Peter Benchley ist tot
88 Geliebt und umstritten

Kurz nach Redaktionsschluss von ATLANTIS 2-06 starb Peter Benchley, dessen größter Erfolg der Roman „Der Weiße Hai“ („Jaws“) war. Auch seine anderen Abenteuerromane handeln von der See und ihren Bewohnern. Grund genug für ATLANTIS, dem populären Autor einen umfangreichen und vor allem kritischen Nachruf zu widmen.

Von Heinz Käsinger

In der Geschichte des geschriebenen Wortes gab es manche Entwicklung, die den Leser derart beeindruckte, dass eine Umwälzung, eine Zäsur oder gar eine Revolution in Gang kam. Denken wir doch nur an die herausragenden Beispiele der Bibel, des Koran, der kantschen Kritik der Vernunft, des marxschen Kommunistischen Manifests oder der darwinschen Evolutionstheorie. Millionen, nein Milliarden von Menschen wurden davon beeinflusst.
Für das Verhältnis des Sporttauchers, des Schnorchlers, des Schwimmers oder auch des Fischers zu den Lebewesen des Meeres war Peter Benchley so eine Zäsur. Um Missverständnissen vorzubeugen: Wir vergleichen den Journalisten und Schriftsteller mit keiner der vorgenannten Personen oder Werken, dazu ist er schlicht zu unbedeutend. Aber es ist eine Tatsache, dass mit Erscheinen des Buches „Der Weiße Hai“ 1974 eine eklatante Verunsicherung des Personenkreises einherging, die mit diesen Fischen in Kontakt kamen oder hätten kommen können.
War Hans Hass, bei aller Popularität, in den 40er, 50er und 60er Jahren noch ernsthaft um die wissenschaftlich korrekte Untersuchung und Wiedergabe der Begegnung Fisch – Mensch bemüht und Jacques Cousteau (in den 70er Jahren) immerhin darum, den Fisch nicht allzu blass angesichts seiner eigenen strahlenden Gegenwart aussehen zu lassen, so dienten Benchley die Meerestiere ausschließlich dazu, Angst und Schrecken zu verbreiten.
Er benutzte dazu vorwiegend die Fische, die beim Menschen ohnehin einen schlechten Ruf haben: die Muräne, den Barrakuda, den Kraken und natürlich den Hai. Anders ausgedrückt: Benchley schürte Vorurteile. Lassen wir ihn aber selbst erzählen:
„Die Muräne schoss los. Nadelspitze Zähne gruben sich in den Nacken des Mannes, dessen Kehle konvulsivisch zuckte...“ („Das Riff“). Oder: „Schmerz und Panik überfielen die Frau gleichzeitig und sie stieß einen gutturalen Schrei aus. Der Hai hatte abgedreht. Er schluckte das Bein der Frau, ohne zu kauen...“ („Der Weiße Hai“).
Beispiele wie diese gibt es in Benchleys Schmökern zuhauf. In „Beast“ beispielsweise fokusiert sich das Böse auf eine einzige Kreatur, einen wirklich riesigen Kalmar, der selbst Schiffe angreift.
Zu diesem Umgang mit Vorurteilen kommt, dass Benchley in seinen Büchern offen mit Rassismus gespielt hat. Sei es, um seine Romane im Amerika der 70er Jahre besser zu verkaufen oder aber weil er selbst so dachte wie der Held in „Das Riff“, Homer Treece: „Treece bemerkte, dass Gail Sanders bei den Worten »schwarzen Hurensöhnen« zusammenzuckte und fuhr fort: »Rassist, Negerfresser, Faschist. Ich habe keine
Vorurteile aber meine Erfahrungen ge-macht...«“. Und an anderer Stelle: „...Niggerpack...“. Wohlgemerkt ist Homer Treece der Protagonist in „Das Riff“, der das Gute verkörpert. Hätte er den bösen Part (die Bösen sind übrigens alles Menschen schwarzer Hautfarbe in „Das Riff“) so denken lassen, wär‘s in Ordnung gewesen.
Kann es also sein, dass Benchley seinen Intellekt, seine persönliche Meinung auf dem Altar des Profits und des Mainstream opferte? Um so mit seinen Büchern Auflage zu machen? Vielleicht.
