die Felder der Kölner Bucht. Die Szenerie könnte kaum romantischer sein, wäre da nicht der Schein der Tauchlampen, der in Kreisen über den flachen Grund tanzt. Ähnlich müssen es die Rheinländer vor 200 Jahren erlebt haben, wenn sie sich bei Vollmond im Fackelschein auf die Suche nach Flusskrebsen gemacht haben. Plötzlich treibt eine Schmerle in der gemächlichen Strömung vorbei. Als wir den kleinen Fisch anleuchten, sehen wir eine klaffende Wunde neben der Brustflosse. Kurz darauf zieht Biologe Marcus Eßer einen Krebs aus dem Schlamm – mit gebotener Vorsicht, schließlich weiß das Tier mit seinen Scheren umzugehen. Allein die Größe macht es auf den ersten Blick klar: Das ist ganz sicher kein Amerikanischer Flusskrebs, und schon gar kein Edelkrebs! Procambarus clarkii, so sein wissenschaftlicher Name, ist eindeutig ein anderes Kaliber. Intensiv leuchtet sein dunkelroter Körper im Schein der Lampe, der Rumpf ist von hellen Punkten überzogen wie von Masern. Seine Augen schimmern strahlend blau. Für eine Foto-Session ist unser 15 Zentimeter großer Findelkrebs nicht in Stimmung. Bereit, zu nahe kommende Objektive und Finger zu attackieren, breitet das kräftige Tier seine Scheren aus. Dabei entblößt der Redneck aus den Sümpfen der amerikanischen Südstaaten sein Erkennungsmerkmal – ausgeprägte rote Warzen auf den dunklen Scheren.DSC_0416
So schön der Pfau unter den unscheinbaren Flusskrebsen auch ist, so wenig gehört er hierher. Tatsächlich ist er schädlich, allein schon weil er dem heimischen Edelkrebs seine Nische streitig macht. Die Population bei Dormagen ist eine von neun in Nordrhein-Westfalen. Im Sommer wurde 18 Kilometer weiter nördlich, in einem sumpfigen Ablaufbecken der Erft, ein neuer Fundort entdeckt. Nach einer halbstündigen Begehung füllten so viele Krebse den Eimer, dass jedem Gourmet das Wasser im Munde zusammen laufen würde. Ob die Tiere entlang der ländlichen Bundesstraße oder auf dem Wasserweg auf Wanderschaft gingen oder ob es sich um zwei getrennte Populationen handelt weiß man noch nicht. Tatsache ist, dass zahlreiche Talsperren in Spanien und in der Schweiz bereits vor dem Einwanderer wimmeln. Wie konnte sich der Exot überhaupt ausbreiten? „Der Sumpfkrebs war mit seiner bunten Färbung ein beliebtes Aquarientier, das sich durch Aussetzen seit 1993 verbreitet hat“, erklärt Dr. Harald Groß vom Fischereiverband NRW. Der Amerikanische Flusskrebs begünstigt das Aussterben des heimischen Edelkrebses, der in Deutschland nur noch in kleinen isolierten Beständen vorkommt. Bis ins 19. Jahrhundert war der Edelkrebs mit seinem köstlichen Fleisch ein begehrter Leckerbissen. Fang und Handel wurden in einem aus heutiger Sicht kaum noch vorstellbaren Ausmaß ausgeübt. Dann kam die Krebspest. Die heimtückische Pilzerkrankung sorgte dafür, dass die Delikatesse beinahe über Nacht von Gasthofkarten verschwand. Nach wenigen Jahren war die Art in ganz Zentral- und Westeuropa beinahe verschwunden. Dass sich der Edelkrebs nie vom Bestandseinbruch erholen konnte, verdankt er eingeführten Arten. Namentlich dem allseits bekannten Amerikanischen Flusskrebs (Kamberkrebs) und neuerdings dem Roten Amerikanischen Sumpfkrebs. Als Träger der Krebspest sind diese Neobiota resistent gegenüber dem Erreger. Ein einzelner Kamberkrebs kann demnach eine ganze Population des Edelkrebses ausradieren; wie der Schwarze Tod des Mittelalters ist auch die Krebspest hoch ansteckend. Selbst Teile von toten Krebsen am Angelhaken oder feuchte Tauchanzüge mit unsichtbaren Sporen aus einem See, in dem Träger-Arten vorkommen, können einen Edelkrebs-Bestand auslöschen. Deshalb hat Harald Groß schon vor Jahren das Pilotprojekt Edelkrebs in Nordrhein-Westfalen ins Leben gerufen. Eine Initiative, die nicht nur die Fundorte der verschiedenen Flusskrebs-Arten kartiert, sondern auch Ausschau hält nach möglichen Gewässern zur Wiederbesiedlung mit Edelkrebsen. Um eine möglichst große Zahl von Seen zu untersuchen, setzt die Initiative auf ehrenamtliches Engagement interessierter Unterwassersportler. Der stille Kampf um die biologische Nische ist in vollem Gange. Zumal der Einwanderer dem Edelkrebs aufgrund seiner höheren Toleranz gegenüber Umwelteinflüssen überlegen ist: „Der Sumpfkrebs kann sich stark vermehren, mehrfach reproduzieren, und dazu ist er ein Allesfresser“, warnt Dr. Harald Groß.