Franklins „Terror“ ist gefunden

terrorSo stellte sich ein Zeichner Admiral George Becks Havarie im Arktiseis mit der „Terror“ vor. Foto: British Museum, Text Heinz Käsinger

Wir schreiben den Monat Mai im Jahr 1845. In England bricht Sir John Franklin mit seinen beiden Schiffen „Erebus“ und „Terror“ auf, um die sagenumwobene Nordwestpassage zu finden, den kürzesten Weg von Europa nach Asien. Der führt rund 6000 Kilometer Wegstrecke über den Nordatlantik zum Nordamerikanischen Kontinent und dann zwischen der kanadischen Inselwelt und dem nordpolaren Packeis hindurch nach Alaska, von wo aus es nur noch wenige Kilometer nach Asien hinüber sind. Oder kurz: Ein Katzensprung, gemessen an der Strecke über die Westküste Afrikas, das Kap der Guten Hoffnung, Madagaskar und Indien.

Franklin gelingt, so kann man es heute rekonstruieren, die Überfahrt über den Atlantik. Aber dann wird es Winter und seine beiden Schiffe bleiben im Eis stecken. Die Männer sind gefangen in Eis, Kälte und schrecklichen Wetterverhältnissen. Die Welt hört nie wieder etwas von der Expedition, alle Teilnehmer sind verschwunden, aller Vermutung nach verschluckt vom ewigen Polareis. Das Unternehmen aber war der britischen Krone so wichtig, dass sie elf Jahre lang nach Franklin und seiner Crew suchen ließ.

Fast 170 Jahre lang dauerte es, bis vor etwa zwei Jahren ein privates Archäologenteam die „Erebus“ fand. Das Schiff liegt nahe der O’Reilly-Insel im hohen Norden Kanadas. Wo aber lag nur die „Terror“? Vor wenigen Wochen war es soweit. Ein Jäger der Inuit gab einem Mitglied der Arctic Research Foundation einen Tip. Danach hatte er an einer bestimmten Stelle winters im Eis ein mastähnliches Holzstück aufragen sehen. In der Tat fanden die Forscher an genau jener Stelle die „Terror“ in 24 Metern Wassertiefe liegend vor. Auf ebenem Kiel soll der Segler ruhen, perfekt konserviert und bestens erhalten.

Der Zustand des Schiffes lässt folgende Theorie zu: Während die „Terror“ von den gewaltigen Eismassen eingeschlossen war, war die „Erebus“ noch manöverierfähig. Der Kommandant der „Terror", Admiral George Beck, ließ das Schiff winterfest verschließen und versuchte sich mit den Männern zur „Erebus“ durchzuschlagen. Ob er das Schwesterschiff erreichte, konnte nicht geklärt werden – noch nicht. Denn Taucher bergen derzeit hunderte von Artefakten aus dem Wrack der „Erebus“. Wenn sie dort Gegenstände der „Terror“ finden, müssen mindestens einige der Leute von jenem Schiff das rund 60 Seemeilen weiter nördlich liegt, zur weiter südlich operierenden „Erebus“ durchgekommen sein.

Die Nordwestpassage war damals eine der am schwierigsten zu findende und zu meisternde Seestraße des Planeten. Heute ist sie bis weit in den Herbst hinein eisfrei und die Anliegerstaaten haben hektische Aktivitäten entwickelt, um zu beweisen, dass die Passage auf „ihrem“ Territorium liegt. Zu wertvoll sind die Bodenschätze, die in der Arktis ruhen. Mit den weitreichenden Erschließungsarbeiten aber wird noch mehr Wildnis zerstört, dem Klimawandel noch weiter Vorschub geleistet. Was noch eine Theorie immer wahrscheinlicher werden lässt: Der Mensch ist heute schon Geschichte.