Gerhard Haux ist 75!
buchdeckelUnd ATLANTIS gratuliert mit einem ausführlichen Portrait über den Mann, der den Druckkammerbau ganz neu interpretierte – und somit revolutionierte.

Von Wolfgang Freihen

Sein Büro ist ein kleines helles Zimmerchen mit einem Schreibtisch, Computern und viel Papier. Kein Raum zum Repräsentieren, es sieht richtig nach Arbeit aus. An den Wänden Zeichnungen und Fotos, und mittendrin – da ist auch er. Leger gekleidet, mit aufgekrempelten Ärmeln. Er ist sehr freundlich. Nach den üblichen Begrüßungsfloskeln beginnt er zu erzählen und es macht Freude, ihm zuzuhören, seinen packenden Geschichten zu folgen.steuerstand
Am 26.4.1932 wird er in Heilbronn geboren. Er hat noch zwei Geschwister, und als sein Vater, der Bäckermeister Hermann Haux, viel zu früh aus dem Leben scheidet, ist er gerade mal sieben. Eine schlimme Zeit. Die Mutter führt das Geschäft mit Fremdpersonal weiter und hält im Übrigen die Familie mit Heimarbeit über Wasser. Während seine Schulkameraden draußen spielen, muss der kleine Gerhard selbst mit Hand anlegen. Das Geld reicht nur für den Besuch der Volksschule und nach Kriegsende tritt er eine Lehre als Werkzeugmacher an. Danach verdient er erst einmal Geld, um studieren zu können und schließt 1955 als „Staatlich geprüfter Ingenieur für Feinmechanik und Mengenfertigung“ ab.
Erste Bewerbungen folgen, u. a. beim Drägerwerk. Das Vorstellungsgespräch verläuft erfolgreich, und so zieht er vom Schwabenländle nach Lübeck und beginnt dort als Entwicklungsingenieur für Gas- und Staubschutzmasken, Umfüllpumpen, Kompressoren, Tauchgeräte und Druckkammern.
Natürlich stehen nicht gleich Neuentwicklungen an. Ihn interessieren auch kleine Verbesserungen an Geräten, die sich bereits tausendfach bewährt haben, was bei den hohen Fertigungszahlen deutlich zu Buche schlägt. Er achtet auch auf eine bessere, ins Auge springende Werbung, und besonders stolz ist er auf ein System zur Aufbereitung der Atemluft für Piccards „Trieste“, 1957 von Dräger geliefert und von Haux mitkonstruiert. Man kann das U-Boot neben zahlreichen anderen seiner Konstruktionen heute im Deutschen Museum in München bewundern. Ebenso entwickelt er Tauchanzüge für die Berufstaucherei, die ihre Krönung in einem deutlich verbesserten Konstant-Volumen-Anzug finden. Auch Helmtauchgeräte werden einer kompletten Neukonstruktion unterzogen und mit deutlich leichteren, glasfaserverstärkten und den Bedürfnissen besser angepassten, Helmen und Anzügen ausgerüstet. Der Umgang mit dem Schwaben ist für die Norddeutschen nicht immer einfach. Ihn zeichnet 150-prozentiges Engagement aus, das er auch von seinen Mitarbeitern fordert. Mitunter gilt es, verkrustete Firmenstrukturen aufzuweichen. Und schon früh wird seine Stärke deutlich, einzelne Projekte nicht nur im großen Stil zu verfolgen sondern bis ins kleinste Detail auszufeilen. Murks ist ein Fremdwort, und so überzeugt er auch die Geschäftsführung, dass das Beste gerade gut genug ist. Haux wird schon nach wenigen Jahren Abteilungsleiter und bald darauf zum jüngsten Oberingenieur, den das Drägerwerk je hatte.
Im Laufe der Zeit entsteht neben neuen Lungenautomaten auch die 300-bar-Technik für Sporttaucher. Er arbeitet an der Konstruktion eines epochemachenden neuen Sauerstoff-Kreislaufgerätes für Kampfschwimmer, das über 30 Jahre unverändert bleibt, später auch an einem Mischgastauchgerät für Minentaucher. Es arbeitet mit vorgefertigten Gasgemischen, ist absolut un-magnetisch und erfordert ganz besondere Prüfeinrichtungen. Mit dem Aufkommen des Tief- und Sättigungstauchens widmet man sich auch bei Dräger diesem Neuland. Für die Offshore-Industrie entstehen so neben Mischgas- Tieftauchgeräten ganze Tieftauchanlagen für Tiefen bis zu 500 Meter. 1969 entsteht das UW-Labor „Helgoland“, das erste deutsche Unterwasserhaus, das sich zum weltweit erfolgreichsten mausert und über mehrere Jahre hinweg seinen Langzeiteinsatz in der Nordsee findet. Heute ist es im „Nautineum“ des Deutschen Meeresmuseums bei Stralsund zu besichtigen.

