Tauchen im Weißen Meer
Kalte Pracht

landschaft1 Von Andrey Nekrasov, Übersetzung von Heinz Käsinger

Es ist dort eben so farbenprächtig wie im Korallenriff und große Tiere hat es auch. Nur ist es lange nicht so warm. Wer aber meint, der Norden Russlands sei nur etwas für Abenteurer, sieht sich getäuscht. Der Tauchbetrieb ist gut organisiert, gewohnt wird in einem angenehmen Hotel.

Mehr als zehn Jahre lang hatte ich davon geträumt, das Weiße Meer zu bereisen. An seinen Küsten entlang zu fahren, Menschen zu treffen, mit ihnen zu reden. Über das entbehrungsreiche Leben am Polarkreis, abseits der großen Städte, vergessen von der Regierung und von der Verwaltung Russlands. Und natürlich wollte ich tauchen, vor allem das. Aber der Traum vom Weißen Meer blieb vorerst ein Traum. 

Dann ging es rasend schnell, plötzlich klappte alles. Ich bekam Wind von einer Gruppe von Tauchern, die die Region bereisen wollten. Einige Telefonate folgten, einige E-Mails gingen hin und her. Und schon eine Woche später trafen wir uns alle auf dem Hauptbahnhof in Moskau. Alle schwer bepackt, alle hatten wenigstens die wichtigsten Dinge ihrer Tauchausrüstung dabei. Alle warteten sehnsüchtig auf die Abfahrt des Zuges Moskau – Murmansk. 24 Stunden lang sollten wir mit diesem Zug dem Ziel unserer Sehnsucht entgegen rollen. Es wurde ein langer Tag und eine noch längere Nacht. Doch dann graute der Morgen und wenig später hielt der Zug in der kleinen Station des Kleinstädtchens Chupa. Chupa bildet den Endpunkt eines Fjords, der vom Weißen Meer her tief ins Land hinein ragt. Wir waren jetzt zwar am Weißen Meer angekommen, jedoch noch nicht am Endpunkt unserer Reise. Jener lag in der kleinen Siedlung Chkalovsky, von Chupa aus noch drei Autostunden weiter. Der Betreiber der Tauchbasis Nereis holte uns ab.

Wasser nur 14 Grad plus
UEW2Endlich angekommen, wollten wir nur noch eines: schlafen. Doch so erschöpft ich auch war, ich konnte nicht. Nein, ich beschloss, keine Sekunde meines Aufenthaltes hier zu vergeuden. Also stand ich wieder auf, schnappte meine Kamera und erkundete die Umgebung. Eine traumhafte nordische Kulisse nahm mich in sich auf. Das Land neigte sich sanft zur See hin, Birken wiegten sich im Wind, Pilze und Beeren gediehen gleich am Wegesrand. Ich machte mich auf hinunter zum Wasser. Das war leidlich warm für die Gegend, zwölf Grad. Im August. Dann waren meine Kameraden wieder wach. Und nun wollten wir alle nur eines, nämlich tauchen. Dazu teilten wir uns in zwei Gruppen auf. Die erste Gruppe wollte die Bucht vor der Siedlung erforschen, die zweite Gruppe wollte zum 30 Autominuten entfernten Flüsschen Keret fahren, wo gerade Buckellachse laichten. Jener Gruppe schloss ich mich an. Es war die einzige Chance, das zu erleben. Denn wir hatten nur an jenem Tag von den Behörden die Genehmigung zum Tauchen, da es sich beim besagten Gebiet um ein Naturreservat handelt. Nach der Ankunft am Keret waren wir schnell umgezogen – Pressluftflaschen brauchte es nicht, Schnorchel genügten. Und natürlich ein hervorragender Kälteschutz, denn der Keret rauschte sechs Grad Celsius kalt der See entgegen. Die Strömung war reißend und so hatte ich gehörige Schwierigkeiten, mich den wild hin und her wuselnden Fischen zu nähern. Schließlich blieb ich nur noch liegen, hielt mich mit einer Hand an einem Felsen fest und hielt mit der anderen die Kamera schussbereit. Geriet ein Lachs in Knipsdistanz, löste ich aus. Eine bescheidene Ausbeute war die Folge. Meine Freunde waren schlauer. Sie tauchten an die tiefste Stelle des Flusses ab und verharrten dort, so lange ihnen die Lungenluft reichte. An der Oberfläche holten sie dann mit großem Hallo und ausgiebigem Palaver Luft. Also beschloss ich, mich ihnen anzuschließen. Welch ein Unterschied zur Oberfläche! Hier in der Tiefe wimmelte es nur so von Lachsen. Fast konnte man die Hand vor den Augen nicht erkennen. Ich brauchte mein Objektiv nur in irgendeine Richtung zu halten und abzudrücken – schon war ein super Schnappschuss garantiert. Zuerst hatte ich fast eineinhalb Stunden im Flachwasser ohne Ergebnis gewartet, hier war mein Film in fünf Minuten voll.
 
