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s58Die Minentaucher

Von Heinz Käsinger

Um es salopp zu sagen: Sie räumen den Dreck weg, den andere gemacht haben. Einen hochexplosiven Dreck, allerdings. Denn die Minentaucher der Deutschen Marine gelten als die Unterwasser-Feuerwehr der Truppe.

In der Minentechnik ist es wie bei den Scheckkartenbetrügern, den Autodieben und den Passwort-Knackern: Die Bösen sind den Guten immer einen kleinen Schritt voraus. Erfinden eine raffinierte, technische Gemeinheit mehr, um der Gegenseite das Leben schwerer zu machen.
Dabei ist die Mine an sich schon ein gemeines Kampfmittel. Unerkannt schlummert sie im Sand oder im trüben Grün des Wassers, um bei unbedachter Annäherung von Menschen, Fahrzeugen oder Schiffen ihre tödliche Wirkung freizusetzen. Sie reagiert nicht nur auf Druck oder andere mechanische Einflüsse, sie kann schon explodieren, wenn sie feine Erschütterungen wahrnimmt, wenn Metallteile ihr Magnetfeld stören oder wenn gewisse akustische Reize auf sie einwirken. s60
Ein Soldat, der in der Minentaucherkompanie seinen Dienst versieht, ist also ein hoch spezialisierter Fachmann in gleich zweierlei Hinsicht. Er ist erstens auf die Beseitigung des Kampfmittels Mine bzw. Sprengkörper trainiert und er tut dies zweitens meistens tauchend, also in einem Umfeld, das zusätzliche Fähigkeiten und Fertigkeiten vom Menschen verlangt.

Die Ausbildung dauert 199 Wochen
 
Dementsprechend lang dauert die Ausbildung. Erst nach insgesamt fast 50 Monaten bzw. 199 Wochen ist diese ganz abgeschlossen. Knapp ein Drittel dieser Zeit ist einer eher allgemein gehaltenen Lehrzeit vorbehalten wie der üblichen militärischen Grundausbildung, dem Maatenlehrgang, der Tauchausbildung, Führerscheinen (Fahrzeuge und Boote). Das Herzstück – und für viele der Knackpunkt dieser ersten Ausbildungsphase – ist der sechs Wochen dauernde und äußerst kraftraubende Auswahllehrgang. In jener Zeit trennt sich die Spreu vom Weizen. 70 bis 80 Prozent der Aspiranten scheiden jetzt aus, die meisten davon werfen von sich aus das Handtuch. Kein Wunder, dieser Ausbildungsteil ist das, was man elegant körperbetont nennt.
Den Kompaniechef der Minentaucher, Kapitänleutnant Thorsten Klinger, plagen die Nachwuchssorgen. Von 120 Minentauchern (Sollstärke) sind derzeit mit Ausbildern nur 60 aktiv. Trotzdem will der 37-jährige Diplom-Ingenieur vom harten Ausbildungskurs nicht ein Grad abweichen: „Vor allem anderen suchen wir den besonnenen, intelligenten Soldaten, der Willens, vor allem aber auch in der Lage ist, an seine Leistungsgrenzen zu gehen. Draufgängertypen sind nicht gefragt.“ Darüber hinaus stellt die harte Ausbildung natürlich auch einen Schutz für die Soldaten selbst dar. Ausgepumpte Menschen können sich nicht mehr konzentrieren und machen Fehler – die im Fall beispielsweise einer Minenentschärfung leicht tödlich enden können.
Und so wird es auch in Zukunft während diesem intern „Hallenphase“ genannten Ausbildungsabschnitt vor allem ausgedehnte (Nacht-) Märsche geben, endlose Bahnen im Bad mit und ohne Tauchgerät; Zirkeltraining mit viel Gymnastik. – Alles in allem also echte körperliche Anstrengung. s58u
Wer seinen Maat (in Heer und Luftwaffe: Unteroffizier) geschafft hat, wird in der Minentaucherkompanie entsprechend eingesetzt. Maate sind in der Regel die Erkunder, die das Kampfmittel aufspüren und klassifizieren. Sie melden Umstände und Typ des Sprengmittels ihrem Bootsmann (Heer/Luftwaffe: Feldwebel), der normalerweise den Einsatz leitet und entscheidet, wie weiter vorgegangen wird. Eine Mine besteht, vereinfacht, aus zwei Teilen: einem Technikteil und dem Sprengsatz. Der eigentliche Kampfmittelbeseitiger (populär: Entschärfer) der Mine wird also einen der beiden Teile – und damit die gesamte Mine – unschädlich machen. Sollte dies unmöglich oder zu gefährlich sein, wird eine Mine auch schon mal kontrolliert zur Explosion gebracht.
 
