Australien: Die Riffe leben

von Heinz Käsinger

„Das Great Barrier Reef ist tot. Es verstarb im Jahre 2016 nach langer Krankheit. Es wurde 25 Millionen Jahre alt.“

So titelte das US-Magazin „Outside“ Mitte Oktober 2016 und berief sich dabei auf die Aussagen zahlreicher Fachleute. In der Folge übernahmen viele Medien weltweit den Artikel, Zeitungen, Zeitschriften und auch das Fernsehen berichteten, 95 Prozent des Riffs seien bereits tot und die restlichen fünf Prozent lägen in Agonie. Bald darauf kam Gleiches auch über die Riffe von Chagos und die Malediven. Und auch ATLANTIS schlug in die Kerbe und übernahm die düstere Berichterstattung. Wie sich dieser Tage herausstellt, war die Todesanzeige der Medien nicht nur verfrüht, sie entbehrt sogar jeglicher Wahrheit. „Das Barriereriff ist 345000 Quadratkilometer groß und ist damit die größte lebende Struktur des Planeten“, weiß Tommy Piccarius vom Great Barrier Marine Park. „Es ist Weltnaturerbe und mehrere hundert Korallenarten und rund 1500 Fischarten leben hier. So schnell bekommt man so einen Organismus nicht kaputt“, ärgert sich der Meeresbiologe über die Artikel, die sogar in seriösen Wissenschaftsblättern abgedruckt wurden.

Auch andere Fachleute nennen die Todesnachricht unseriös. Wahr sei: 95 Prozent der Korallen sind durch die Korallenbleiche angegriffen. Aber krank sein bedeutet nicht tot sein. Die Bleiche sagt lediglich aus, dass sich die Korallen nicht wohl fühlen. Doch sie sind definitiv noch am Leben. Lediglich 35 Prozent des Korallenbestandes sei tot. Dabei hänge diese Fläche jedoch nicht zusammen, vielmehr handele es sich um tote Inseln inmitten lebender Korallenflächen. Ausgelöst wird die Bleiche durch zu warmes Wasser, was wiederum eine Folge El Niños sei. Der heiße Wind kommt aus Südamerika über den Pazifik gefegt und heizt das Wasser auf. Wenn El Niño nachlässt, werden sich auch die Korallen wieder erholen. Allerdings scheint es so, als dass El Niño menschengemacht sei – Klimaerwärmung durch zu hohen CO2- Ausstoß. Gleiches gilt für die Riffe des Indischen Ozeans, also die von Chagos und den Malediven. Russell Brainard, Leiter des Korallen-Programms des Pacific Islands Fisheries Science Center, sagte: „Die Riffe für tot zu erklären ist, als ob man die Hälfte aller Bäume in einem Waldstück fällt und dann sagt, der Wald wird nicht mehr.“

Zurück zum Barrier Reef. Fachleute ärgern sich darüber, dass Medien in der Öffentlichkeit den Eindruck schüren, man täte nicht genug für das Riff. Wahr sei: Das australische Umweltministerium hat den „Reef 2050 Plan“ gestartet, gefördert mit umgerechnet knapp 1,4 Milliarden Euro. Im Plan stehen insgesamt 151 Ziele, die die Zukunft des Great Barrier Reefs sichern sollen – 29 seien schon eingeleitet, heißt es im kürzlich veröffentlichten ersten Jahresbericht. Unter anderem gelte für Häfen nun ein strenges Verbot, Ausbaggerungen im Riff abzuladen. Noch 2013 war der Ausbau des weltgrößten Kohlehafens genehmigt worden. Durch die Ausbauarbeiten waren viele Korallen mit Schlamm bedeckt worden und starben ab. Was der Bericht allerdings auch sagt: Es gibt nicht die eine Lösung, das Riff zu retten – Dutzende Maßnahmen müssen ineinander greifen. Maßnahmen zum Schutz des Riffs werden zudem von der Great Barrier Reef Foundation gefördert. Die Organisation sammelt Spenden – die australische Regierung gibt zu jeder Spende den gleichen Betrag hinzu. Fünf gespendete australische Dollar werden also zu zehn Dollar Förderung.

Blickt man auf die Maßnahmen und die Aussagen der Experten wird klar, dass der Nachruf verfrüht war. Ein Weckruf sollte er uns jedoch sein.