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Delfintherapie PDF Drucken E-Mail
delfinbub2_Die Delfintherapie gehört zu den tiergestützten Therapieverfahren. Durch den Kontakt von Behinderten mit Tieren sollen bestimmte Symptome bestimmter Behinderungen gelindert werden. Die Verfahren sind umstritten, doch der Zoo Nürnberg bemüht sich um ein wissenschaftliches Fundament.
Die Delfintherapie geht auf den amerikanischen Verhaltensforscher und Neurologen Dr. David Nathanson zurück. Er hatte 1987 in Florida die Wirkung von Delfinen auf Kinder untersucht. Darauf hin entwickelte er eine Therapieform, die sich Dolphin Human Therapy (DHT) nennt. Nathanson stellte fest, dass gerade behinderte Kinder nach den Kontakten mit Großen Tümmlern bis zu vier Mal schneller lernten und Zusammenhänge begriffen.
Seither werden vor allem Kinder mit dem Down-Syndrom, autistische Kinder oder Kinder mit Hirnschäden mit Delfinen zusammen gebracht. Auch Kindern mit Wasserköpfen oder traumatisierten Menschen sollen Delfine helfen können. Wobei man jedoch feststellen muss, dass es eine fest umrissene Gruppe nicht gibt.
Die Erfolge, die Nathanson vermeldete, gab Tausenden von Eltern mit behinderten Kindern neue Hoffnung. Nicht nur in Florida sondern weltweit entstanden Therapiezentren, in denen körperlich und geistig Beeinträchtigte mit Delfinen zusammengebracht werden. Mittlerweile schätzt man die Zahl dieser Zentren weltweit auf rund 100. Natürlich lockten vor allem die enormen Summen, die eine Behandlung kostet, viele Betrüger an, die den Ruf der Delfintherapie endgültig schädigten. Doch schon vorher wurden, besonders von Seiten der Schulmedizin, kritische Stimmen laut. Der Tenor der Vorwürfe: Bei keinem der behandelten Kinder konnte eine tatsächlich messbare Besserung festgestellt werden – von einer Heilung ganz zu schweigen.
Die Delfintherapie befindet sich heute aus der Sicht der Schulmedizin dort, wo sich auch die meisten anderen Tiergestützten Therapien befinden: In der Esoterikecke. So zielt die Lamatherapie, also eine Therapieform, in der Lamas eingesetzt werden, einzig darauf, dass es nur ganz wenige Menschen gibt, die jemals mit Lamas Kontakt hatten, die Patienten also völlig vorurteilsfrei auf dieses ruhige Tier mit den langsamen Bewegungen zugehen könnten. Deshalb seien Lamas entwicklungsfördernd bei psychologischen oder pädagogischen Prozessen. Für die Krankenkassen sind solche Ansätze reine Spekulation, weshalb weder die Delfin- noch die Lamatherapie von ihnen getragen wird. Wenngleich dies auch für die so genannte Hippotherapie gilt, liegt dort der Fall etwas anders. Die Hippotherapie, also eine Therapieform mit Pferden, zielt fast ausschließlich auf die körperliche Ertüchtigung von Menschen ab. Durch das Reiten werden Muskeln, Motorik und Körpergefühl gestärkt. Trotzdem meinte die Bundesregierung, dass so ein therapeutischer Nutzen auch durch andere, preiswertere Maßnahmen zu erreichen sei und strich die Leistung des therapeutischen Reitens aus dem Katalog. Anders in der Schweiz, dort wird beispielsweise das therapeutische Reiten für Kinder mit Muskelschwäche noch immer von den Kassen erstattet.