Minentaucher proben ständig den Ernstfall
 
Wer sich für die Laufbahn des Bootsmannes entscheidet oder gar Offizier werden will, muss nach der Maatenausbildung weiter büffeln. Fachkunde, Kampfmittelbeseitigung, Englisch. Dass man sich angesichts der langen und damit auch teuren Ausbildung länger bei der Bundeswehr verpflichtet, ist klar. Wer sich für die Bootsmanns- oder Offizierslaufbahn entscheidet, muss dies für zwölf Jahre tun. Wer aber glaubt, dass er sich nach der harten Ausbildung verdientermaßen erst mal auf die faule Haut legen kann, wird schnell eines Besseren belehrt werden. Train as you fight, heißt der Grundsatz, der den Routinedienstplan der Minentaucher bestimmt. Er sieht vor, das einmal Erlernte und Antrainierte ständig frisch im Bewusstsein der Soldaten zu halten. „Erhalt der höchsten Einsatzfähigkeitsstufe“ heißt das im etwas holprigen Bundeswehrdeutsch. Und so sehen die Dienstpläne im heimischen Eckernförde viel Fortbildung, Sport, Tauchen und technische Übungen an Tauchgerät und den unterschiedlichsten Sprengkörpern vor. 24 volle Tauchstunden jährlich muss ein Minentaucher in seinem Dienstbuch vorweisen können, private Lusttauchgänge im Urlaub zählen nicht. Gearbeitet wird wie im Ernstfall in Trupps von vier bis fünf Mann, wovon ein bis zwei Soldaten gleichzeitig tauchen können. Es werden Nacht- und Strömungstauchgänge unternommen, Tauchgänge im Flachwasser wie auch Tieftauchgänge. Klinger: „Ich persönlich halte 24 Tauchstunden schon für zu wenig. 30 bis 40 Stunden wären weitaus besser.“ s61o
Damit mag er Recht haben, denn alleine die Beherrschung der drei verschiedenen Tauchgeräte, die verwendet werden, verlangt eine Menge Übung. Getaucht wird zum Beispiel mit dem Pressluft-Tauchgerät PTU Divator Mil/PA20, der militärischen Ausführung der in Sporttaucherkreisen üblichen Pressluftgeräte mit offenem System. Das gibt es auch oberflächenversorgt mit Vollgesichtsmaske. Das LAR VII ist ein Rebreather von Dräger, der bis zu einer Tauchtiefe von 24 Meter zugelassen ist. Und mit dem Stealth EOD/M schließlich, einem vollelektronischen Selbstmischer, kann der Minentaucher bis 54 Meter tauchen, er könnte damit jedoch auch auf 120 Meter absteigen. Aber das ist nicht erlaubt. Ohnehin sind die Minentaucher die Taucher in der Bundeswehr, die mit ihren 54 erlaubten Tiefenmetern am tiefsten autonom absteigen dürfen. Die beiden Rebreather-Geräte sind amagnetisch und äußerst geräuscharm, speziell gemacht für die Arbeit an den empfindlichen Sprengkörpern.
Seit einigen Jahren wird die tägliche Routine immer wieder unterbrochen durch Einsätze im Ausland. Die Bundeswehr kämpft oder kämpfte mittlerweile ja an vielen Fronten. EUFOR war in Bosnien, KFOR im Kosovo, ISAF ist in Afghanistan und UNIFIL vor dem Libanon. Und überall werden die besonderen Fähigkeiten der Minentaucher gebraucht, so dass die Kompanie an den verschiedenen Brennpunkten auch tätig ist bzw. war. Kaleu Klinger: „Die bundeswehrinterne Richtlinie, dass ein Soldat doppelt so lange zuhause sein soll als im Einsatz, kann heute kaum mehr eingehalten werden.“
 