Tieftauchanlagen für die offshore-industrie Es folgen zahlreiche weitere Tieftauchanlagen für den weltweiten Einsatz bei der Offshore-Industrie, außerdem große Tauchsimulationsanlagen für die Taucherausbildung, für Material- und Gerätetests. Das Geschäft boomt, und Anfang der 70er Jahre wird für diese Großgeräte, die teilweise über mehrere Stockwerke reichen, die Dräger-Druckkammertechnik gegründet. Dieser Sonderbereich wird von Gerhard Haux geleitet, wobei ihm großer finanzieller Spielraum eingeräumt wird. Dräger wird auf vielen Gebieten der UW-Technik zum Marktführer. Ein regelrechter Serienbau von stationären wie auch mobilen Druckkammern, Tieftauch- und Simulationsanlagen setzt ein, darunter die größten, je gebauten. Gerhard Haux ist in dieser Zeit viel unterwegs, mehrfach in den USA, der UdSSR und zahlreichen weiteren Ländern, wobei er Kontakte zu allen bekannten Größen der Branche pflegt, deren Wünsche kennen lernt und diese umzusetzen sucht. Er hat eine ungeheure Fachkompetenz und gehört schon fast zum unveräußerbaren Inventar des Drägerwerks.
Diese Vorstellung erhält allerdings bald einen Knacks, als ein Brand auf dem norwegischen Taucherschiff „Arctic Surveyor“ ausbricht. Dort hatte Dräger 1974 die bis dahin größte Tieftauchanlage installiert. Für den anstehenden Folgeauftrag muss das Schiff umgehend wieder zur Verfügung stehen. Also wird von Haux alles Notwendige getan. Doch damit bekommt er nicht nur Ärger mit dem Betriebsrat, sondern gar mit der Firmenleitung. Ausgerechnet über Karfreitag und Ostern arbeiten zu lassen. Derart betriebsrätliches Denken verträgt sich nicht mit Haux’ Überzeugung, immer, auch nachts und an solchen Feiertagen, für die Kundschaft da zu sein. Zwar erhält das Drägerwerk, bedingt auch durch diesen Einsatz, kurz darauf den Auftrag für eine noch größere Tieftauchanlage, doch der Bruch ist vorbereitet. Nach einigen weiteren Überlegungen verlässt Haux 1977 nach insgesamt 22 Jahren Betriebszugehörigkeit das Drägerwerk. druckkammer+schreib
Er macht sich selbständig und gründet ein Ingenieurbüro für UW-Systemtechnik. Seine Vorstellung, mit diesem Schritt weiterhin freiberuflich für Dräger tätig zu sein, erfüllt sich jedoch nicht. Vielmehr gilt es, eine Konkurrenzklausel von zwei Jahren einzuhalten. Da kommt das Angebot gerade recht, Geschäftsführer und Projektleiter beim U-Bootbauer Bruker Meerestechnik zu werden. Dies gibt ihm die Möglichkeit, die Sperrfrist elegant zu umgehen und dennoch mit der Meerestechnik verbunden zu bleiben. Bei Bruker geht es um die Planung eines Katamaran-U-Bootes für vielfältige Aufgaben, wie etwa das UW-Habitat-Schweißen und weitere Situationen beim UW-Pipeline-Bau. Taucher sollen unter Wasser ein- und aussteigen können, und das U-Boot soll die Möglichkeit zum Andocken an den kleinen Bruker-Seamaid-Tauchbooten bieten. Dieses Tauchfahrzeug wird zwar nicht gebaut, doch das Folgeprojekt, wiederum ein Katamaran-U-Boot, das von einem Konsortium mehrerer Firmen realisiert wird.
Nach Ablauf der Sperrfrist wendet er sich wieder seinem eigentlichen Arbeitsgebiet zu. Der Markt hat sich mittlerweile verändert. Große Tieftauchanlagen werden kaum noch verlangt. Jetzt werden vielfach ferngesteuerte Kabelleger und kleine ROVs (Remote Operated Vehicles) da eingesetzt, wo früher Taucher unverzichtbar waren. Doch dort, wo es ohne Taucher nicht geht, gibt es noch zahlreiche Details zu verbessern. Für solche Aufträge kommen Gerhard Haux seine früher geknüpften Kontakte zugute. Man kennt ihn, schätzt sein Können, die Qualität seiner Arbeiten und setzt hohe Erwartungen in seine Innovationen.
Nach dem Intermezzo bei Bruker werden überwiegend kleine Kammern gefordert, was seinen räumlichen Möglichkeiten entgegenkommt. So entstehen Testkammern für Kleingeräte gleich in Serie, und zwar zu Hause, in der eigenen Garage. Für die Produktion größerer Kammern müssen entsprechende Werkstatträume angemietet werden. Dort entstehen große Testkammern und auch ganz normale Rekompressionskammern für internationale Tauchsportbasen. Es entstehen Kammern in allen möglichen Bauformen für eine und auch mehrere Personen. Übliche Bauformen kommen jedoch nicht infrage. Vielmehr betritt Haux konstruktives Neuland. So werden die im Behälterbau üblichen Korbbogenböden  durch dickere, flache Wände ersetzt, was den Druckkammerbau komplett revolutioniert. Denn diese Bauweise bietet gleichzeitig mehrere Vorteile: Baulängen werden verkürzt, was mobilen Kammern in Containern und auf Rettungsfahrzeugen zugute kommt. Gleichzeitig ergeben sich bessere Einstiegsmöglichkeiten und eine zentrale Kammerbedienung, Insassenüberwachung und auch Gasversorgung, alles von einer Stirnseite her. Diese Kammern werden übrigens nicht nur zu Dekozwecken, sondern von Medizinern auch ls sogenannte HBO-Kammern (hyperbare Sauerstoffkammern) benutzt, um Problemwunden, Verbrennungen, Rauchgas- und Kohlenmonoxydvergiftungen behandeln zu können. Gerade dort werden durch die Flachwandtechnik die Platzverhältnisse nicht nur im Innern, sondern auch die Gesamtaufstellung entscheidend verbessert. Die Kammern für die HBO-Therapie, teilweise mit entsprechenden Operationsmöglichkeiten, bilden heute das Hauptauftragsvolumen des Unternehmens. Innerhalb von sieben Jahren werden so mehr als 100 Großanlagen gebaut. Bei uns in Deutschland haben sie einen Marktanteil von 95 Prozent, und die „Starmed 2200“ wird zur weltweit meist verkauften Mehrpersonen-HBO-Kammer. Es entstehen Großanlagen in Modulbauweise, darunter 2005 auch die größte je gebaute für das Karolinska University Hospital in Stockholm, und einige Jahre früher – bereits 1989 – baut Haux den ersten Tauchsimulator für das Schifffahrtsmedizinische Institut der Bundesmarine in Kronshagen.
 