Die Delfintherapie ist weit davon entfernt, von europäischen Krankenkassen anerkannt zu werden. Zum umstrittenen Nutzen kommen die hohen Kosten. Eine Behandlung in Ägypten oder in der Karibik würde die Sozialtöpfe mit 15 000 bis 20 000 Euro belasten. Darauf bleiben die Familien mit behinderten Kindern selber sitzen. Doch Hilfe kommt jetzt aus dem Inland. Die Universität Würzburg hat zusammen mit dem Tiergarten Nürnberg eine Studie gefertigt, die den Nutzen der Delfintherapie bei Kindern und Eltern belegt. An der Studie nahmen 118 behinderte Kinder teil, gebildet wurden daraus vier Gruppen. Die größte Gruppe war die Experimentalgruppe mit 40 Kindern, die Gruppen „Non Treatment“, „Ambulant“ und „Nutztier“ waren 24 bis 29 Personen stark. Die Therapiegruppe arbeitete im folgenden tatsächlich mit Delfinen, die Non-Treatment-Gruppe wurde nach einem ersten Briefing einfach sich selbst überlassen, die ambulante Gruppe absolvierte ein deutlich abgespecktes Delfinprogramm und die Nutztiergruppe machte grundsätzlich das selbe wie die Experimentalgruppe jedoch nicht mit Delfinen sondern mit Schafen, Ziegen und Kaninchen. Die Kinder, die in der Delfingruppe waren, zeigten nach Abschluss der Versuchsreihe und nach Ansicht der Bezugspersonen deutliche Verbesserungen im Kommunikationsverhalten.
delfinbub_Dr. Lorenzo von Fersen, der im Tierpark Nürnberg für das Projekt verantwortlich zeichnet, ist deutlich bemüht, die Delfintherapie aus der Esoterikecke heraus zu ziehen: „Delfine sind keine mystischen Tiere und auch ihre Kommunikationsfrequenzen im Ultraschallbereich spielen keine Rolle bei behinderten Kindern. Aber Delfine sind verlässliche Kommunikationspartner, darauf sind sie trainiert.“ In der Tat wurde die Studie von Wissenschaftlern initiiert und begleitet. Die Ergebnisse sind nachprüfbar, die Probanden wurden allesamt nach bestimmten Kriterien ausgewählt.
So bedauert es der Wissenschaftler von Fersen auch, dass Delfintherapien nicht standardisiert sind. Das soll, wenn der Tiergarten Nürnberg im kommenden Jahr mit seinen Therapien startet, anders werden. Die Teilnehmer werden nach engen Kriterien ausgesucht. So sollte das Kind zwischen fünf und zehn Jahren alt sein und unter einer Kommunikationsstörung leiden. Sei diese durch Autismus oder eine andere Behinderung ausgelöst (in rund 50 Prozent aller Fälle ist der Grund noch nicht einmal bekannt). Die Therapie selber wird immer nach dem gleichen Schema ablaufen. Insgesamt dauert sie neun Tage, an den vier ersten Tagen geht das Kind zusammen mit seinem Therapeuten ins Wasser zum Delfin und dessen Trainer. Wichtig ist, dass das Kind keine Ängste und keinen Stress bei der Begegnung mit dem Tier empfindet. Der Therapeut achtet deshalb streng auf die Körpersprache des Kindes. Nach 20 bis 25 Minuten ist das Kind erfahrungsgemäß durch die dauernde Aufmerksamkeit so erschöpft, dass die Sitzung beendet wird. In einer eintägigen Pause werden die Erfahrungen mit den Eltern zusammen diskutiert. In den folgenden vier Tagen tritt der Therapeut des Kindes während der Delfinbegegnungen in den Hintergrund und die Mutter bzw. die Bezugsperson des Kindes übernimmt langsam dessen Aufgaben.
Die Delfintherapie vor Ort hier in Deutschland hat nicht nur den Vorteil des wissenschaftlichen Fundaments, sondern auch ganz praktische Überlegungen sprechen dafür, beispielsweise erspart man sich den zermürbend langen Flug. Und viel Geld. Denn die Delfintherapie, wie sie im Zoo Nürnberg ab 2011 angeboten werden wird, kostet gerade mal rund 2500 Euro – ein Bruchteil dessen, was eine zweifelhafte Behandlung irgendwo im fernen Ausland kostet.H.K.
 
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