Unter-Wasser-Archäologie in Albanien: Wissenschaft contra Plünderung

So wurden Gebrauchsamphoren früher in den Frachtschiffen verstaut amphoren (Foto: Etimbo/Wikipedia, Text: Heinz Käsinger). In Albanien geht es zur Zeit darum, die letzten großen Kulturschätze des Mittelmeers zu retten. Die Wissenschaft ist alarmiert, denn das Rennen um seltene Amphoren, Edelmetalle oder gar den Missing Link hat längst begonnen. Seit Jahrzehnten unerforscht und unbetaucht, sind die Gewässer Albaniens mit wertvollsten Artefakten gefüllt. Für die Wissenschaft heißt es, sie zu kartieren und gegebenenfalls zu bergen, bevor die Plünderer absteigen.

Vom Forschungsschiff „Hercules“ aus gesehen, tanzt Albaniens Kalksteinküste auf und ab, wenn der Seegang stärker wird und das Boot von einer Seite zur anderen schaukelt. Die Luft über dem Meer ist gleißend hell.
Einige Wissenschaftler sind hier auf einer Mission, die, gleich dem Schiff, zwischen der jüngsten isolationistischen Vergangenheit Albaniens und seiner uralten Geschichte hin und her schaukelt. Es gilt, eine der letzten geheimen Unterwasser-Schatzkammern Europas zu retten, bevor sie geplündert wird.
„Es ist unglaublich, was da unten liegt“, sagte Mateusz Polakowski, 29, ein Unterwasserarchäologe an der Southampton University. „Wir kennen nicht mal einen winzigen Bruchteil davon.“
Polakowski ist Teil eines Teams von Archäologen und Technikern, die fieberhaft daran arbeiten, den Unterwasserreichtum Albaniens zu kartographieren, da das Land vier Jahrzehnte lang von einem mörderischen Diktator regiert wurde.
Enver Hodscha, dessen kommunistische Kräfte 1945 die Macht übernahmen, führte Albanien in die Isolation, es war das repressivste und ideologisch getriebenste Regime in Europa, das Nordkorea seiner Zeit. Seine Küste ist weniger als zwei Meilen von den Stränden Korfus entfernt, aber sie hätte auch auf dem Mond sein können.
Als nach dem Zweiten Weltkrieg weltweit Sporttaucher begannen, mit autonomen Tauchausrüstungen ihrem Sport nachzugehen, verbot sie das albanische Regime. Tauchausrüstungen seien Waffen, die bürgerliche Aufstände begünstigen würden und es unzuverlässigen Elementen ermöglichten, auf die nahegelegene griechische Insel zu flüchten.
Hodscha, ein hartnäckiger Stalinist, hielt Albanien bis zu seinem Tod im Jahr 1985 unbarmherzig fest und machte es zu einem frommen Vorposten ideologischer Reinheit. Schätzungsweise, so vermutet man heute, tötete er um die 100 000 Menschen oder ließ sie in Gefängnissen und Lagern verschwinden.