quadrotechnik sorgt für einen normalen Raumeindruck
 
Auch hier wiederum in gänzlich neuer Bauart, für Tauchtiefen bis zu 200 Metern. Kein Zweifel, Haux hat nicht nur in technologischer Hinsicht, sondern auch unternehmerisch wieder die Weltspitze erreicht. Dazu beigetragen haben u. a. auch ein neuartiger, flacher Kammerboden und die so genannte Quadrotechnik, kubische Kammern in kompletter Flachwandtechnologie, die einen normalen Raumeindruck vermitteln. Alle Kammern haben eine neuartige Beleuchtung, digitale Bedienung und zahlreiche andere innovative Einrichtungen. Mittlerweile ist die Firma, die sich seit 1985 Haux-Life-Support nennt, in eigene, großzügige Büro- und Werksgebäude in Karlsbad bei Karlsruhe umgezogen. 1997 übernimmt Sohn Torsten die Firmenleitung, doch Gerhard Haux ist weiterhin täglich präsent. Er widmet sich zahlreichen, nicht nur technischen und qualitätssichernden Aufgaben, sondern u. a. auch der Öffentlichkeitsarbeit. Er hält Vorträge und schreibt an einem weiteren Buch – wahrlich, Haux scheint unermüdlich.
 
ATLANTIS gratuliert und wünscht Gerhard Haux, dass er sich diese Spannkraft noch über viele weitere Jahre erhält.