Der Ur-Brexit oder: die Britischen Inseln lösen sich von Kontinentaleuropa

Als Konrad Adenauer Großbritannien in die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) aufnehmen wollte, sagte Charles de Gaulle: „Strictement NON!“ Als es später doch passiert war, stellten Helmut Schmidt und sein französisches Pendant Valéry Giscard-d’Estaing fest, dass aus britischer Sicht (wegen Londons enger Beziehungen zu Washington) der Atlantik schmaler sei als der Ärmelkanal und damit wären wir endlich beim Thema.

Ursprünglich, so haben kürzlich Geologen festgestellt, waren Kontinentaleuropa und die Britischen Inseln miteinander verbunden. Da der Wasserspiegel der Meere vor und während der letzten Eiszeit erheblich niedriger war als heutzutage, bildete der Ärmelkanal vor rund 500000 Jahren ein weites Tal zwischen der heutigen Bretagne und Cornwall und lag trocken. Vermutlich befand sich dort damals eine Auenlandschaft mit Flüssen und Urwäldern. Gegen Norden hin – und zwar ziemlich genau entsprechend der heutigen Straße von Dover zwischen Dover und Calais – wurde der Landstrich durch ein Gebirge abgeschirmt, das gleichzeitig eine Landbrücke zwischen England und dem Kontinent bildete. Diese Landbrücke fungierte darüber hinaus auch als Barriere. Denn nördlich davon lag ein riesiger See, der heute die Nordsee bildet. Dann kam die Eiszeit und die Seen und Meere der nördlichen Halbkugel froren zu.

Als aber das Klima sich erwärmte, schmolzen die Eismassen der Flüsse, Seen und Gletscher und der Meeresspiegel begann zu klettern. Auch der Pegel der heutigen Nordsee stieg und schickte sich an, die Landbrücke bei Dover zu überwinden, was auch allmählich gelang. Es müssen mächtige Wasserfälle gewesen sein, die damals von der höher gelegenen Nordsee über den natürlichen Staudamm hinunter zur Flusslandschaft zwischen England und Frankreich stürzten. Denn noch heute kann man südlich der Straße von Dover, entlang der (vermuteten) Linie der Landbrücke, etwa 100 Meter tiefe und mehrere Kilometer weite Gruben ausmachen, die die Wassermassen durch ihre Gewalt in den Boden gewaschen hatten. Mehrere 1000 Jahre später konnte das Gebirge dem Druck der Nordseewässer nicht mehr standhalten, die Landbrücke brach endgültig ein und die Nordsee überflutete die Auenlandschaft. Der Ärmelkanal war entstanden.

Ob sich das politische Europa genau so entwickelt hätte, wie wir es heute vorfinden, wenn der Damm standgehalten hätte? Großbritannien mit Europa fest verbunden wäre? Ein interessantes Gedankenspiel! Ich persönlich vermute, dass dann unsere Geschichte völlig anders verlaufen wäre. Heinz Käsinger