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Donnerstag, 13. August 2020

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Nicht ums Verrecken PDF Drucken E-Mail

heinz kaesingerEine Kurzgeschichte von Heinz Käsinger

„Hast du ‘n Joint?“ Britta sah mich mit den braunen Augen eines Dobermannes an, bereit zuzuschnappen. Nur kein falsches Wort jetzt, drohte der Unterton ihrer Stimme. Ich wühlte in meiner Umhängetasche. In einem Seitenfach fand ich schließlich meinen Tabak und das Stanniolpapier mit dem Hasch. Ein neues, billiges Plastikfeuerzeug quietschte mich mit seinem makellosen Sonnengelb an und ging mir auf die Nerven.

Ich warf ihr die Sachen zu und verschwand in der Hütte, die unsere Tauchbasis hätte werden sollen. Vor meiner Abreise wollte ich noch etwas dösen. Ich schmiss mich auf die Matratze, die Schimmel angesetzt hatte und nach Dreck und Moder und Schweiß stank. Die Matratze in der leeren Bruchbude war alles, was von unserem Traum vom Leben im Paradies übrig bleiben sollte.

Alles hatte angefangen mit dem Tod meines Vaters. Der hatte mir ein paar Tausend Euro vererbt, genug, um mit Britta nach Thailand zu fliegen. In unsere Bucht. In unseren Sonnenuntergang. In unser Blau. Und in unsere Hütte, die uns ein Fischer für eine Handvoll Baht überlassen hatte. Hier würden wir alt werden, versicherten wir uns gegenseitig. Leider zu pathetisch, vor allem aber vorschnell. Weil mein Erbe nicht ewig reichen würde, kaufte ich Tauchausrüstungen und bot den Touristen vom neuen Hotel nebenan Abstiege an. Einige kamen. Die meisten nicht. Die wollten nur Sex. Schnelle Nummern im Gebüsch für fünf Euro oder Blowjobs von minderjährigen Mädchen nachts am Strand. Ich ging zur Polizei und zeigte es an. Aber der Polizist meinte, ich solle mich um meinen eigenen Dreck kümmern.

Das Ende unseres Traumes kam, als ich hinter einer Palme einen Fettsack mit einem Zehnjährigen überraschte. Ich haute dem Dicken eins in seine aufgedunsene Fresse. Hätte ich die Faust genommen, wär’s nicht so schlimm gewesen. Aber ich hatte gerade einen Bleigürtel in der Hand, ein schönes, solides Ding mit einem kräftig gewebten Nylongurt und sechs flachen, matt silbern glänzenden Stücken Blei. Der Fettsack hatte keine Chance. Mein Armschwung war kraftvoll und perfekt. Ich traf den Mann mit voller Wucht auf die Stirn, genau oberhalb seiner Augen. Der Junge schrie und lief davon. Wahrscheinlich war er es oder sein Vater, der die Ambulanz alarmierte.

Die Polizei sprach später davon, dass das Opfer überlebt hätte. Typisch. Der Täter war natürlich ich und der wirklich schlimme Finger gefiel sich in der Opferrolle. Immerhin verzichtete Mr. Kinderficker auf eine formelle Strafanzeige. Ganz schön geschickt, denn dann wäre der gesamte Fall aufgerollt worden, einschließlich seiner widerwärtigen Rolle im Palmenhain. Jedenfalls interessierten sich ab sofort die Behörden für mein mehr oder weniger aufstrebendes Unternehmen und plötzlich ging es um Genehmigungen und Versicherungen, meine Zulassung als Tauchlehrer und die technische Sicherheit meiner Tauchausrüstung. Die wurde konfisziert. Unter anderem zur Deckung der Kosten des Opfers. Bald war ich pleite.

Britta sagte gar nichts. Nie. Sie schloss sich einfach zu. Abends ging sie weg, hinüber in die Hotelbar. Manchmal kam sie erst am nächsten Morgen wieder. Wortlos. Das war die Zeit, als sich ihre braunen Bernhardineraugen in die eines Dobermannes verwandelten.

„Das Taxi ist da“, sagte Britta in der Tür. Ich stand auf. Draußen wuchtete ich meinen Seesack auf die Schulter und ging hoch zur Straße. Am liebsten hätte ich geheult, aber das kämpfte ich nieder. Und ich blickte nicht zurück. Nicht zu der Frau und nicht zur Hütte. Nicht ums Verrecken hätte ich das getan.

 
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