Die „Musashi“: Ein Schlachtschiff wird wiederentdeckt

musashi_fin(1)Das japanische Schlachtschiff „Musashi“ war eines der größten und am schwersten bewaffnete Kriegsschiffe aller Zeiten. 1944 wurde es in philippinischen Gewässern versenkt und geriet in Vergessenheit. Die „Musashi“ ist nicht das größte Kriegsschiff aller Zeiten und nicht das gefährlichste, aber trotzdem schlug es schon beim Bau alle Rekorde. Hergestellt wurde es auf der Mitsubishi-Werft in Nagasaki. Namensgeber ist eine japanische Provinz bei Tokio. Die Produktionsstätte wurde von einem mehrere Meter hohen und kilometerlangen Zaun aus Hanfgras gegen neugierige Blicke und Spionageattacken geschützt. Stapellauf war am 1. November 1940 um 03.20 Uhr. Das musste so sein, weil aufgrund der Gezeitenlage genau zu diesem Zeitpunkt ein besonders hoher Stand der Flut zu erwarten war. Mächtige Trossen mussten das Abrutschen des Schiffes vom Schlitten ins Hafenbecken künstlich verlangsamen, weil sich das Schiff sonst in den Bodenschlamm des Beckens gebohrt hätte. Trotzdem löste der Schiffsrumpf durch den Stapellauf eine 1,20 Meter hohe Flutwelle aus. Das kam nicht von ungefähr, denn das Schiff sprengte nicht nur alle Maße, es war auch so stark gepanzert, dass es kleineren Torpedos und Treffern von kleinen Flugzeugbomben trotzen konnte.

Die Bewaffnung des Schiffes war so geheim, dass sie bis heute nicht genau geklärt ist. Entsprechende Hinweise und Konstruktionsmerkmale in den Bauplänen wurden nach Umsetzung unverzüglich wieder gelöscht. Fest steht, dass die Konstrukteure auf zwei Geschütztürme mit jeweils drei schweren 15,5-Zentimeter-Artilleriekononen verzichteten und dafür kleinere Flugabwehrkanonen mit hoher Feuerkraft installierten: Die Japaner hatten aus den vielen Verlusten im Pazifik durch amerikanische Flugzeugangriffe gelernt. Später wurden noch zwei Radaranlagen eingebaut. In Dienst gestellt wurde die „Musashi“ am 5. August 1942. Zunächst erhielt das Schiff keine offensiven Aufgaben. Vielmehr fungierte es als Befehlszentrale für diverse Operationen. Während eines Scharmützels im April 1944 bekam die „Musashi“ einen Torpedotreffer ab, der ihr aufgrund der starken Panzerung jedoch kaum schadete, allerdings waren 18 Tote zu beklagen. Das Schiff wurde in Japan repariert und konnte bald darauf wieder auslaufen. Dann kam die Schlacht von Leyte. Hier sollten amerikanische Schiffe Landstreitkräfte absetzen, um die japanisch besetzten Philippinen unter Kontrolle zu bringen. Zusammen mit verschiedenen anderen Schiffen bildete die „Musashi“ die Abwehrflotte. Diese wurde jedoch von amerikanischen U-Booten angegriffen und musste das Seegebiet räumen.

Am 24. Oktober des Jahres 1944 kam der japanische Flottenverband in der Sibuyansee an. Dort wurde er von einem Schwarm amerikanischer Kampfflugzeuge angegriffen. Die „Musashi“ erhielt mehrere Treffer von 225-Kilogramm-Bomben. Doch die Panzerung war so stark, dass diese dem Schiff nichts anhaben konnten. Erst die von Steuerbord anfliegenden Torpedobomber vom Typ Avenger landeten einen wirkungsvollen Torpedotreffer mittschiffs. Durch die zahlreichen Treffer der kleinen Bomben waren die Nieten der Schiffspanzerung schon stark in Mitleidenschaft gezogen, sodass der Torpedotreffer die Panzerung endlich überwinden konnte. Doch das alles wäre gar nicht so schlimm für das mächtige Schlachtschiff gewesen. Erst die zweite Angriffswelle der Amerikaner brachte die wirklich verheerenden Treffer: Durch die geschwächte Panzerung durchschlug eine Fliegerbombe das Deck und landete in der Munitionskammer. Dort explodierten dann die Geschosse für die Flugabwehr. Nachdem die Generatorräume voller Wasser liefen, war das Schiff nicht mehr zu halten und die Mannschaft ging von Bord. Rund 1380 Seeleute wurden von Begleitschiffen gerettet, mehr als 1000 starben. Nachdem das Schiff versunken war, kam es knapp unter der Wasseroberfläche noch zu einer gewaltigen Explosion. Später wurde die Schiffsführung wegen ihres Verhaltens während des Angriffs selbst, als auch während des Versuchs, das Schlachtschiff zu retten, hart kritisiert. Die anfliegende zweite Fliegerwelle hätte nicht übersehen werden dürfen und andere Rettungsmaßnahmen als die getroffenen hätten später das Schiff vor der Havarie bewahren können. Experten allerdings bestreiten diese Meinung, die Schiffsführung wird als rehabilitiert betrachtet.

allenTatsache ist, dass die „Musashi“ nach ihrem Untergang in Vergessenheit geriet. Nur eine Hand voll Militärhistoriker und seefahrtbegeisterter Wracktaucher hatten sie noch auf dem sprichwörtlichen Zettel. Darunter der US-amerikanische Milliardär Paul Allen (links im Bild), seines Zeichens Mitbegründer von Microsoft. Und der machte sich im betreffenden Seegebiet auf die Suche. Diese dauerte acht Jahre lang, im Zentrum stand Allens Yacht „Octopus“, die mit den entsprechenden tauchtechnischen Mittel ausgestattet war, weil Paul Allen über die notwendigen finanziellen Mittel verfügte. Sein Vater war Marinesoldat und deshalb war Allen besonders an der maritimen Geschichte des Zweiten Weltkrieges interessiert. Sein Blue-Fin I2 Autonoumos Underwater Vehicle, ein Tauchroboter, entdeckte das Wrack in der oben beschriebenen Gegend bereits während seines dritten Tauchgangs und schoss dabei ein paar beeindruckende Aufnahmen. Experten sprechen von einem Meilenstein der Marinegeschichte. In derselben Gegend soll übrigens auch die „Yamato“, das Schwesterschiff der „Musashi“, liegen. Wer jetzt denkt, den beiden Giganten eben mal so einen Besuch abstatten zu können, der irrt sich. Die Schlachtschiffe liegen jenseits aller für Sporttaucher erreichbarer Grenzen – auf rund 1000 Metern Tiefe.Text: H.K., Bilder: wikimedia commons