Saudi Arabien
s44_sa001Orientalische Köstlichkeiten
Von Ulrich Wozniak

Die östliche Seite des Roten Meeres ist für die weitaus meisten Taucher dieser Welt terra incognita. Kein Wunder. Saudi Arabien lässt jährlich nur 500 Taucher ins Land. Dementsprechend unberührt sind die Tauchgründe.
Die taffe Denise aus Köln hat den treffendsten Vorschlag zur Namensgebung unseres Tauchplatzes gemacht: Paradise Wall wird ab sofort diese prächtige Stelle mit ihrer spektakulären Steilwand heißen. Eric Mason, der Expeditionsleiter der Tauchsafari, trägt diesen Namen in seine Seekarte ein – und für alle Zeiten wird dieser Tauchspot nun so genannt werden. Wir sind das erste Tauchboot, das an dieser großartig bewachsenen Steilwand taucht. Überhaupt bekommt die englische Bezeichnung Drop Off hier eine neue Dimension: Senkrechte, wunderbar bewachsene Steilwände, die tief ins Dunkelblau führen, 50, 60, 80 Meter und mehr geht es schwindelerregend in den Abgrund. Wenn einem hier ein Ausrüstungsteil wegfällt, ist es unweigerlich in der Tiefe verloren. Der Bewuchs dieser Wand ist spektakulär. Mächtige Baumkorallen, von beeindruckender Größe und Schwämme in allen Farben und Formen, recken Ihre Arme in die Strömung. Völlig intakte, makellose Gorgonienfächer – die Artenvielfalt dieses Korallengartens ist für uns überwältigend. Holger und Günther, beides erfahrene und weitgereiste Taucher, sind voller Begeisterung für diese Steilwand. Wir sind mit der „Dream Master“ an der saudiarabischen Küste des Roten Meeres unterwegs. Hier hat der äußerst kreative Tauchreiseveranstalter Extratour taucherisches Neuland entdeckt. Die Tauchgewässer an der Küste Saudi Arabiens sind völlig un-berührt, gab es hier doch auf einer Länge von 1840 Kilometer Küstenlinie so gut wie keinen Tauchtourismus. Erst langsam öffnet sich das wohlhabende Königreich dem Tourismus im Allgemeinen und den Sporttauchern im Besonderen. Hunderte von Tauchplätzen warten darauf entdeckt und getauft zu werden. So gibt es hier Tauchplätze mit den vorläufigen Namen „Marker 34“ oder „Marker 44“. Jährlich werden nur etwa 500 Taucher ins Land gelassen – handverlesen. Hier haben die Tauchsafaris noch Expeditionscharakter, bei allem Komfort der heutigen Zeit, versteht sich. s45_008

Der 20. Breitengrad teilt das Rote Meer in Nord und Süd

Wir sind von Frankfurt aus über Genf nach Jeddah geflogen. Am Flughafen werden wir von Eric mit einem freundlichen: „Ahlan wa Sahlan“, „Willkommen im Königreich Saudi Arabien“ empfangen. Als Königreich werden sich die Tauchmöglichkeiten Saudi Arabiens in der Tat erweisen.
Von Jeddah aus fahren wir mit einem Kleinbus in südlicher Richtung zu der Siedlung Al Lith und wollen nun die Gewässer der Farasan Banks erkunden. Mit der „Dream Master“ geht es weiter in südlicher Richtung. Wir befinden uns jetzt auf dem 20. Breitengrad, in etwa gegenüber von Port Sudan. Die Flora und Fauna des Roten Meeres ist hier von einer herben Schönheit, das Blau des Wassers scheint einige Stufen dunkler als in den wohlvertrauten Tauchgründen auf der afrikanischen Seite. Liegt doch die tiefste Stelle des Roten Meeres mit einer Wassertiefe von mehr als 2500 Meter nur wenige Bootsstunden von hier entfernt. Die herrlichen Korallengärten sind unberührt und alle exklusiv nur für unsere kleine Tauchergruppe. Es scheint uns manchmal so, dass sich hier an der Ostküste des Roten Meeres, viele Fische ein ruhiges Refugium gesucht haben. Wir wissen nicht was uns am nächsten Riff erwartet, niemand kennt es. Eine Art Goldgräberstimmung macht sich an Bord breit, neue Tauchplätze und neue Arten warten hier auf ihre Entdeckung. Wer kennt diesen roten Schwamm? Wer kennt diesen fantastisch gefärbten kleinen Strudelwurm, der mit einer spanischen Tänzerin um die Aufmerksamkeit des Unterwasserfotografen buhlt? Schnell erreichen wir die Grenzen unserer mitgebrachten Fischbestimmungsbücher. Vor unserer Reise hatten wir gehört, es soll hier noch Büffelkopfpapageienfische geben. Ob wir wirklich Exemplare zu Gesicht bekommen werden?
Tatsächlich! Am Tauchplatz Shib Al Muddhar haben wir eine erste atemberaubende Begegnung mit einer großen Herde dieser Spezies. Es mögen über 50 imposante Exemplare sein, die geräuschvoll knabbernd über das Riffdach grasen. Der Begriff Herde ist übrigens bewusst gewählt: Wie bei ihren Namensgebern von den amerikanischen Prärien, beobachten wir auch bei diesen großen Herden sogenannte Flankenwächter. Dieses sind meist große, ältere, erfahrene Buffalos. Sie haben einen besonders archaisch anmutenden Charakterkopf. Ihr mächtiges Schnabelgebiss ist besonders stark ausgeprägt, und reich an Spuren. Sie passen einmal auf, dass kein Räuber in die Herde eindringen kann, außerdem sorgen sie ständig für den Zusammenhalt der Gruppe, schubsen hier und da neugierige Jungfische wieder zurück in den schützenden Schwarm.

