Auf den Spuren der großen Seefahrer

Anker der Helden

Von Daniel Brinckmann

anker2 Die Baía do Angra birgt ein sagenhaftes Geheimnis: Einen Steinwurf von der Küstenbefestigung der Azoren-Insel Terceira entfernt liegt ein archäologisches Kleinod, das in Europa seinesgleichen sucht. Seit vergangenem Jahr ist das Gebiet als archäologischer Marinepark für Jedermann zugänglich.
Nur allmählich schälen sich die Konturen aus dem fahlen Dämmerlicht. Verraten hat sie allein ein Überzug leuchtend violetter Schwämme, der sich im Scheinwerferlicht bestens von der monotonen Umgebung abhebt. Der verkrustete Ring zwischen den Felsbrocken räumt dann alle Zweifel aus: In der sandigen Mulde liegt ein kolossaler Stockanker, dessen Spitzen weiter auseinander klaffen als die ausgestreckten Arme eines Hünen. Der stumme Zeuge eines letzten, verzweifelten Manövers, das womöglich manchen Matrosen ins nasse Grab befördert hat. Wir schweben über dem Cémiterio dos Ancoras, einem Ankerfriedhof vor den Toren der Stadt Angra do Heroísmo. Rund ums Mittelmeer und anderswo geht ein solcher einzelner Stockanker als Tauchplatz meist unter der Bezeichnung Anchor Point nahtlos in das Angebot einer jeden Tauchbasis über. Eine Attraktion mehr für die Fotografen. angra bay3Vor der Azoren-Insel Terceira liegen die Dinge anders. Im vergangenen Juni hat die regionale Kulturbehörde das Areal als archäologischen Marinepark ausgewiesen und so der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Das etwa 500 Meter lange Feld beherbergt allein im betauchbaren Bereich 43 Anker und gilt als einmalig in Europa; eine Sensation einerseits als Forschungsstätte für Archäologen und andererseits als Attraktion für geschichtsinteressierte Taucher. Während eines einzigen Abstiegs finden sich bei cleverer Routenplanung mehr als zehn Anker. Teilweise so dicht unter Land, dass einige theoretisch sogar beim Schnorcheln erreicht werden könnten. Wäre da nicht die Tiefe. Auf dem Riffplateau oberhalb von 15 Metern liegt nichts, was sich bestaunen lässt. Die wirklich spektakulär anzusehenden Stockanker haben ihre letzte Ruhestätte in 25 bis 35 Meter Tiefe gefunden, auf dem ebenen Sandgrund am Fuße der anschließenden Steilwand. Natürlich haben Wellen und Strömung über die Jahrhunderte auch den robustesten Meisterwerken zugesetzt. Bei dem einen Anker fehlt die eine Fluke, ein anderer steckt senkrecht im Sand, wieder andere sind fest zwischen engen Felsen verkeilt, und gerade jene im flacheren Wasser sind bis zur Unkenntlichkeit mit Braunalgen überzogen. Einzelne messen beinahe drei Meter Länge, andere erreichen gerade einen Meter.  Doch gerade diese Vielfalt eröffnet neue Fragen: Wieso liegen eben diese Anker aus verschiedenen Jahrhunderten so dicht beieinander? Und was wurde aus den dazugehörigen Schiffen? Die Antworten sind eng verknüpft mit den Handelsrouten der europäischen Seefahrernationen. Mit ihrer Entdeckung im frühen 15. Jahrhundert wurden die Azoren schnell zum Zankapfel zwischen Spaniern und Portugiesen, die in munterer Abfolge Gefechte rund um den strategisch bedeutsamen Außenposten anzettelten. Nach der Entdeckung Amerikas avancierte der fruchtbare Archipel endgültig zum Knotenpunkt zwischen der Alten und Neuen Welt. Auf die Seemänner muss die immergrüne