Die Lebensgeschichte des Schriftstellers sagt wenig – und doch alles – über dessen persönliche Haltung zur Politik der USA oder zur vorherrschenden Meinung der US-amerikanischen Bevölkerung in den 60er und 70er Jahren aus. Benchley wird 1940 in New York geboren. Dabei weisen seine Gene schon auf eine kreative Laufbahn hin, der Vater ist Schriftsteller, der Onkel Humorist. Nach Abschluss der Highschool studiert Benchley Englische Sprache in Harvard. Er wird Journalist, arbeitet als Reporter bei der Washington Post. Später wird er Redakteur der renommierten Newsweek und nach der Ermordung John F. Kennedys holt ihn dessen Nachfolger Lyndon B. Johnson als Redenschreiber ins Weiße Haus. Der kann einen politischen Journalisten und Medienprofi vom Schlage eines Benchley gut gebrauchen. Denn Johnson muss der meinungsmäßig gespaltenen Bevölkerung den Vietnamkrieg schmackhaft machen. Eigentlich will diesen Krieg niemand, doch Johnson steht der amerikanischen Rüstungsindustrie nahe, die ihn unterstützt. Als kleines Dankeschön für diese Unterstützung treibt Johnson die Nation in einen Krieg, dessen Ausgang und Auswirkungen wir heute kennen. Heute gilt bei Historikern und Politikwissenschaftlern sogar die unbestätigte Meinung, Johnson hätte hinter Kennedys Ermordung gesteckt.
Wenngleich Benchley zwar nicht der aber einer der Propagandisten für diesen unnötigen Feldzug war stellt sich die Frage, was für ein Mensch man sein muss, um so ein offensichtliches Unrecht zu verkaufen – auch wenn man vielleicht gar nicht dahinter steht. Denn ob dafür oder dagegen: Jeder, der seine Stimme nicht kategorisch gegen den Vietnamkrieg erhoben hatte, hat sich mitschuldig am Tode von Millionen Menschen gemacht. Und wer einem Präsidenten das philosophische oder argumentative Rüstzeug zu diesem Unrecht lieferte sowieso. Das Ende der 60er Jahre aber war in Amerika nicht nur durch den Vietnamkrieg geprägt. Auch die entrechtete schwarze Bevölkerung begehrt auf, will endlich die Gleichberechtigung.

Die Johnson-Regierung tritt vordergründig dafür ein, heute aber wissen wir, dass hinter den Kulissen alles dafür getan wird, die Bewegung niederzuschlagen. Dr. Martin Luther King jr., der geistige Führer der Bewegung, hält vor dem Lincoln Memorial in Washington eine bewegende, für das weiße Amerika beschämende Rede („I have a dream“). King wird ermordet. Weggeputzt. Wie später „Der Weiße Hai“, wie vorher Kennedy, der mit seinen teils revolutionären Ideen und
Plänen die Konservativen, die harte Rechte, beunruhigte. – Amerikas Weg, Probleme zu lösen war damals schon die Bleispritze. Und in diesem geistigen und sozialen Umfeld bewegt sich Benchley.
1969. Johnson hat auf eine erneute Präsidentschaftskandidatur verzichtet, weil John F. Kennedys Bruder Robert bessere Aussichten beim Wahlvolk hat. Zeit für Benchley, seinen Hut zu nehmen. Er macht sich als freier Schriftsteller selbständig. 1974 gelingt ihm der große Wurf mit „Jaw“, ins Deutsche unter dem Titel „Der Weiße Hai“ übersetzt. Mehr als 20 Millionen Mal verkauft sich das Buch, wird in zwölf Sprachen übertragen. Schon ein Jahr später verfilmt ihn Steven Spielberg. Notiz am Rande: Benchley tritt, im Stil eines Alfred Hitchcock, selber im Film in einer kurzen Szene auf. Er spielt: sich selbst, einen Reporter. Doch das Verhältnis am Set ist gespannt. Schließlich wird Benchley von Spielberg aus dem Studio geschmissen.