Der Spass ist das Salz in der Suppe
 
Bislang hat’s die Truppe noch gelassen gesehen, schließlich macht man den Job gerne und den Spaßfaktor lassen sich die Männer auch nicht nehmen. Als die Kompanie beispielsweise im Rahmen des UNIFIL-Einsatzes auf Zypern stationiert war, hat man nebenbei im Rahmen der Weiterbildung im Bereich Tieftauchen die bekannten Wracks der Gegend erkundet und während einer Übung in Norwegen hatte man mit den heimischen Kollegen eine Wette laufen, wer es am längsten nackend in einem Eisloch aushalten konnte. Die Wette endete nach nur wenigen Minuten unentschieden. Trotz allem: Neuerdings machen sich die Soldaten bemerkbar. Am schlimmsten sind die Personalsorgen. Das führt dazu, dass immer mehr Arbeit auf immer weniger Schultern gepackt werden muss. Dazu kommt eine, gemessen an Anspruch (hoher Spezialisierungsgrad) und Umständen (harte körperliche Anforderungen), eher bescheidene Bezahlung der Minentaucher. Ein junger Maat beispielsweise bekommt rund 1750 Euro Grundsold. Dazu kommen Stellenzulage von 151 Euro und Erschwerniszulage von 183 Euro, was ihn brutto auf etwas über 2000 Euro im Monat bringt.
s61Die Minentaucher haben deshalb eine Petition in den Bundestag eingebracht, die eine gerechtere Entlohnung fordert. Dabei wollen nicht nur sie selbst profitieren, auch und vor allem sehen sie einen wesentlichen Teil ihrer Personalsorgen im Zulagensystem: Die zusammen mit den Minentauchern zu den so genannten SEK M (Spezialisierte Einsatzkräfte der Marine) zusammengefassten Kampfschwimmer genießen sehr viel höhere Zulagen. Der Oberleutnant zur See Jens Höner ist bei den Marine-Spezialkräften für die Nachwuchsgewinnung verantwortlich. Er kennt noch weitere Gründe für die Nachwuchssorgen, wenngleich seine Einheit, die Kampfschwimmerkompanie, davon noch nicht betroffen ist: „Bei den Musterungen der Rekruten stellen wir teilweise katastrophale körperliche Zustände der jungen Männer fest. Wir könnten die gar nicht nehmen, weder bei den Minentauchern noch bei den Kampfschwimmern.“ Darüber hinaus sieht Höner Defizite im Berufsbild der Minentaucher: „Kampfschwimmer, das klingt irgendwie sexy, Minentaucher nicht. Vielleicht sollten wir Name und Berufsbild nach Marketinggesichtspunkten optimieren.“
Geändert jedenfalls haben sich die Anforderungen an die Kampfmittelbeseitiger der Bundeswehr im Allgemeinen und an die Minentaucher im Besonderen, schon von selbst. Zwar steht noch immer die „Gewährleistung der Bewegungsfreiheit der eigenen Truppen“ im Zentrum des Auftrages, doch man hat es zwischenzeitlich zunehmend nicht mehr nur mit konventionellen Explosivkörpern zu tun, deren Baupläne und Machart man kennt. Verstärkt treten dubiose selbst gebastelte Sprengkörper auf, die äußerst gefährlich für das Leben der Kampfmittelbeseitiger sind. Verstärkt werden die Minentaucher deshalb von zivilen Stellen zur Unterstützung angefordert. Außerdem helfen sie der Polizei bei der Suche nach Tatwaffen, bergen Wrackteile aus dem Wasser, fahnden nach eventuell Ertrunkenen – und werden so ihrem Ruf als Unterwasser-Feuerwehr der Marine gerecht. Klinger: „Natürlich helfen wir gerne, doch das belastet auf Grund der Kurzfristigkeit den regulären Dienst zusätzlich.“
Vielleicht fällt ihm ja in seiner nächsten Verwendung eine Lösung für das Dilemma ein, das er seinem Nachfolger dann mit auf den Weg geben kann. Denn der Kapitänleutnant wird die Kompanie im Herbst verlassen. „Ich gehe mit einem lachenden und einem weinenden Auge“, verrät er. „ich freue mich jetzt schon auf die neue Herausforderung. Andererseits werde ich meine Männer und die Kameradschaft hier draußen vermissen.“
 
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