Die Haie der Malediven

Ein früher Nachruf50
Um den Bestand der Haie auf den Malediven ist es nicht gut bestellt. Doch die Regierung tut nichts. Trotz eindeutiger Rechtslage bleiben Umweltsünder unbehelligt. Vielleicht könnten wir als Touristen etwas erreichen.

Von Norbert Schmidt

 

Wie ernst die Lage wirklich ist, wurde mir kürzlich vor Augen geführt. An einem unserer bekanntsten Haiplätze mit oft 30 bis 40 Tieren, war von heute auf morgen kein Schwanz mehr zu sehen. Leergefischt. Womöglich gab sogar einer aus unseren Crews Fischern von der Insel Dangheti den Tipp weiter.
Die Gesetzeslage ist eindeutig auf den Malediven. In den alten Touristenatollen, also den beiden Male Atollen, Ari, Felidu, Baa und Lhaviyani ist der Haifischfang verboten. Außerhalb ist der Fang völlig legal. Dass inzwischen so gut wie alle Atolle Touristenatolle sind und das Fangverbot entsprechend ausgedehnt werden müsste, interessiert niemanden.
Müssen die Haifänger in den Touristenatollen noch eine gewisse Vorsicht an den Tag legen und den Schein wahren, ist das außerhalb davon nicht mehr der Fall. Hier wird ungehindert geraubt und geplündert in einem Ausmaß das alle Vorstellungen weit überschreitet. Deshalb wird das Tauchen nicht besser, je weiter man in die Atolle hinausfährt, wie manche annehmen. Das Gegenteil ist der Fall, der Raubbau ist in den entlegenen Gebieten wesentlich weiter vorangeschritten als nahe der Tourismuszentren.
Ein anderer Fall: Ganz dreist legten Fischer ein Hainetz ganze 100 Meter vor der Insel Bathala aus. Registriernummer des Bootes, genaue Zeit, sogar die Namen einiger Fischer konnten festgestellt werden. Ich berichtete an den mir persönlich bekannten Minister, Honourable Mr.Sobir. Entrüstung wurde artikuliert, strenge Bestrafung der Übeltäter angekündigt. Bis heute ist nichts passiert.
Sobir verspricht in der deutschen Presse: „Auf den Malediven werden keine Haie mehr gefangen“. Es war ärgerlich, dass eine Zeitschrift so ein blödes Statement überhaupt druckt. Denn Sobir hatte weder das Interesse noch die Kompetenz, etwas an der Situation zu ändern. Schon sein Vorgänger hatte das nicht, und der zukünftige Minister wird es ebenso wenig haben.
Auf den Malediven, wie praktisch überall in Asien, gibt es kein Umweltbewusstsein. Das wenige was überhaupt dazu zu hören ist, sind Lippenbekenntnisse. Die Gesetze mögen dabei vorhanden sein. Aber was dann vom Papier in die Praxis umgesetzt wird, steht auf einem ganz anderen Blatt.
Das Haiproblem auf den Malediven ist im Grunde nur ein kleiner Teil dessen, was wir Globalisierung nennen. Im Falle der Haie heißt das Problem China. Haifischflossensuppe ist en vogue, ein teurer Spass und damit prestigeträchtig. Im Gegensatz zu früher können sich das jetzt viele leisten, Nachfrage und Preis sind daher enorm gestiegen, der Haibestand nähert sich in Riesenschritten der kritischen Biomasse. Genauso ist es mit Seegurken, Zackenbarschen, dem sibirischen Tiger und vielen anderen Tierarten.
Die Ausrottung der Haie wird fast exklusiv für China veranstaltet. Indien, ein ähnlich kongenial forschrittliches Land, wo im übrigen der Walhaifang Hochkonjunktur hat, nimmt das an sich wertlose Fleisch der gefinnten Haie ab.
Und warum machen die Malediver da mit? Folgende Rechnung ist unter Naturschützern beliebt: Ein gefangener Hai bringt dem Fänger beispielweise 100 US-Dollar. Ein einziger Tourist, der Haie auf den Malediven sehen will, lässt aber 1000 Dollar im Land. Also bringt ein lebender Hai das Zehnfache eines toten Haies. Die Frage ist nur wer bekommt dieses Geld? Das bekommen die reichen Ressorteigentümer, es verschwindet im Sumpf der Regierungsbürokratie, will heißen es landet auf den Privatkonten des Präsidenten und seiner Umgebung. Der Fischer draußen in den Atollen bekommt davon nichts ab, aber er weiß, wie die Dinge in der Hauptstadt laufen.
Die Flossen eines Grauhais bringen einem Fischer zur Zeit 65 US-Dollar. Das Durchschnitteinkommen liegt in den Atollen, die Hauptstadt Male nicht mitgerechnet, bei 35 Dollar im Monat, das Durschnittseinkommen der Tourismus-Angestellten bei 200 Dollar und das ist zugleich das Minimum, was eine Familie zum Überleben braucht. Dazu kommt, dass der durchschnittliche Malediver nicht mehr so einfach einen Job in der Tourismus-Industrie bekommt. Den Vorzug erhalten die wesentlich billigeren Inder, Ceylonesen und Bangladeschi. Mit vier Haien pro Monat bringt der Fischer also seine Familie über die Runden. Mit 20, und das dürfte er schaffen, bleibt sogar was für Betriebsmittel (Diesel, Rückstellungen für Investitionen usw.) übrig.