Nur zwei Jahre nach „Jaws“ gelangt mit „The Deep“ (deutsch „Das Riff“) ein weiterer Taucherroman auf die Bestsellerlisten der Welt. Es geht um ein altes Wrack aus der Zeit der Conquista, natürlich beladen mit Tonnen von Gold. Für eine Gruppe von Verbrechern jedoch ist lupenreines Opium wichtiger. Und zwar aus einem Schiff, das exakt an der gleichen Stelle gesunken ist und über dem alten Holzwrack der Spanier liegt. Auch dieser Reißer wird verfilmt, Peter Yates war der Regisseur und eine umwerfende Jacqueline Bisset spielt die weibliche Hauptrolle. Übrigens: Die hatte für die Rolle eigens den Tauchschein gemacht und ist seither leidenschaftliche Pressluftjüngerin. Spielbergs und Yates’ Filme sind genial gemacht; spannend und rasch erzählt, atmosphärisch dicht und mit so viel Lokalkolorit, dass sie nach Meinung des Autors dieser Zeilen zu den wenigen Ausnahmen von Literaturverfilmungen zählen, bei der der Film besser gelang als das Buch.
Weniger martialisch geht es 1982 im Buch „The Girl of the Sea of Cortez“ (deutsch: „Der Berg der Fische“) zu. Ein Kontrastprogramm zu den Vorgängern. Benchley langweilt hier mit unnötigem Pathos und dümmlich-naiven Naturschilderungen.
Dafür greift er 1991 wieder auf Altbewährtes zurück. „The Beast“, das „Monster aus der Tiefe“, ist ein Riesenkalmar, der Schiffe angreift, Wale verschlingt und auch sonst nur Angst und Schrecken verbreitet. Er wird, wie kann es anders sein, im Stile des „Weißen Hai“ erledigt – typisch amerikanisch. Benchley und seine (Mach-) Werke sind typisch amerikanisch. Ein Buch verrät ihn auf besonders eklatante Weise: „The Island“. Es wurde als „Freibeuter des Todes“ ins Deutsche übertragen. Abgesehen da-von, dass hier zwölfjährige Jungen schon Schusswaffen tragen, mit ihnen umgehen können und gewissenlos töten, offenbart sich Benchleys Bild der Welt: Die Zivilisation hört auf zu existieren an der Südspitze Floridas. Die Karibik wird bevölkert von korrupten Schwarzen oder wahlweise auch abgestürzten, verkommenen amerikanischen Intellektuellen.
Dabei weiß Benchley genau, was er mit seiner Fiktion anrichtet. Nicht umsonst wird er im richtigen Leben ein engagierter Meeresschützer, Haie liegen ihm besonders am Herzen. Als Taucher, der in seinem Leben mehr als 6000 Abstiege machte und Hunderte von Haibegegnungen hatte, wusste er genau, wie er diese Tiere einzuschätzen hatte. Auch als Tierschützer ist Benchley rührend, ja fast peinlich amerikanisch. „Wir dürfen nicht aufhören das Gute zu tun“, schreibt er kurz vor seinem Tod in einem Internet-Chat des Time Magazin. Trotzdem missbrauchte er Haie, Kraken und Muränen in seinen Romanen als Horror-kreaturen. Und als Angehöriger dessen, was der gemeine Latino der Bronx als Intelligencia bezeichnet, weiß er um die Macht der Fiktion – besonders in einem intellektuell etwas zurück gebliebenen Land wie Amerika.
Natürlich relativiert sich das Ganze. Vor und während „Jaws“ konnte Benchley nicht ahnen, welche Hysterie er in Sachen Hai und Muräne weltweit auslösen würde, verstärkt und angetrieben selbstverständlich durch die Verfilmungen.
Übrigens: Benchleys „Jaws“ verkaufte sich 20 Millionen Mal als Buch, den Film jedoch sahen weit mehr als 300 Millionen Menschen. Und es ist verbrieft, dass namentlich im US-amerikanischen Raum ausufernde Haimassaker mit Benchleys Ro-man, sozusagen als philosophischem Unterbau, gerechtfertigt wurden. Weitere Bücher dieses Stils hätten also von einem engagierten Meeresschützer nicht folgen dürfen.
Benchley starb am 12. Februar 2006 in seinem Haus in Princeton, New Jersey, an den Auswirkungen einer Lungenfibrose. Benchley war verheiratet und hatte drei Kinder.