Inselkette wie eine Oase inmitten der endlosen Wasserwüste gewirkt haben. Schon allein zum Laden von Proviant und Frischwasser wurde nun ein obligatorischer Transitstop eingelegt. Als Nebeneffekt erlebten die spärlich bewirtschafteten Azoren eine kulturelle Blütezeit, die sie kaum je wieder erleben sollten. Dies galt auch für die Insel Terceira und Angra do Heroísmo, die als eine der malerischsten Städte des Archipels seit 1986 Bestandteil des UNESCO-Weltkulturerbes ist. Jahrhunderte lang galt die weit geschwungene Baía do Angra als einziger sicherer Naturhafen des gesamten Archipels. Allerdings mit einer fatalen Einschränkung. Bei Südostwind rollen die Brecher aus dem offenen Atlantik bis heute ungebremst in die Bucht. vermessungSelbst in Friedenszeiten lief so manches Handelsschiff in diese natürliche Falle und zerschellte auf den scharfen Lavaklippen. Wenn der Sturm tobte lag die letzte Chance auf der Hand: Alle Ankerseile kappen! Für viele Mannschaften bedeutete diese Entscheidung dennoch zweifellos der Griff nach dem kürzeren Strohhalm. Zumal unerfahrene Kapitäne den zerklüfteten Lavagrund unterschätzten. Ironischerweise spielten sich die Unglücke ausgerechnet vor dem Fort São Sebastião ab, das als größte spanische Seefestung außerhalb Europas bis zum heutigen Tag auf dem Vulkan Monte do Brasil thront. Nahe liegend, dass nicht wenige Fregatten auch kriegerischen Handlungen zum Opfer fielen. Trotz zahlreich überlieferter Augenzeugenberichte dürfte die Identität der Schiffe den Archäologen noch so einige Jahre Rätsel aufgeben. Denn in der Baía do Angra wartet viel Arbeit: Zwischen 1552 und 1996 sind allein 74 Schiffsunglücke verbürgt. So finden sich weit mehr Fundstücke als das Ankerfeld selbst bieten kann. Etwa die verstreuten Überbleibsel eines Dampfschiffwracks, das vor hundertfünfzig Jahren Nachschub für den amerikanischen Bürgerkrieg liefern sollte und dann doch nur die halbe Strecke schaffte.
Draußen im offenen Atlantik bleibt nichts so wie es ist. Wenn die erbarmungslosen Winterstürme in die lang gezogene Bucht treiben, werden die Überreste von mehr als 50 Wracks wie ein gigantischer Cocktail immer wieder aufs Neue gemischt. Alljährlich verschwinden Überreste, und jedes Jahr tauchen plötzlich neue auf. Was dem Taucher bleibt sind 43 Anker, die natürlich längst ordnungsgemäß katalogisiert worden sind. Erst im vergangenen Sommer untersuchte die gemeinnützige wissenschaftliche Stiftung Fundaçao Rebikoff-Niggeler im Auftrag der regionalen Kulturbehörde das Gebiet. Drei Monate lang kam dabei modernste Technik, unter Anderem Sidescan-Sonar und das Tauchboot "Lula", zum Einsatz. Bei der Gelegenheit wurden im Marinepark alle Anker bis in 40 Meter Tiefe mit nummerierten Markierungen versehen. Seit langem steht fest, dass die tonnenschweren Kolosse gleich aus verschiedenen Jahrhunderten stammen. Der häufigste Ankertyp im Marinepark, „Almirantado“ genannt, wurde um 1840 in England aus Eisen gefertigt. Tatsächlich wurden einzelne Anker vor dem Monte Brasil auch bis ins 16. Jahrhundert rückdatiert. Seit dieser Zeit genießt der Naturhafen auch seinen Ruf als riskanter Liegeplatz. Während die meisten Schiffe tunlichst in sicherer Distanz offshore auf Reede gingen, ankerten andere, die Ladung aufnehmen wollten, innerhalb