Atlantis Magazin
Advertisement
Montag, 6. Februar 2012

Home arrow Biologie arrow U-1277
HomeKontaktImpressumHaftungsausschluss
     

Aktuelles Magazin

atlantistitel_01-12.jpg

Benutzer Login






Passwort vergessen?

Advertisement

Advertisement

U-1277 PDF Drucken E-Mail

Das rostige Ende des Dritten Reiches

sub_pb Von Daniel Brinckmann

Kaum 15 Kilometer von der Metropole Porto entfernt liegt ein U-Boot der deutschen Kriegsmarine auf Grund. Außerhalb Portugals ist das Wrack nahezu unbekannt. ATLANTIS verrät wieder einmal einen waschechten Geheimtipp. 

Mai 1944
Es ist eine jener wahren Legenden, die wohl nur in den Wirren der letzten Kriegstage entstehen kann. Als die Tage des Tausendjährigen Reiches längst gezählt waren, verließ U-1277 am 18. Mai 1944 als eines der letzten Kampfunterseeboote das Trockendock der Bremer Vulcan-Werke. Nach einer Phase als Schul- und Ausbildungsschiff wurde das moderne U-Boot der Klasse VIIC in das Frontdepot im norwegischen Bergen verlegt, wo es bewaffnet wurde und im April 1945 zu seinem einzigen Einsatz vor den britischen Inseln ausrückte. Vor dem Eingang des Ärmelkanals geht U-1277 in Lauerstellung. Doch von der berüchtigten Rudeltaktik der deutschen Unterseeboote bleiben die Konvois der Alliierten verschont, denn kurz darauf unterzeichnete Hitlers Nachfolger, Großadmiral Dönitz, die Erklärung zur bedingungslosen Kapitulation. Unter dem Kommando von Kapitänleutnant Peter Ehrenreich Stever setzte sich das Unterseeboot entlang der französischen Küste ab nach Süden. Ohne Kursbefehl kreuzte U-1277 einen Monat lang ziellos vor der iberischen Halbinsel, ehe sich Ratlosigkeit breit machte. Drei Monate war man schon auf See. Der Krieg war verloren, Hitler tot, und der Traum vom Endsieg war längst zerplatzt wie eine Seifenblase. Die Rationen gingen zur Neige. Was sollte man da schon machen?

Juni 1945
Um den Siegermächten keine Kriegsbeute zu überlassen, entschloss sich Kommandant Stever, den Befehl zur Selbstversenkung auszurufen. Am 3. Juni wurde der einstige Stolz der deutschen Kriegsmarine kurz nach Mitternacht in einer Nacht- und Nebel-aktion vor dem Cabo do Mundo nördlich von Porto geflutet. Nachdem Stever den letzten Torpedo deaktiviert hatte, ließ er die Schleusen öffnen und beorderte seine Mannschaft zum Heck. Ohne auch nur einen einzigen Schuss abgefeuert zu haben, fand U-1277 auf der Position 41° 09’ Nord, 8° 41’ West seine letzte Ruhestätte. Die Besatzung – 47 junge Männer im Alter zwischen 18 und 27 Jahren – wanderte schon beim Landgang in britische Kriegsgefangenschaft, das U-Boot hingegen geriet in Vergessenheit.
Oktober 1973
Fast 30 Jahre später, im Oktober 1973,
fahren lokale Taucher wie so oft auf Bitten der Fischer hinaus um zu untersuchen, was denn genau die Netze in der Tiefe immer wieder in Fetzen reißt. Schon nach einer Viertel Stunde im kabbeligen Atlantik durchbrechen sie die Oberfläche und machen ihrer Begeisterung Luft: „Wir haben ein U-Boot gefunden!“


