Schrottpiraten plündern Wracks

hms_exeter_off_sumatra_in_1942(Foto: Royal Navy, der schwere Kreuzer „Exeter“, 1942 vor Sumatra. Kurze Zeit später wurde er versenkt)

Steigende Rohstoffpreise für Metalle fördern die Bereitschaft zum Recycling – und das ist gut so! Neuerdings macht sich aber auch eine Unsitte breit, die uns Taucher unmittelbar betrifft und vor allem der Unterwasserwelt großen Schaden zufügt: Schrottpiraten haben Schiffswracks als Rohstoffquelle entdeckt und plündern im großen Stil. Darunter befinden sich auch Wracks, die als Seegräber eingetragen sind. Und jene sind eigentlich durch internationale Abkommen geschützt.

Die Regierung von Großbritannien untersucht derzeit Behauptungen, dass Schiffe der Royal Navy, die als Kriegsgräber ausgewiesen sind, zur Schrottgewinnung geplündert werden. Gavin Williamson, der Verteidigungsminister, sagte am Wochenende 18./19. August 2018, er sei „sehr besorgt darüber“, dass Wracks in Asien, die die letzte Ruhestätte von Hunderten von Seeleuten und Zivilisten seien, geplündert worden seien. Konkret nannte Williamson vier Schiffe vor Malaysia und Indonesien. Medienberichte wissen außerdem, dass weitere Wracks, darunter das Schlachtschiff „HMS Prince of Wales“ und der Schlachtkreuzer „HMS Repulse“, von Bergungsteams beschädigt wurden. Minister Williamson betonte, dass die Regierung die unbefugte Störung eines Wracks mit menschlichen Überresten verurteilt habe. „Ich nehme die Informationen, dass im Fernen Osten Wracks der Royal Navy geplündert werden, sehr ernst“, sagte er. „Wir werden eng mit der indonesischen und der malaysischen Regierung zusammenarbeiten, um diese Fälle zu untersuchen.“ 

Betroffen sind Schiffswracks mit großen Namen

Die Wracks der „HMS Tien Kwang“, „HMS Kuala“, „HMS Banka“ und der „SS Loch Ranza“ wurden kürzlich von Dieben zwecks Metallgewinnung angegriffen, berichtete die britische Zeitung „The Mail“ am Sonntag, 19. August 2018. Chinesische Piraten wurden als die Schuldigen ausgemacht, die mit Kränen ausgerüstete Lastkähne benutzten. Die „Tien Kwang“, ein U-Boot-Verfolger, und die „Kuala“, ein Hilfspatrouillenschiff, trugen Hunderte von Evakuierten, als sie im Februar 1942 von Bomben aus japanischen Flugzeugen nahe den Riau-Inseln, einer Provinz Indonesiens, getroffen wurden. Im selben Monat wurde „Loch Ranza“, ein Frachtschiff, bei einem japanischen Luftangriff vor den Inseln in Brand gesteckt, explodierte und tötete sieben Menschen. Die „Banka“, ein Minensucher, sank, nachdem er im Dezember 1941 auf eine Mine vor Malaysia gelaufen war. Die Besatzung, vier britische Offiziere und 34 malaiische Seeleute, wurden getötet.

Die „Prince of Wales“, auf der Churchill und Roosevelt die Atlantik-Charta unterzeichneten, und die „Repulse“ sanken beide am 10. Dezember 1941 vor der malaysischen Küste. Admiral Tom Phillips, der das Kommando führte, starb bei der Havarie. Die bronzenen Schiffsschrauben beider Schiffe fielen dabei vietnamesischen Plünderern in die Hände.

Wrackstahl ist nicht kontaminiert

Ein anderes Beispiel ist das Wrack der „HMS Exeter“. Das Schiff sank 1942 vor Indonesien und 54 Matrosen ertranken. Die Überreste des schweren Kreuzers sind mittlerweile fast vollständig vom Meeresboden verschwunden. Und das trifft die Briten schwer, denn gerade die „Exeter“ ist eine Legende unter den Weltkriegswracks: Sie war es, die sich dem als unbesiegbar geltenden deutschen Panzerkreuzer „Admiral Graf Spee“ in der Mündung des Rio de la Plata zwischen Argentinien und Uruguay stellte und im Gefecht so schwer beschädigt wurde, dass sie nur mit Müh und Not die Falklandinseln erreichte. Die „Admiral Graf Spee“ musste sich im Verlaufe jener Ereignisse dann selbst versenken. Das war im Dezember 1939 und gilt als die erste Niederlage Hitlers im Zweiten Weltkrieg.

Es stellt sich die Frage, warum gerade Altmetall aus Schiffswracks so begeht ist, denn Wracks sind vergleichsweise schwer zu bergen und dementsprechend teuer ist die Metallgewinnung. Der Stahl, aus dem die Wracks bestehen, zieht Plünderer an, weil er keine Hintergrundstrahlung der oberirdischen Atomwaffentests in den Zeiten des Kalten Krieges absorbiert hat. Das Metall kann deshalb für empfindliche medizinische Instrumente verwendet werden, da er sich weder durch Gamma- noch durch Magnetstrahlung kontaminiert hat. Bei ihren Raubattacken benutzen die Plünderer aber oft Sprengstoff, um Teile des Wracks, die sie heben wollen, vom großen Rest zu lösen. Und das verursacht die schweren Schäden an den Wracks selbst und an der Unterwasserwelt um sie herum.    Heinz Käsinger