Ist das Tote Meer bald tot?

totesmeer2(Bild links: Blick vom Kibbuz En Geddi auf das Tote Meer) Im Jordantal, etwa auf halber Strecke zwischen dem See Genezareth und dem Golf von Aqaba, liegt das Tote Meer. Es befindet sich damit am nördlichsten Ende des Ostafrikanischen Grabenbruchs und an der tiefsten Festlandstelle der Erde: 420 Meter unter dem Niveau des Meeresspiegels. Wer auf der israelischen Seite des Jordantales steht, hoch droben auf der Festung Masada, hat einen herrlichen Blick auf das Tal, den Salzwassersee und die Berge Jordaniens dahinter. Leider könnte dieser schöne Ausblick bald ohne das tiefe Blau des Sees auskommen müssen. Denn der See ist von der Austrocknung bedroht. Rund ein Meter sinkt sein Wasserspiegel pro Jahr.  Das Tote Meer teilt damit das Schicksal des Sees Genezareth – aus durchaus ähnlichen Gründen.

tootesmeer1(Bild rechts: Mit 34 % Salzgehalt hat das Tote Meer zehn Mal mehr Salzkonzentration als beispielsweise der Atlantik. Menschen schwimmen wie Korken)

Grundsätzlich ist Wasser ein mehr als knappes Gut in jener Weltregion. Der Libanon, Syrien, Jordanien und Israel, mithin alle Anrainerstaaten des Jordantales, beziehen Süßwasser aus dem Jordan oder seinen Zuflüssen. Manche Zuflüsse gibt es gar nicht mehr, weil die Menschen das Wasser direkt von den Quellen wegzapfen. Der Hauptarm des Jordan samt seiner Zuflüsse nördlich des Sees Genezareth schaffen es nicht einmal mehr, jenen See zu füllen. Auch dessen Niveau sinkt dramatisch, Städte wie Jerusalem und Amman nutzen ihn als Trinkwasserdepot. Südlich des Genezarethsees ist der einst wasserreiche Jordan zu einem dürren Rinnsal verkommen. Das weniger Wasser, das er noch führt, wird zur Bewässerung der jordanischen und israelischen Felder gebraucht. Im Toten Meer landet so gut wie nichts mehr. Doch auch das Tote Meer selbst wird ausgebeutet. Unternehmen wie die Dead Sea Works oder die Arab Potash Company pumpen riesige Wassermengen ab, um daraus wertvolle Mineralien und Heilschlämme zu gewinnen. Dieser Raubbau ist auch der Grund, warum sogar ein normal stark fließender Jordan, die Entwicklung nicht mehr rückgängig machen könnte. Der Fluss in seiner normalen Stärke würde die Lage höchstens stabilisieren.

totesmeer4(Bild links: Salzkristallriff im Toten Meer ) Durch den Rückgang des Wasserspiegels hat sich eine mehrere hundert Meter breite Strandzone aus getrocknetem Schlamm gebildet. Und diese ist, darüber hinaus, zu einer tückischen Gefahr für Mensch und Tier geworden. Denn stellenweise haben sich unter der Kruste Sinklöcher gebildet: Salzdepots im Erdreich wurden von Regenfällen tiefer in den Grund gespült und haben teils mehrere Meter tiefe Krater zurückgelassen. Allerdings bedeckt mit einer trügerisch dünnen Abdeckung aus Schlamm. Obwohl links und rechts des Toten Meeres diese Zone für Spaziergänger, Wanderer oder Camper gesperrt ist, gibt es sowohl in Jordanien als auch Israel jährlich Dutzende von Toten und Schwerversetzten, die sich über die Verbote hinweggesetzt und die Strandzone als Abenteuerspielplatz genutzt haben. Wer Pech hat, verschwindet hier im Boden wie ein Bergsteiger in einer Gletscherspalte. Die mächtigsten dieser Sinklöcher sind fast 30 Meter tief und haben bis zu 40 Meter Durchmesser.

totesmeer7(Bild rechts: Halb- und Halbaufnahme. Im Hintergrund die Berge Masadas (isarelisches Ufer) Israel, Jordanien und die Palästinenser haben sich jetzt verständigt, dieser Entwicklung Einhalt zu gebieten. Geplant ist ein sogenannter „Friedenskanal“, der von Aqaba am Roten Meer bis zum Toten Meer führen soll. Aus einer Entsalzungsanlage in Aqaba soll die dort entstehende Salzlake durch eine Pipeline ins Tote Meer gepumpt werden und den Wasserspiegel dort wieder anheben. Wo die Pipeline Gefälle hat, soll sie zusätzlich zur Stromgewinnung genutzt werden. Die Weltbank unterstützt das Vorhaben. Doch auch diese Lösung ist nicht unumstritten. So warnen Wissenschaftler davor, dass das Tote Meer durch chemische Prozesse, hervorgerufen durch die unterschiedlichen Zusammensetzungen des Rotmeer- und des Totmeerwassers durch Ausfällungen verschlammen oder gar vergipsen könnte. Und auch Biologen sind skeptisch. Das Tote Meer ist nämlich keinesfalls tot, wie uns der Name weismacht. Vielmehr verfügt es über ein kompliziertes, sehr fragiles Ökosystem, das durch die von der Pipeline eingeschleppte Rotmeerflora und –fauna empfindlich gestört werden könnte. Allerdings wird dies von allen Beteiligten als das kleinere Übel angesehen.  Text und Bild H. K.