Le Carrer, Olivier: Die Vermessung der Ozeane Welt- und Seekarten von der Antike bis zur Neuzeit

Le Carrer, Olivier:

Die Vermessung der Ozeane

Welt- und Seekarten von der Antike bis zur Neuzeit

Fester Einband mit farbiger Schutzhülle, Format ca. 27,3 x 36,5 cm

128 Seiten mit sehr vielen farbigen Kartenausschnitten

Verlag Delius Klasing, Bielefeld, 2016

ISBN 978-3-667-10725-1

Preis: 49,90 €

Buchbesprechung von Wolfgang Freihen (Okt. 2016):

Ein großartiges Buch für alle, die alte Landkarten mögen. Großformatig wird deren Entwicklung von den frühesten Anfängen bis ins unsere heutige GPS-Zeit und die der modernen Computerkarten sehr gut aufgezeigt. Freilich, die meiste Zeit hindurch spielten Landkarten für uns gar keine Rolle, und in Europa stammen die ersten aus der Antike. Eratosthenes, griechischer Dichter und Gelehrter aus dem 1., eventuell auch noch dem 2. Jahrhundert n. Chr. war jedenfalls der erste, der versuchte, die damals bekannte Welt auf einer zusammenfassenden Karte mit Parallelkreisen und Meridianen darzustellen. Er war nicht nur von ihrer Kugelgestalt überzeugt, sondern er führte auch ein phantastisches Experiment durch, um danach den Erdumfang mit bemerkenswerter Genauigkeit zu berechnen. Das entsprach jedoch nicht dem Allgemeinwissen der damaligen Zeit, sondern Europa war vor allem christlich geprägt. Da stellte man sich die Erde ganz anders vor, nämlich als einfache Scheibe, umflossen von Oceanos, einem unendlichen Meer. Gleichzeitig war unsere Erde der Mittelpunkt der Welt. Anfangen konnte man mit derlei „Karten“ natürlich nichts, aber sie waren trotzdem angesehen, enthielten Flüsse, Häuser und Seen, und zumeist war sogar das Paradies eingezeichnet. Karten dieser Art hatten also vor allem klerikal-kirchlichen Wert, und sie waren bis ins späte Mittelalter geläufig.

Dabei fuhr man Im Mittelmeer schon sehr viel früher zur See, auch schon lange vor Christi Geburt, folgte dabei den jeweiligen Küstenlinien. Die fanden sich in Kartenskizzen wieder, die Ankerplätze Flussmündungen, Häfen und landschaftliche Besonderheiten aufzeigten und später ihren Niederschlag in ersten Portulanen fanden, in denen noch viele andere seemännische Besonderheiten verzeichnet waren. Den eigentlichen Durchbruch erfuhr die Seefahrt durch das Aufkommen erster Kompasse im 12. Jahrhundert, und kurz darauf folgten auch schon die ersten Portulankarten mit erstaunlicher Genauigkeit. All diese Karten enthielten eine Windrose, sodass man ihnen zusammen mit dem Kompass sehr gut folgen konnte. Über die Anordnung dieses sich kreuzenden Liniennetzes, der sog. Rumben, die diesen Seekarten ein unverwechselbares Aussehen gaben, wird leider so gut wie nichts ausgesagt, auch nichts darüber, dass die Seekarten auf den Kartentischen der damaligen Schiffe jeweils verdreht wurden – entsprechend der Richtung, in die die Schiffe fuhren. Deshalb waren die einzelnen Orte an den gegenüber liegenden Küsten (z.B. Italien) mal normal und auf der anderen Seite auf dem Kopf stehend beschriftet. Angaben über das Landesinnere gab es dabei noch nicht. Das erfolgte erst sehr viel später. Ebenso wird nichts über sagenhafte Seeungeheuer und das mittelalterliche Bestiarium ausgesagt, das viele Karten der damaligen Zeit ziert. Dagegen wird sehr gut darüber berichtet, warum die Karten nicht immer Norden oben hatten: Man sprach noch nicht von Nord oder Süd, sondern richtete sich ganz einfach nach den jeweils vorherrschenden Winden. Also war es gleichgültig, was auf den Karten oben oder unten war. Die Rumbernlinien wurden zuerst gezeichnet und darüber kam dann die Küstenformation. Das Ganze so, dass sie möglichst mit einer Längsseite parallel verlief. Kompass und Portulankarten gehörten also untrennbar zusammen und revolutionierten die gesamte Seefahrt. Schiffe wurden größer und brauchten nicht mehr über längerer Zeit in Häfen herum zu dümpeln, sondern fuhren jetzt das ganze Jahr über. Die Reise ging jetzt auch über das offene Meer, und Europäer suchten nach neuen Handelswegen. Die Kugelgestalt wurde mittlerweile allgemein anerkannt und das kopernikanische Zeitalter mit der Sonne als Mittelpunkt unserer Welt wurde seit dem 16. Jahrhundert ebenfalls zur Selbstverständlichkeit. Drei neue Kontinente (einschließlich der Antarktis) und zahlreiche Inseln wurden innerhalb eines einzigen Jahrhunderts neu entdeckt, und auch das Landesinnere wurde immer wichtiger und besser erforscht. Die Portulankarten mit ihren Romben hielten sich über vier Jahrhunderte, und danach ähnelten die einzelnen Karten immer mehr dem heutigen Aussehen. Karten wurden in verschiedenen Ansichten gezeichnet, denn es erfordert ganz einfach Kompromisse, die Kugelgestalt der Erde auf rechteckige Blätter zu zeichnen. Ebenso wurden die Karten jetzt jeweils so dargestellt, dass Norden stets oben zu liegen kam, eine Maßnahme, die eigentlich auch – wäre man bereits den Anregungen des Ptolemäus gefolgt – schon seit dem 1. Jahrhundert n. Chr. möglich gewesen wäre…

Insgesamt ein großartiges Werk mit vielen phantastischen, teilweise doppelseitigen Ausschnitten aus Karten verschiedenster Jahrhunderte, die den Text mit den Abbildungen sehr gut verbinden. Sehr empfehlenswert.