Die zwei Gesichter des Handels mit Zuchtkorallen
(Foto: Georg Wamser/Wikipedia Commons, Text: Heinz Käsinger; Meerwasseraquarien erfreuen sich steigender Beliebtheit. Zum Glück wird zunehmend auf Zuchtkorallen zurückgegriffen )
 
meerwasseraquariumJahrelang verdienten in Indonesien Kultivierer nachhaltiger, gezüchteter Korallen direkt vor der Küste von Nusa Lembongan, einer kleinen Insel in der Nähe von Bali, ihren Lebensunterhalt mit Korallen. 2018 aber brach der Handel zusammen. Was war geschehen?
Als die indonesische Regierung 2018 alle Korallenexporte verbot, um die illegale Ernte von Wildkorallen zu stoppen, brachen Hunderte von nachhaltigen Farmen im ganzen Land zusammen. Die Farmen, um die es hier geht, haben Tausende Korallenstücke pro Woche an Aquarienläden in Europa und China geliefert, wo sie in Aquarien zur Dekoration verwendet werden.

Jetzt hoffen die Korallenbauern, ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen, nachdem Indonesiens neuer Minister für das Fischereiwesen, Edhy Prabowo das Verbot Anfang Januar aufgehoben hat. susi_pudjiastuti(Foto links:die ehemalige Fischereiministerin Susi Pudjiastuti, sie stoppte im Jahr 2018 den Export jeglicher Korallen aus Indonesien, auch den der Zuchtkorallen). Umweltschützer befürchten jedoch, dass es ohne ein allgemeines Verbot zu einem Wiederaufleben der illegalen Ernte kommen wird, da gezüchtete und wilde Korallen oft nicht voneinander zu unterscheiden sind. Korallen sind Lebewesen, Gruppen von wirbellosen Meerestieren, die in kompakten Kolonien zusammenleben. Sie können entweder aus der freien Natur stammen oder in Unterwasserfarmen, wie die von Indonesien.

Indonesien ist der weltweit größte Lieferant von Zuchtkorallen

Vor dem indonesischen Verbot war es völlig legal, die gezüchtete Sorte zu exportieren, und das Land war der weltweit größte Lieferant, der 70 % der Korallen an den weltweiten Markt für Meeresaquarien im Wert von 13 bis 15 Milliarden Pfund verkaufte. Doch 2018 hielt die ehemalige indonesische Fischereiministerin Susi Pudjiastuti radikale Maßnahmen für notwendig, um die Überfischung und den Raubbau von Wildkorallen (auch durch ausländische Wilderer) in indonesischen Gewässern zu stoppen. Sie war auch der Meinung, dass es zu schwierig sei, zwischen gezüchteten und wilden Korallen zu unterscheiden, wobei letztere oft als erstere ausgegeben werden. Deshalb brachte sie ein Gesetz ein, das den Korallenexport aller Arten über Nacht stoppte. Einer Schätzung zufolge hat diese Verordnung etwa 12 000 Menschen auf dem gesamten indonesischen Archipel den Arbeitsplatz gekostet. Unter den Betroffenen befanden sich auch Exporteure von Aquarienfischen wie Aqua First Bali, die laut eigenen Angaben in den vergangenen zwei Jahren fast drei Viertel ihrer Einnahmen verloren haben. Manager Irwanto Suganda erklärt, dass Importeure in Europa und anderswo „unsere Fische nicht mehr kaufen, wenn Korallen nicht mehr Teil des Gesamtpakets sind“. Das liegt daran, dass die Importeure oft beides zusammen kaufen, um die Transportkosten zu reduzieren.

Am härtesten betroffen waren kleine Korallenzüchter, die normalerweise in Küstengemeinden leben und für ihr Einkommen vollständig von ihren Farmen abhängig sind. Diese Farmer beschäftigten in der Regel ein ganzes Team von Arbeitern, um die heikle Aufgabe zu erledigen, die Korallen zu pflegen, die auf Metallgestellen auf dem Meeresboden etwa einen Meter unter der Oberfläche wachsen. Dazu ist es erforderlich, die empfindlichen Korallen beim Tauchen von Algen zu bürsten und sie regelmäßig zu beschneiden. Nach dem Verbot von 2018 konnten viele Unternehmen das Personal jedoch nicht mehr bezahlen und musste es entlassen. Hunderte von Zuchtgestellen sind ungepflegt geblieben und die Jungkorallen wurden von Algen erstickt.