Dank des Tauchverbots sind die Gewässer vor der Küste heute eine archäologische Zeitkapsel, die an der Adria und im Mittelmeer ihresgleichen sucht. Experten hoffen, dass Albanien das Schicksal Griechenlands und Italiens, dessen historischer Reichtum von meist privaten Schatzsuchern geplündert wurde, erspart bleibt. Weiter nördlich in der Adria, in den Meeren vor dem ehemaligen Jugoslawien, haben Armeen von Plünderern Tauchgeräte tatsächlich als eine Art Waffe benutzt, um Artefakte unter den Wellen zu plündern. Albaniens Regierung – das Land ist seit 1992 eine parlamentarische Demokratie – hat nur wenige eigene Mittel zum Schutz dieses Erbes eingesetzt, einsetzen können. In Zusammenarbeit mit Tauchern und ferngesteuerten Unterwasserfahrzeugen krabbeln die Archäologen im unruhigen Seegang auf der „Herkules“ hin und her, um die Schätze auf dem Meeresgrund zu dokumentieren, bevor sie verloren gehen. Alle Erkenntnisse, die sie gewinnen, werden an die albanische Regierung weitergegeben. Die Aufgabe des Teams ist enorm. Seit es die Zivilisation gibt, liegen die Gewässer des heutigen Albanien am Scheideweg Europas. Zwischen westlichem und östlichem Mittelmeer, Zwischen den menschenleeren Weiten Osteuropas und dem dicht besiedelten Westen. Eine strategische Lage, wichtig im Krieg und wichtig für den Handel. In der Bucht von Vlore, an der Südküste Albaniens, wo die „Herkules“ in diesem Frühsommer auf der Suche nach Schiffswracks war, färbte sich das Wasser rot, als Cäsar sich während des Großen Römischen Bürgerkriegs im letzten vorchristlichen Jahrhundert hier mit den Truppen seines Widersachers Pompeius prügelte. Als das Osmanische Reich während der Herrschaft von Suleiman dem Prächtigen Italien bedrohte, versammelte sich seine Flotte in der Bucht. Juden, die im späten Mittelalter aus Spanien vertrieben wurden, flohen über Italien nach Vlore. Alle haben ihre Spuren auf dem Meeresgrund hinterlassen. „Wir versuchen, diesen kleinen Kerl zu finden“, sagt Polakowski. Er lehnt sich in seinem Stuhl zurück und zeigt auf eine Karte des Meeresbodens, die mit einer grünen Linie markiert ist, die die Lage eines Wracks aus dem letzten vorchristlichen Jahrhundert markiert. „Wir können das Alter an der Art der Amphoren erkennen, die es trägt. Dieses Wrack hatte Dinge wie Olivenöl oder Wein geladen.“ Die Suche in den Gewässern Albaniens läuft seit rund einem Jahrzehnt. Jeden Sommer hat die „Hercules“ mit ihrer fünfköpfigen Besatzung die Gewässer Albaniens durchquert. Das Projekt wird von der RPM Nautical Foundation finanziert, einer gemeinnützigen Organisation mit Sitz in Florida, die von James Goold, einem Anwalt der Kanzlei Covington & Burling, geleitet wird. Mit einem ferngesteuerten, mit Kameras ausgestatteten Unterwasserfahrzeug war das Ziel Ende Juni ein altes Schiffswrack, das zusammen mit seiner Ladung von Amphoren vor etwa 2000 Jahren gesunken ist. „Da ist es“, sagt Polakowski und deutet auf den Bildschirm. In rund 30 Metern Tiefe erkennt der Forscher eine schwache, dunkle Silhouette. Nach ein paar Sekunden kommt ein Haufen Amphoren in Sicht. Unter ihnen könnten die Hölzer des Frachtschiffes noch intakt liegen. „So viele Amphoren noch völlig ganz im Wasser stehen zu sehen ist wirklich schön“, strahlt Polakowski. „Nirgendwo anders als in Albanien, andernorts im Mittelmeer in Freitauch- oder Tauchtiefe, ist so etwas höchst unwahrscheinlich. Jener Ort wäre längst geplündert.“
Ein Tagesausflug von diesem Schiffswrack entfernt liegt Butrint, das nach Aussage des römischen Dichters Virgil von Flüchtlingen aus dem antiken Troja gegründet wurde, die vor mehr als 3000 Jahren der Zerstörung ihrer Stadt entkamen. In der Neuzeit war die albanische Küste während der beiden Weltkriege eine wichtige Versorgungsregion. Die Wracks von U-Booten und Kriegsschiffen rotten hier vor sich hin. Allein in der Bucht von Vlore gibt es zehn Kriegsschiffe, darunter die Regina Margherita, das Flaggschiff der italienischen Marine, die 1916 unterging und 700 Seeleute mit sich riss.
