Deutsche Flaschenpost landet in Australien – nach fast 132 Jahren

Im Januar vergangenen Jahres entdeckte die australische Fotografin Tonya Illman eine Flaschenpost, an einem Strand in West-Australien. In einer altertümlichen grünen Flasche, einer holländischen Geneverflasche, befand sich eine Papierrolle mit einem vorgedruckten Formular, das mit handschriftlichen Notizen versehen war. Offenbar wurde darin „der Finder ... gebeten, das Formular an die Deutsche Seewarte, Hamburg, zu senden oder es beim nächstgelegenen deutschen Konsulat abzugeben, damit jenes es an die angegebene Behörde befördern kann.“

Illman handelte verantwortungsvoll. Sie gab das grüne Schmuckstück im Museum Western Australieas ab, statt es in ihr Bücheregal zu stellen, wie sie es zunächst vorgesehen hatte. Die Verantwortlichen dort fanden die Flaschenpost spannend und begannen zu recherchieren. Im Zuge der Recherchen wurde das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (Hamburg) ebenso eingeschaltet wie das Deutsche Schifffahrtsmuseum (Bremen). Gemeinsam fanden die deutschen Institutionen schnell heraus, dass die Flaschenpost keine Fälschung war, sondern vom deutschen Frachter „Paula“ ausgebracht worden war. Die „Paula“ war vor Zeiten unterwegs, um englische Kohle von Cardiff nach Indonesien zu bringen. In den indonesischen Gewässern brachte der Kapitän, ein Herr Diekmann, die Flaschenpost höchstpersönlich aus. Rund 950 Kilometer von Australien entfernt. Zwischenzeitlich weiß man das, weil man das Logbuch des Frachters noch hat und die Handschrift auf dem Papier der Flaschenpost mit der im Logbuch übereinstimmt.

Mit dem Ausbringen von Flaschennachrichten sollten die Geschwindigkeiten und die Richtungen von Meeresströmungen erforscht werden. Die Idee, Handelsschiffe für diese Tätigkeit einzusetzen, stammt in der Tat von der Deutschen Seewarte Hamburg und zwar vom damaligen Direktor Georg von Neumeyer, einem Geophysiker, der der Deutschen Seewarte von 1826 bis 1909 vorstand und der der erste Direktor der Behörde gewesen war.

Um die Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert wurden so von Handelsschiffen fast 7000 Flaschen ins Meer geworfen. Aber nur 662 davon wurden entdeckt und aus vielen Teilen der Welt an die Deutsche Seewarte expediert. Die bislang letzte Flaschennachricht stammte aus dem Jahr 1934. Mit dem jetzigen Fund kam also die wahrscheinlich letzte Nachricht an. 131 Jahre, sieben Monate und neun Tage dauerte ihre Reise. Doch das wirft Fragen auf. Wie konnte eine Flasche für die vergleichsweise geringe Strecke von knapp 1000 Kilometer so lange brauchen? Die Experten in den Museen vermuten, dass Kapitän Diekmanns Nachricht Australien bereits nach rund einem Jahr erreicht hatte, dann aber dort nicht gefunden wurde. Möglich ist auch, dass sie im Sand ruhte und ein kürzlich abgewetterter Sturm sie freilegte.

Eine weitere Besonderheit: Die jetzt aufgetauchte Nachricht der „Paula“ von ihrer Reise von Cardiff nach Indonesien war nicht die einzige, die Diekmann abgesetzt hatte. Bereits in den 1930er-Jahren fand man von ihm schon eine Nachricht in der Karibik (Barbados). Jene war nur rund 50 Jahre unterwegs. Ob das dem Wissenschaftsprojekt von Direktor Neumeyer dienlich war? Sicher ist: Diese neuerliche Nachricht wird jetzt sehr lange als Flaschenpost-Rekord im Guinnesbuch stehen. Darauf ein Guinnes! Oder lieber einen Genever?   H. K.