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Mittwoch, 8. April 2020

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Jeder Mensch muss ein Ziel haben PDF Drucken E-Mail

heinz kaesingerEine Kurzgeschichte von Heinz Käsinger

Am zweiten Tag seines Martyriums begann Tom zu schwimmen. Am Vortag war er von einem Strömungstauchgang hoch gekommen und das Taucherschiff war weg. Zuerst bekam er einen Schreck, dann blies er eine grell gefärbte Signalboje auf, ließ sich treiben und hoffte, dass der Skipper ihn finden würde. Im Verlauf der kommenden Stunden dachte Tom an nichts Besonderes. Aber er wurde langsam nervös und, als der Hunger kam, wütend.

Am Nachmittag verließ ihn vorübergehend die Hoffnung. Doch als er Rotorgeräusche hörte, wusste er, dass man nach ihm suchte. Obwohl der Hubschrauber viel zu weit weg war, wedelte er mit seiner Boje, die, wie peinlich, einem Riesenpenis glich, in der Luft herum. Die Stunden zogen sich quälend. Zwar hing er in seiner Tarierweste sicher im Wasser aber die Angst kam wie ein Dämon als die Hitze ihm zusetzte. Tom tauchte immer öfters seinen dunklen Lockenkopf ins Wasser, um sich Kühlung zu verschaffen.

Plötzlich kam der Durst. Nur kein Salzwasser trinken, das würde die Situation noch verschlimmern.

Gegen Abend dachte er an seine Freundin und zum ersten Mal an diesem Tag verzweifelte er so, dass ihm die Tränen kamen. Dann wurde es Nacht. Es sollte die längste seines Lebens werden.

Als Mitternacht durch war, versuchte sich Tom an alles zu erinnern, was er jemals über das Überleben in extremen Situationen gehört hatte und fand, dass ihm alles nichts nutzte. Doch gegen Morgen kam ihm ein Gedanke, eher philosophisch als praktisch. Im Deutschunterricht hatten sie in seiner Klasse einmal eine Geschichte von Saint-Exupery gelesen. Der Pilot war in der Sahara abgestürzt und versuchte ans Meer zu gelangen. Warum tat er das? An der Küste stießen in diesen Breiten doch nur zwei Wüsten zusammen. Der Lehrer erklärte, dass der Mensch ein Ziel haben muss. Da begann Tom zu schwimmen.

Er wusste, dass die Küste im Westen lag und sah, dass sich die Nacht über seiner linken Schulter schon lichtete. Also drehte er sich Richtung Dunkelheit und paddelte los. Seine Tauchausrüstung war etwas sperrig, aber bis jetzt hatte die Tarierweste ihn sicher über Wasser gehalten. Der Hersteller garantierte eine ohnmachtssichere Lage und falls er ins Koma fallen sollte, würde er wenigstens atmen können bis man ihn fand.

Der Tag kam schnell herauf. Der Durst war jetzt unerträglich. Tom wollte mit Macht aus dem Meer trinken, aber er schaffte es, sich zurückzuhalten. Er hatte durch seinen Entschluss zu kämpfen neuen Mut gefasst. Später verkrampften die Beine. Er sah auf seine Uhr und drehte sich auf den Rücken. Ab jetzt wechselte Tom alle fünf Minuten die Lage. Am Ende des Tages war er am Ende seiner Kräfte. Der Wille war gebrochen. Wenn er nur sterben könnte.

Doch der Gedanke an den Tod forderte Tom noch einmal heraus. Er schwamm weiter. Am schrecklichsten war der Durst. Er nahm einen Schluck Meerwasser und fühlte sich sofort besser. Noch einer. Schwimmen, nur schwimmen. Gegen Morgen meinte Tom, fern im Westen Lichter zu sehen. Ja! Er nahm noch einen Schluck Salzwasser und paddelte weiter. Tom hatte Kopfweh, ihm war schwindlig, alle Muskeln waren verkrampft, er kotzte das Meerwasser aus. In Sichtweite der Küste versagte sein Körper den Dienst. Tom knickte ein.

„Er ist es!“, rief der Mann vom Rettungsdienst seinen Kameraden auf dem Hotelsteg zu. „Er ist tot.“ Die Männer zogen den leblosen Körper aus dem Wasser.

„Verdammt“, sagte ein anderer. „Hat schon wieder einer zu lange gewartet, bis er geschwommen ist. Wär er direkt vom Tauchplatz los, hätte er es am Abend geschafft gehabt.“

 
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