In der Nähe befindet sich das Wrack eines italienischen Spitalschiffes, das 1941 von den Briten angegriffen wurde. Drei Nonnen starben, aber eine wichtige Passagierin überlebte: Edda Ciano, die älteste Tochter des italienischen Diktators Benito Mussolini. Sie wurde nach dem Untergang des Schiffes aus dem Meer gerettet. Auf jede Entdeckung kommen Wochen erfolgloser Suche. Der Meeresboden ist, so sagen Archäologen, weit weniger gründlich erforscht als die Oberfläche des Mondes, aber die Bedingungen sind ungefähr gleich gastfreundlich. „Es ist, als würde man mit einer Taschenlampe durch den nächtlichen Ozean schauen“, sagte Polakowski. „Er ist so groß. Wir haben weniger als 1 Prozent der Fläche untersucht. Man kann zehn Mal schwimmen und schwimmt dabei zehn Meter von einem Schiffswrack entfernt, und merkt es nicht.“ Um historische Unterwasserorte aufzuspüren, spricht das Team mit den Fischern. Schiffswracks bilden erstaunliche künstliche Riffe und die Einheimischen erzählen oft Geschichten von Amphoren in ihren Netzen an den ergiebigen Fangplätzen. „Es ist nicht so, dass wir jedes Mal die ersten an so einem Platz sind. Die Gemeinden wissen, wo etwas liegt“, sagte Polakowski, als die „Herkules“ eine Höhle passierte, die die Einheimischen als mittelalterliches Piratennest kennen. „Wir kartieren es nur und machen die Behörden darauf aufmerksam.“ Wenn das Team etwas entdeckt, werden die Koordinaten geheim gehalten. Tauchen ist quasi immer noch nicht erlaubt, aber vor drei Jahren erlaubte der albanische Ministerrat das Sporttauchen in bestimmten Gebieten entlang der Küste. Jetzt sind Schatzsucher aus Italien und Österreich in albanischen Gewässern zu sehen, ebenso wie unternehmungslustige Einheimische mit Tauchausrüstung und dem Wunsch, schnelles Geld zu verdienen. „In der kommunistischen Zeit durfte niemand die Gewässer besuchen. Sie hätten dich sofort erschossen“, sagte Auron Tare, Vorsitzender des wissenschaftlichen Komitees der Unesco für Wassererbe, der die albanische Regierung in Sachen Unterwasserarchäologie berät. „Jetzt denken einige Leute, dass alles im Meer für umsonst ist. Nimm es also mit nach Hause.“ Für die Archäologen liegt der Wert der Artefakte in der historischen Bestandsaufnahme und nicht in den Edelsteinen oder dem Gold, aus dem manches Fundstück besteht. Wichtiger als monetäre Erfolge ist es, die Geheimnisse der Tiefe zu lüften. Ihre größten Ressentiments bringen die Wissenschaftlern aber nicht den eher uneffektiv arbeitenden Hobbytauchern entgegen, sondern den professionellen Schatzsucherfirmen mit Multimillionen-Dollar-Ausstattung. „Einzelne Schatzsucher sehen sich eher als Captain Jack Sparrow, als Abenteurer“, sagt Polakowski, als das ferngesteuerte Fahrzeug nach einem Tag Arbeit wieder an Deck gezogen wird. „Aber die großen, professionellen Firmen versprechen: Sie investieren in unser Boot, wir finden ein Schiffswrack mit Gold und machen das zu Geld. Da wird eine Menge altes Wissen und alte Kultur zerstört.“ Und für den Investor sähe die Realität nach einem tatsächlichen Schatzfund oft anders aus, als es versprochen wurde. Die Herkunftsländer  und damit die offiziellen Eigentümer der Antiquitäten – verwickeln Schatztauchfirmen und Investoren oft in langwierige Prozesse, wenn der Deal nicht sauber mit den Behörden ausgehandelt wurde.