der Bucht. Kleinere Handelsschiffe benutzten dazu meist ein 30 Meter langes Tau auf der Seeseite und ein mit 15 Metern deutlich kürzeres auf der Landseite. schildWas in vielen Fällen auch die scheinbar willkürliche Verteilung der Anker in der Tauchzone erklärt: Ein großer Teil ist auf dem ebenen Vorsprung im Riffplateau zum Liegen gekommen, unwesentlich weniger stechen weithin sichtbar aus dem tieferen Sandgrund hervor. Ganz verlassen sind die Anker dort unten übrigens nicht – die mittelatlantische Flora und Fauna hat den Friedhof in ein lebhaftes Fleckchen verwandelt. Hunderte kleiner Drachenköpfe verwandeln die zerklüfteten Lavafelsen in ein Minenfeld für schlecht tarierte Taucher, an exponierten Stellen ragen ungewöhnlich große Schraubensabellen gleich im Dutzend ins nährstoffreiche Freiwasser hinaus. Neben den allgegenwärtigen Brassen und Lippfischen schauen regelmäßig Bernsteinmakrelen, Barrakudas und wirklich kapitale Stachelrochen am Friedhof vorbei. Die spektakulären Großfische, die nur zweihundert Meter weiter an der strömungsreichen Spitze des Monte do Brasil auf Jagd gehen, bleiben allerdings besser unter sich. Ein schlecht vorbereiteter Tauchgang an dieser Stelle ersetzt im schlimmsten Fall einen Freifahrschein in Richtung Brasilien… Bestens lässt sich der Besuch der Anker am benachbarten Wrack des Transporters "Lidador" ausklingen, den es übrigens erst 1878 auf dem Weg nach Brasilien auf die Klippen getrieben hat. Dabei ist das 79 Meter lange Schiffsgerippe als Teil des Marineparks sogar von Land aus erreichbar. In allerbester Schnorcheltiefe können Schwärme von Drückerfischen ihre Neugierde kaum bremsen, freiliegende Muränen und zahlreiche Nacktschnecken verwandeln den Sicherheitsstopp schnell in eine ausgedehnte Trümmerbesichtigung. Fotomotive beherbergt der marode Rumpf zwar en masse – doch die wahre Attraktion bleiben natürlich die Anker und jener mystische Hauch der Entdeckerzeit, der sie umwittert. Überraschenderweise entfaltet sich der Effekt nicht einmal so sehr im Hochsommer, wenn die Sicht meist bei zwanzig Metern liegt und der Abstieg eher einem surrealen Flug in der moderaten Strömung gleicht. An schlechten Tagen, und die gibt es auf den Azoren nun einmal, ähnelt die Erkundung des Gebietes tatsächlich einem geisterhaften Spaziergang durch den Nebel. Dann wird der Tauchgang in den grünlichen Fluten nicht selten zu einer seltsam berauschenden Entdeckungstour, bei der einige Besucher förmlich getrieben werden vom Irrglauben, im Schleier jenseits der nächsten Klippe etwas erblickt zu haben. Ganz zu schweigen vom Gefühl, einmal (fast) Hand anlegen zu können wo Seefahrtsgeschichte zwischen Alter und Neuer Welt geschrieben wurde. Dabei gelten die allgemeinen Spielregeln, die auch an der Uferpromenade von Angra angeschlagen sind: Nutzung der installierten Ankerbojen, keine Dekotauchgänge (die nächste Kammer steht auf der 300 Kilometer entfernten Insel Faial), nur Fotos als Andenken. Aber auch ohne Souvenir ist ein solch greifbares Erleben der Pionierfahrten wohl nicht einmal bei den Kapverden möglich. Und da mag das Meer noch so hartnäckig schweigen - die Archäologen auf Terceira werden den stummen Zeugen vor Angra do Heroísmo über kurz oder lang noch viele historische Details entlocken.