Die Folgen der Globalisierung

Für die Regierung zieht das finanzielle Argument sowieso nicht. Denn wer braucht schon Haie im Hinblick auf die Gesamteinnahmen? Der Taucheranteil bei den Malediventouristen betrug bei der letzten Erhebung vor ein paar Jahren zwölf Prozent, er liegt jetzt sogar darunter. Das meiste Geld bringen die hochpreisigen Ressorts mit Wellnessoasen, Schlemmertempeln und einer dahin siechenden Tauchschule.
Bei der Besprechung eines Marketing-Projekts eröffnete mir der Leiter des Tourism Promotion Board, Taucher seien eigentlich weniger interessant, die bevorzugte Zielgruppe seien Honeymooner. Und der Honeymooner braucht keinen Hai, zumindest nicht im Wasser.
Es fehlte nicht an Versuchen, das Haimorden auf den Malediven zu stoppen. Padi schuf das Aware-Programm. Tommy Sobotta hat sicher einen guten Job gemacht, ihm wurde, wie auch den Lesern von Tauchzeitschriften, der Schutz der Haie zugesagt. Getan hat sich nichts.
Shark-Project versorgte das Tourism Promotion Board der Malediven mit Tausenden Unterschriftslisten. Die Listen wurden nicht weiter gegeben. Statt dessen startete das Promotion Board ein 24-Stunden-Nonstop-Tauchen am Maya Tila und einen Weltrekordversuch mit 1000 Tauchern zugleich an einem Riff. Harm- und hirnlos, ein Schmarrn ohnegleichen – aber verkaufsträchtig.
Der einzelne Fischer hat also Gründe warum er auf Haifang geht und für die Regierung ist Haischutz kein Thema. Was also tun? Von der politischen Ebene ist nichts zu erwarten. Es ist nicht anzunehmen, dass unsere Bundeskanzlerin bei einem Staatsbesuch in China wegen Tigern und Haien das Wort erhebt, nicht in einem Land, das als der größte Zukunftsmarkt der Erde gilt. Auch dem maledivischen Präsidenten würde ein Staatsoberhaupt nicht mit solchen Details zur Last fallen.
Selbstherrliche Regime wie das der Maldiven sind aber sehr auf ihren Ruf bedacht und gieren auf Lob von außen als Gegengewicht zu ihren Untaten im Inneren. Lärm würde da stören.
Die wichtigste Plattform sich zu repräsentieren sind für eine Tourismus-Destination die Messen. Man stelle sich also vor, auf der ITB in Berlin und der britischen Tourismus Messe werden vor dem maledivischen Stand und vor der internationalen Presse Transparente aufgezogen, Fotos ausgestellt und, ja, an dieser Stelle, Unterschriftslisten ausgelegt. Mit Sicherheit noch während der Messe würde eine Regierungserklärung zum Fangverbot der Haie abgegeben. Doch selbst wenn es eine verbindliche Regelung geben sollte, ist sie das Papier auf dem sie gedruckt ist nur wert, wenn die Einhaltung auch tatsächlich kontrolliert wird. Dies ist in einem Land der offenen Hände und obendies angesichts der Geographie nicht ganz einfach.
Da wäre ein Exportverbot die einzige Möglichkeit dem Morden der Haie ein Ende zu setzen. Alle Ausreden fielen dann weg und die Kontrolle wäre in einem zentralistischen Staat wie den Malediven kinderleicht. Eine andere Möglichkeit gibt es nicht. Den Raubbau an Meeresschildkröten jedenfalls hat man seinerzeit nur so in den Griff bekommen. Das, allerdings, war die Vorgängerregierung.