Deutschland – das Land der Nichtschwimmer

Mehr als die Hälfte aller deutschen Kinder mit zehn Jahren, nämlich genau 59 Prozent, kann nicht schwimmen. Das geht aus einer Forsa-Umfrage hervor, die die Deutsche Lebensrettungsgesellschaft (DLRG) in Auftrag gegeben hatte. Befragt wurden 2000 Kinder bis zum 14. Lebensjahr. Nur 40 Prozent aller Sechs- bis Zehnjährigen besäßen ein Jugendschwimmabzeichen.

Doch auch das sei trügerisch, sagte ein DLRG-Verantwortlicher. Das beliebte „Seepferdchen“ zum Beispiel bestätigt einem Kind nur, dass es sich über eine Strecke von 25 Metern über Wasser halten könne – was im Zweifelsfall wenig bis gar keine Aussagekraft besäße. Alleine der „Freischwimmer“, heute Jugendschwimmabzeichen in Bronze genannt, bescheinigen einem Kind sichere Schwimmfähigkeiten. Zum Erwerb des „Freischwimmers“ muss man in 15 Minuten mindestens 200 Meter zurücklegen, ohne dabei eine Pause zu machen.

Schon länger schlagen Rettungsgesellschaften, Bademeister und Mitglieder von Strand- und Schwimmbadaufsichten Alarm. Denn die Zahl jener, die gerettet werden müssen steige jährlich an. Im Jahr 2016 beispielsweise sind in Deutschland 542 Menschen vor dem Ertrinkungstod gerettet worden, fast ebenso viele, 537 Personen, sind jedoch ertrunken. Das waren 49 Menschen mehr als noch 2015.

Eine bedenkliche Entwicklung

Die Gründe dieser bedenklichen Entwicklung sind vielschichtig. Immer mehr Gemeinden geht das Geld aus, immer mehr Frei- und Hallenbäder schließen. So bemängelt beispielsweise der Gemeindetag, dass im Bundesdurchschnitt jede vierte Schule keinen Zugang mehr zu einer öffentlichen Badeanstalt hat. In den reichen Bundesländern wie Bayern und Baden-Württemberg sind die Zahlen besser, dafür um so katastrophaler in den Armenhäusern der Republik wie dem Saarland oder Bremen. Darüber hinaus hat sich der Lehrplan der Schulen verschoben. Die Industrie verlangt vom Staat keine gebildeten Menschen mehr sondern ausgebildete. Naturwissenschaftliche Fächer und Sprachen nehmen einen immer größeren Stellenwert im Lehrplan ein, geistige und musische Fächer werden zurückgestellt – ebenso wie der Sport, in dessen Rahmen der Schwimmunterricht eigentlich stattfinden soll.

Ältere schwimmen besser

Das war nicht immer so: Die Jahrgänge, deren Mitglieder heute 60 Jahre und älter sind, haben in Sachen Schwimmkenntnisse deutlich Oberwasser: 56 Prozent aller Schüler, die um das Jahr 1960 herum eingeschult wurden, konnten bei der Einschulung bereits schwimmen. Weitere 56 Prozent des Rests haben Schwimmen dann in den ersten vier Jahren der Grundschule gelernt. Heute ist das dramatisch anders. Nur noch 36 Prozent der 14- bis 29-jährigen haben Schwimmen in der Schule beigebracht bekommen.

Auch der gesellschaftliche Wandel trägt zu den alarmierenden Zahlen bei. So waren unter den Ertrunkenen überproportional viele Menschen aus dem muslimischen Kulturkreis. Aus religiösen Gründen nehmen vor allem viele Mädchen nicht am Schwimmunterricht teil – obwohl der Bundesgerichtshof entschieden hat, dass dies nicht rechtens sei. Viele Lehrer aber dulden das Verhalten und wenn ein solches Mädchen später dann in Berührung mit Wasser kommt, kommt es sehr oft zu den lebensbedrohlichen Situationen.

Ein anderer Hemmschuh sind Bildungsgrad und Einkommenssituation. Auch wenn die Regierung es vehement bestreitet, so klafft die Schere zwischen Arm und Reich in Deutschland zunehmend auseinander. Schätzungen kirchlicher und caritativer Verbände zufolge sind schon rund 30 Prozent der Bevölkerung nicht mehr in der finanziellen Lage, die teuren Eintrittspreise für Freibäder zu bezahlen. Geht man davon aus, dass gebildetere Menschen die besser bezahlten Jobs haben, dann erklärt sich das Phänomen, dass vor allem die Kinder bildungsferner Haushalte zu den Nichtschwimmern gehören.

Schwimmen lernen – aber wie?

Wer nach diesen ernüchternden Fakten seinem Kind schnell das Schwimmen beibringen will, sollte dies möglichst nicht selbst tun. Dazu raten jedenfalls die Experten der DLRG. Die Gründe sind durchaus nachvollziehbar. Meistens verlangen Eltern entweder zu viel oder zu wenig von ihren Sprösslingen. Das eine wie das andere demotiviert das Kind. Ein fremder Schwimmlehrer geht unvoreingenommen an die Aufgabe heran. Darüber hinaus betreut ein Schwimmlehrer meist mehrere Kinder (vier bis fünf Kinder in einer Gruppe wären ideal). Das führt zu einer gewissen positiven Dynamik in einer Lerngruppe und entwickelt gesunden Ehrgeiz.

Von Schnellschussangeboten wie „Schwimmen lernen in drei Tagen“ ist nicht viel zu halten. Bei zweimaligem Unterricht pro Woche dauere es in der Regel rund ein halbes Jahr, bis aus einem Nichtschwimmer ein relativ sicherer Schwimmer wird, meinen die DLRG-Experten.

Trügerische Sicherheit böten Schwimmhilfen wie die bekannten signalfarbenen Armflügelchen. An Hüften und Becken getragene Auftriebselemente seien besser, das fördere von Anfang an eine natürlichere Schwimmposition. Allerdings: Beide Hilfen sind nur unter Aufsicht eines erwachsenen Schwimmers zu gebrauchen.

Wer selbst dem Element Wasser skeptisch gegenüber steht, ist als Schwimmlehrer fehl am Platze. Unsicherheiten bemerken Kinder schnell und die übertragen sich dann unmittelbar auf das Kind. H.K.

 

Daten & Fakten

 

Ertrunkene Menschen *: 537

Gerettete Menschen *: 542

Gefährliche Orte **: Flüsse (210), Seen und Weiher (167), Kanäle (36), Schwimmbäder (19)

Altersgruppen **: Am häufigsten ertrinken die 18- bis 20-jährigen (45), gefolgt von den 21- bis 25-jährigen (38). Die wenigsten Todesfälle gibt es in den Gruppen zwischen 50- und 70-jährigen mit durchschnittlich nur 19 Ertrunkenen im Jahr 2016. Die Gruppe der 76- bis 80-jährigen wies absolut zwar die höchste Zahl der Toten im Jahr 2016 aus (49), doch die meisten davon waren nicht ertrunken sondern sind im Wasser gestorben.

Geschlechter: Männer (375), Frauen (97), Geschlecht unbekannt (65)

 

*) 2016 in Deutschland

**) Nicht vollständiger Auszug aus der Statistik