Gefühl wie auf einem See
UEW3Am nächsten Tag ging es hinaus auf See. Wer schon auf anderen Meeren Tauchausfahrten unternommen hat, der mag jetzt die falsche Vorstellung vor seinem geistigen Auge aufsteigen sehen: Statt einer weiten Wasserfläche mit einer schmalen Horizontlinie sieht man im Weißen Meer überall das Ufer. Fast kommt man sich vor wie auf einem größeren See oder einem Fluss. Unser Ziel heute war der Berg der Seeanemonen. Dabei handelt es sich um einen Felsen, der aus rund 30 Meter Tiefe bis knapp unter die Wasseroberfläche aufsteigt. Wie es das Lehrbuch für Tauchanfänger will, stiegen wir sofort auf die größte Tiefe, 30 Meter, ab. Welch ein Schock! Hier unten hatte das Wasser nur noch äußerst unangenehme zwei Grad Celsius aufzuweisen. Schnell traten wir den Rückweg an die Oberfläche an. Der Berg der Anemonen ist tatsächlich mit überdurchschnittlich vielen Seeanemonen besiedelt. Dazwischen tummeln sich Nacktschnecken und große Seeigel, aus der Tiefe ragen lange Kelpstängel herauf. Ein toller Tauchplatz, an dem wir zwei Abstiege unternahmen, wobei wir jedoch völlig auskühlten. Auf der Rückfahrt stand der Teekessel deshalb auf Dauerdampf. Heißer Tee mit einem Schuss Hochprozentigem brachte die innere Wärme so langsam zurück und der Kapitän des Schiffes unterhielt uns mit allerlei Geschichten. Die Seefahrerromantik war vollkommen, als von Land her dichter Nebel auf das Wasser fiel und gespenstische Schleier bildete... Leider wurde der Nebel im Verlauf der Nacht immer dichter, sodass an eine Ausfahrt mit dem Boot am kommenden Morgen nicht zu denken war. Rumsitzen im Hotel fanden wir doof. Nur: Was sollten wir hier, am Ende der Welt auch anfangen? Die rettende Idee kam vom Hotelportier. Er verriet uns, dass in der Umgebung Chkalovskys früher Glimmer abgebaut wurde und die entstandenen Felstöpfe aus Sicherheitsgründen geflutet wurden, als der Abbau eingestellt war. Das mussten wir sehen.
Für eine kurze Zeit avancierten meine Freunde und ich nun zur Sensation des Dorfes. Da die Stollen nur etwa zehn Gehminuten vom Hotel entfernt lagen, zogen wir uns auf unseren Zimmern vollkommen an, schnallten die Presslufttanks auf den Rücken und wackelten durch den Ort. Schnell hatte sich eine Traube lachender Schaulustiger gebildet. Taucher am Polarkreis, Verrückte natürlich.
In den Töpfen  war es ausgesprochen komfortabel zu tauchen. 18 Grad hatte das Wasser, eine Wohltat. In den Stollen fanden wir versunkene Bäume, alte Holzkonstruktionen der Förderanlagen, schöne Süßwasserpflanzen und Fische dazwischen. Gegen Mittag klarte es auf. Aber es war zu spät, um noch hinaus zu fahren, und so schlug der Kapitän vor, noch etwas die Bucht vor dem Ort zu erkunden. Doch das war eher enttäuschend, der Boden zeigte sich mulmig und nur einige farbenprächtige Quallen schwebten vorbei – wobei sich einer aus der Gruppe zu dicht hinan wagte und schwer vernesselt wurde.

Belugawale sind verspielt
titel2Am kommenden Tag wurde dann zum Aufbruch an einen neuen Tauchplatz geblasen. Mit dem Bus fuhren wir weiter nördlich, jenseits des Polarkreises. Hier hatten die Guides gemütliche kleine Blockhütten als Unterkunft organisiert mit bester Verpflegung. Lachse, Bärenfleisch und Elch standen auf dem Speiseplan der kommenden Tage. Und ein weiterer Höhepunkt: Tauchen mit Belugawalen! Gleich als wir das Revier der hier standorttreu lebenden Wale erreicht hatten, kamen sie angeschwommen. Sechs große Tiere, die nur eines wollten, nämlich mit uns spielen. Ständig schubsten sie uns an, bissen uns sanft in unsere Flossen oder schnappten nach den Blitzgeräten, wenn diese gezündet hatten. So wollten uns keine Fotos von den tollen Burschen gelingen. Schließlich hatten wir eine Idee. Wir bildeten Paare. Der eine ohne Kamera zog die Aufmerksamkeit eines Tieres auf sich und spielte mit ihm. Der andere fotografierte. Dann wurde gewechselt. Als wir endlich das Wasser verließen, stimmten die Wale einen vielstimmigen Chor an, ich bin sicher, sie riefen uns ins Wasser zurück. Der letzte Tauchgang war der farbenprächtigste, den wir während der vergangenen Tage unternommen hatten. Tausende von Seenelken, Anemonen und riesige, satt grüne Algen, die von in allen Farben schillernden Schnecken und Stachelhäutern besiedelt waren, verabschiedeten uns. Eine Farbenpracht, die keinen, wirklich keinen Vergleich mit einem Tropenriff zu scheuen braucht. Reiseinfos:

Anreise
Die ist das größte Problem. Der Autor ist per Zug von Moskau aus in 24-stündiger Fahrt hingefahren. Ab Mitteleuropa gibt es Flüge nach Murmansk von Frankfurt, Wien und Zürich aus. Ab Frankfurt kosten diese um die 600 Euro, ab Zürich um die 900 Euro und ab Wien um 1100 Euro. Von Murmansk aus geht es nach Chupa weiter in mehrstündiger Zugfahrt. Dort wird man von einem Mitarbeiter der Tauchbasis abgeholt. Dann sind es noch drei Autostunden.

Charakter der Reise
Nein, Expeditionscharakter hat im 21. Jahrhundert kaum eine Reise mehr und auch wer das Weiße Meer besucht, wird dort adäquat wohnen und tauchen können.
Beste Reisezeit ist der Frühling. Dann treiben zwar noch Eisschollen auf dem Wasser und es ist laue anderthalb Grad warm aber klar bis in große Tiefen.

Unterkunft
Zum Beispiel im „Ship Hotel“. Ein ganz neues Haus, das in Schiffsform gebaut wurde mit gemütlichen Zimmern und einem voll verglasten Speiseraum. Das Hotel bietet neben Tauchen noch andere Aktivitäten an, zum Beispiel Fotosafaris, Birdwatching, Whalewatching, Pilzseminare u.v.m.

Temperaturen
Auch im Sommer wird das Wasser nie wärmer als 14 Grad Celsius. Ein Trockentauchanzug ist deshalb erste Wahl. Wer sich von der Basis einen mieten will, muss ein Zertifikat vorweisen können.

Tauchbasis-, Hotelkontakt
http://www.nereis.spb.ru/eng/index.html  http://www.ice-diving.ru/index/en.html

Stichwort Weißes Meer
UEW1Das Weiße Meer liegt im Norden Russlands und gehört zu dessen Staatsgebiet. Es misst rund 90000 Quadratkilometer Fläche und ist im Durchschnitt 67 Meter tief. An seiner tiefsten Stelle erreicht es 350 Meter. Begrenzt wird das Weiße Meer im Norden von der Halbinsel Kola, im Westen von Karelien und im Osten von der Landschaft um Archangelsk. Archangelsk ist gleichzeitig der wichtigste Hafen der Region. Drei große Flüsse ergießen sich ins Weiße Meer, die Dwina, der Mesen und die Onega. Die Wissenschaft gliedert das Meer in vier Teile: Die Waronka (der Zugang zur Barentssee), die Bucht von Mesen, die Meerenge Gorlo und das Zentralbecken Weißes Meer. Zwei Kanäle verbinden es mit anderen Regionen. Der längere von ihnen führt zur Wolga und über jene in Nord-Süd-Richtung quer durch Russland bis zum Schwarzen Meer und zum Kaspischen Meer. Der kürzere Kanal ist rund 270 Kilometer lang und führt durch Karelien nach St. Petersburg, wo er in die Ostsee mündet. Dieser Kanal begleitet teilweise eine uralte Handelsroute, die von Dänemark durch Norddeutschland entlang der Ostseeküste nach Polen und dem Baltikum führt, von dort nach St. Petersburg und über den Ladogasee nach Archangelsk. Stalin ließ den Kanal Anfang der 1930er Jahre von Sträflingen bauen. Es wurde weder Beton noch Eisen verwendet sondern ausschließlich Erde und Holz. Insgesamt waren rund 150000 Häftlinge und Zwangsarbeiter am Werk (Ingenieure und anderes hoch qualifiziertes Personal wurde einfach verhaftet und zur Arbeit gezwungen). Man schätzt, dass von den 170000 Arbeitern um die 27000 während der dreijährigen Bauzeit starben und 30000 zum Teil schwer verletzt wurden. halbhalb
Der Bau des Kanals führt zur Erwähnung der Solowetzky-Inseln im Weißen Meer. 24 Inseln und Inselchen, teilweise nur Felsnadeln sind es, die diesen Archipel bilden. Auf der größten Insel hatten Mönche schon im 13. Jahrhundert ein Kloster gebaut, das die Zaren im 18. Jahrhundert ausbauten, mit einer massiven Wehranlage schützten und ein großes Staatsgefängnis dazu stellten. Lenin baute dieses Gefängnis zum Lager aus, in das vor allem politisch Unbequeme deportiert wurden. In den 1920er Jahren waren hier bis zu 3000 politische Gefangene interniert. Das war der Grundstock für Stalins Zwangsarbeiter. Und die Vorlage für Alexander Solschenizyns Klassiker „Der Archipel Gulag“. Jenes Lager und der Bau des Weißmeer-Ostsee-Kanals hatte er vor Augen, als er das Buch schrieb.