Ja-Wort für ein Krokodil
Dass Religion den Menschen die Sinne verwirrt, wusste schon Marx zu kritisieren. Ein besonders krasser Fall von religiösem Irrsinn findet alljährlich im südlichen Mexiko statt: Im Fischerdorf San Pedro Huamelula ist es die Pflicht des amtierenden Bürgermeisters, ein Krokodil zu heiraten, um den Fischern einen reichen Fang zu bescheren. Das Krokodil wird von den Dorfbewohnern als Kleintier gefangen und großgezogen. Ist es im heiratsfähigen Alter, das heißt so 80 Zentimeter bis 1,5 Meter lang, wird es zur Trauung vorbereitet. Es wird mit Blumen geschmückt und bekommt ein Hochzeitskleid aus einem dekorativen Fischernetz umgehängt. Dann trägt es der Bürgermeister durchs Dorf, wobei die Bevölkerung Spalier steht. Auch die Fischer tragen Schärpen und Schals aus Fischernetzen oder auch Angeln und Keschern. Das Brautpaar wird mit Fruchtbarkeitssymbolen wie Reis oder Mais beworfen.
Dieses Ritual findet jedes Jahr zu Ehren des heiligen Pedro statt, Namensgeber und Schutzheiliger des Ortes. Die Bevölkerung adaptierte die Zeremonie, die auf heidnische Bräuche der Oaxaca-Indianer zurückgeht, kurzerhand an den katholischen Glauben, dem man heute mehr oder weniger inbrünstig anhängt.
Wie es bei einer richtigen Hochzeit so Sitte ist, muss auch bei der Krokodilsheirat der Bräutigam die Braut küssen. Extra dazu wird dem Reptil die Schnauze zugebunden, um dem stürmischen Bräutigam etwaige Unannehmlichkeiten zu ersparen.
Ob sich der Bürgermeister vor der Heirat mit dem Panzertier von einer etwa vorhandenen menschlichen Frau scheiden lassen muss, ist nicht bekannt. Es ist aber eher unwahrscheinlich. Denn Mexiko hat, obwohl erzkatholisch, erstaunlich liberale Ansichten über Ehe und Treue. Die Behörden drücken, angesichts von Zweit- oder gar Drittfrauen, schon mal alle Augen zu.
Heinz Käsinger