edhy_prabowo(Politikerfotos oben und hier: Regierung von Indonesien, hier rechts: Edhy Prabowo, der neue Minister hat den Korallenexport soeben wieder freigegeben) Seit dem Regierungswechsel im Januar werden wieder Lizenzen für den Export von Zuchtkorallen erteilt, und die Korallenfarmer suchen Investoren, die helfen, das einstmals profitable Geschäft wieder aufzunehmen. Die Regierung erklärte ihre Entscheidung im vergangenen Monat, sie wolle nun die Exporttätigkeit im Rahmen einer „verantwortungsvollen Regierungsführung fördern.“ Offensichtlich erkannte man den wirtschaftlichen Nutzen für das Land.

Wilde Korallen sind durch das Cites-Abkommen geschützt

Aber nicht alle sind mit der Umstellung zufrieden, da die Gefahr besteht, dass die illegale Beseitigung von Wildkorallen wieder aufgenommen wird. Korallenriffe sind sowohl eine Brutstätte für kommerziell wertvolle Fische, als auch von entscheidender Bedeutung für die Erhaltung der Artenvielfalt des Planeten. Und in den letzten Jahrzehnten hat ein tödlicher Cocktail aus Überfischung, Tourismus und Klimawandel mehr als ein Fünftel der Riffe der Welt zerstört. Indonesien, dessen Meere reich an Korallen sind, wurde besonders hart getroffen. Ein Bericht des Indonesischen Instituts für Wissenschaften aus dem Jahr 2018 stellte fest, dass mehr als zwei Drittel der Riffe um die 17 000 Inseln des indonesischen Archipels schwer beschädigt sind. Dr. Richard Thomas von der NGO „Traffic“, die sich für die Unterbindung des illegalen Handels mit Wildtieren und Pflanzen einsetzt, sagt: „Die Herausforderung wird darin bestehen, sicherzustellen, dass eine Wiedereröffnung des Zuchtkorallenhandels in Indonesien nicht zu einer Art Goldrausch an den Wildkorallenriffen führt.“ Obwohl Zuchtkorallen eine ethische Alternative sein mögen, sagt er, „gibt es hier eine echte Herausforderung bei der Durchsetzung – die Unterscheidung zwischen dem, was wirklich gezüchtet wird und dem, was aus der Natur stammt.“

Die meisten Korallenarten sind durch das Übereinkommen über den internationalen Handel mit gefährdeten Arten freilebender Tiere und Pflanzen (Cites) geschützt, das den internationalen Handel mit gefährdeten Wildtieren durch Quoten und Import- und Exportbestimmungen regelt. Das Abkommen wurde von mehr als 190 Regierungen, darunter Großbritannien und die Europäische Union, unterzeichnet. Doch Cites hat es bisher versäumt, die illegale Ernte von Wildkorallen in Indonesien zu stoppen, da die Exportquoten oft nicht ordnungsgemäß überwacht oder durchgesetzt werden.  Die Korallenbauern sagen, dass die Nachfrage nach Wildkorallen sinkt, wenn der Handel mit Zuchtkorallen floriert und der Schmuggel eingedämmt wird. Im Jahr 2017, dem Jahr vor dem Verbot, kam mehr als die Hälfte der 600 000 Korallenstücke, die von der EU importiert wurden, aus Indonesien. Da aber auch Fidschi und Hawaii kürzlich ein Exportverbot verhängt haben, übersteigt die weltweite Nachfrage das Angebot. Dies hat zu einem steigenden Schwarzmarkt geführt, da indonesische Schmuggler illegal geerntete Korallen in das nahe gelegene Singapur verschiffen, wo sie neu etikettiert und nach Europa weitertransportiert werden.

Kleine Korallenstücke werden normalerweise für 20 bis 50 Euro verkauft, aber besonders große oder farbenfrohe Stücke können bis zu 4500 Euro kosten. „Die Nachfrage ist hoch, und für einige ist es jedes Risiko für den Verkauf von Wildkorallen, wert“, sagte ein indonesischer Händler zu ATLANTIS. Aber erst, als wir ihm Anonymität zugesichert hatten.