Vielfältiges und seltenes Leben bevölkert die Riffe

s46b_sa181Neben den anderen vertrauten Bewohnern des Roten Meeres, unter anderem Juwelenbarschen, Muränen, Napoleons, Süßlippen, Clownsfischen, Maskenfalterfischen, beobachten wir auch viele Schildkröten, Weißspitzen Riffhaie und häufig Delfine. Ebenso Barrakudas, Hammerhaie und verschiedene Rochen. All das bei glasklarem Wasser. Pro Tag gibt es die Möglichkeit zu drei bis vier Tauchgängen und alle sind voll mit beeindruckenden Begegnungen. Der Platz in unseren Logbüchern reicht längst nicht aus, um alle Sichtungen aufzunehmen. Zwischen den Tauchgängen erkunden wir gerne die Inseln, die auf unserer Route liegen. Bei den Landgängen erweist sich Eric als sachkundiger Führer und Kenner der Vogelwelt Arabiens. Häufig treffen wir auf Seeadler, entdecken Kolonien von Seeschwalben und sogenannter Brown Booby’s, die sich auf die Jagd nach fliegenden Fischen spezialisiert haben; vorsichtig folgen wir den Spuren zu Schildkröteneigelegen. Auch Günther kommt bei unseren Landgängen voll auf seine Kosten, ist er doch begeisterter Sandsammler und findet hier besonders seltene, ausgefallene Sandproben für seine Kollektion. Am letzten Tag besuchen wir die Altstadt von Jeddah. Mit Rücksicht auf unser moslemisches Reiseziel, tragen dabei die Frauen unserer Gruppe eine schwarze Abbaya mit schwarzem Kopftuch. In den Soukhs haben wir die Möglichkeit süße, köstliche Datteln mit Sesam und Mandeln zu probieren. Weiter werden kostbarer Goldschmuck, prächtige Kleider und erlesene Parfums angeboten. In der Altstadt finden wir herrschaftliche Häuser mit verzierten Holzbalkonen. Die an ihnen mit der Zeit entstandene leichte Patina unterstreicht die Stimmung, die uns umgibt: Ein Hauch von 1001 Nacht weht durch die Gassen der Altstadt. Die Tauchgewässer Saudi Arabiens zählen zu den Top Tauchgebieten im Roten Meer. Sie haben durchaus das Potential, zu so legendären Tauchspots wie die Brothers oder das Elphinstone Reef zu werden. Möglicherweise wird man eines Tages Paradise Wall im gleichen Atemzug nennen.

Saudi Arabiens heißeste Tauchtippss46a_112

Maluthu Island
Hier werden Taucherträume wahr. Zunächst begegnen wir einem neugierigen Hammerhai, dann treffen wir während des Tauchgangs auf eine Gruppe dahinjagender Delfine. Sie wollen uns mit ihren schnellen Tauchmanövern imponieren und zeigen uns ihre taucherische Überlegenheit deutlich.

Shib Al Girb
Gelegenheit, mit Video- und Fotokamera ein Bad in der Menge zu nehmen – in einem Barrakudaschwarm. Mehrere Hundert Exemplare kreisen elegant, unvergleichliche Aufnahmen sind die Ausbeute. Die Riffe sind wunderschön bewachsen mit imposanten Elefantenohrschwämmen und Prachtanemonen.

Shib Amar
Wir sehen in einiger Entfernung eine Hammerhaischule im Blauwasser ihre Runden ziehen. Schnittige Barrakudas im Schwarm und wieder viele Büffelkopfpapageifische.

Gorgonia Reef
Benannt nach einem Wald aus riesigen, mehrere Meter messenden Gorgonienfächer. Sie wachsen auf einem Riffsattel in mehr als 50 Meter Tiefe – für uns Presslufttaucher leider etwas zu tief, um sie näher in Augenschein zu nehmen. Wir gleiten in sicherer Tiefe über den Gorgonienwald hinweg. Sehr gerne möchten wir eines Tages mit einem Mischgasgerät hierher zurückkehren.

Eagle Island
Hat eine wunderschöne blaue Lagune, die zum Baden einläd. Hier können wir einen Manta auf Stippvisite erleben. Holger erzählt mit leuchtenden Augen von einer hautnahen Begegnung mit zwei Walhaien, die er letzten Oktober hier hatte.

Canyon Reef
Für den Tauchgang zum Eingewöhnen. Viele verschiedene Hart-, Weich-, Leder- und Tischkorallen in allen Farben und Formen warten.

Veranstalter

Extratour Tauch- und Kulturreisen
Nikolaistr. 30, D-37073 Göttingen
www.extradive.com