Oktober 2007
„Ein U-Boot, an dem getaucht wird? Hier in Matosinhos?“, wundert sich Paulo Ramos und rammt sein Boogie Bord in den Sand. „Frag’ mal oben bei der Surfschule, vielleicht wissen die mehr.“ Fehlanzeige. An den weit geschwungenen Stränden nördlich von Porto ist Wellenreiten Volkssport. Vom bedeutendsten Weltkriegs-Wrack, das Portugal für Taucher bereithält, weiß bestenfalls die Touristeninformation. Anders Rui Caravelas. Seit zwei Jahren baut er mit seinem Team von „Mergulhomania“ im Yachthafen Porto Atlantico den einzigen Tauchbetrieb weit und breit auf. Seine Hauptattraktion: Das Wrack der U-1277. Und das muss nicht lange gesucht werden. Nach einer viertelstündigen Fahrt im geräumigen Schlauchboot folgt der Bootsmann dem Ölfilm, der nach über 60 Jahren noch aus der Tiefe aufsteigt und bei ruhiger See in allen Regenbogenfarben an der Oberfläche funkelt. Nachdem Rui den Anker am Wrack noch einmal zurechtgerückt hat, kann es endlich losgehen. Aus der bösen Ahnung wird Gewissheit – drei Meter Sicht bereiten nicht nur den Fotografen Kopfschmerzen. Wer hat schon Lust, ein Weltkriegswrack zu ertasten? Auch unter der Sprungschicht reicht unser Blick in den grünen Fluten nicht weiter als zehn Meter. Erst beim freien Fall in Richtung Sandgrund nimmt der dunkle Schatten des U-Bootes Konturen an. Obwohl die U-1277 kein Kriegsgrab ist, weckt der spektakuläre Anblick in 31 Meter Tiefe morbide Gefühle. Schwere Winterstürme und Fischernetze haben das schräg aus dem Sediment ra-gende Wrack in ein Skelett verwandelt. Vom markanten, geschwungenen Bug eines Militär-Unterseebootes ist nichts mehr zu sehen. Drei Viertel des Wracks, darunter auch die Schraube, liegen metertief im Sand. Dafür stechen zwei von ursprünglich vier Torpedorohren wie umgestürzte Schornsteine ins Freiwasser heraus. Die reich mit Anemonen bewachsenen Abschusskanäle fassen problemlos zwei Schulterbreiten und bieten hunderten Garnelen, Oktopoden und Hummern einen Unterschlupf, der ihnen vor dem stark befischten Küstenstreifen das Überleben sichert. Oft ziehen hunderte Franzosendorsche über den gräulichen Stahlrumpf, auf dem nur vereinzelt gelbe Schwämme und weiße Anemonen siedeln. Wer Zackenbarsche und Barrakudas erwartet, ist fehl am Platz. Ein kleines biologisches Wunder sind die leuchtend pinken Blumentiere an der Öffnung der Torpedorohre: „Die Anemonen kamen mit dem U-Boot aus der Nordsee“, glaubt Rui Caravelas. „Diese Art ist sonst an keinem anderen Tauchplatz in der Region zu finden.“ Dort, wo sich der Rumpf dem Sandboden annähert, verbergen sich die größten Conger der gesamten Region. Die markanten Köpfe mit den drolligen Kulleraugen und wulstigen Lippen, die hier und da aus den klaffenden Löchern blicken, lassen auf fast zwei Meter lange Meeraale schließen. Um der kurzen Grundzeit ein Schnippchen zu schlagen, empfiehlt sich ein Abstecher zum Waffen- und Periskopturm, der bis auf 27 Meter in die Höhe ragt. Zwar sind die 20-Millimeter-Kanone und die Eingangsluke schon vor Jahrzehnten Opfer von Souvenirjägern geworden, dafür ist das Glas des Periskops noch intakt und wird in einer schrulligen Geste von jeder Tauchergruppe auf Hochglanz gebracht. Abstiege ins Innere des Wracks sind aber selbst für Wagemutige völlig unmöglich. Da mag das Periskopglas noch so emsig gewienert werden, von den Sprossen abwärts ist U-1277 mit Sand gefüllt. Riskant genug sind die zahlreichen Fischernetze, die von Rui und seinem Team in regelmäßigen Abständen entfernt werden. Erst im August wurden bei zwölf Abstiegen 77 Kilogramm Netz an die Oberfläche gebracht. „Die Fischer wissen, dass dort ihre Beute steht“, erklärt Rui Caravelas, der in diesen Tagen eine Ausstellung zum U-Boot in der spanischen Stadt Feira organisiert. Ein scharfes Tauchermesser sollte beim Erkunden also immer in Griffweite dabei sein. Obwohl die Tiefe in Kombination mit Strömung und Sicherheitsstopp im Freiwasser zwei Sternchen oder ein Advanced Brevet voraussetzen, bleibt die wechselhafte Sicht der größte Stolperstein bei der Erkundung des Wracks. Zwei Meilen vor der Küste ist das U-Boot den Launen des offenen Nordatlantiks ausgesetzt. So sehr, dass es fraglich ist, ob die einstmals 67 Meter lange Blechzigarre nach mehr als einem halben Jahrhundert noch lange dem Zahn der Zeit trotzen wird. Eine Bergung des U-Bootes, wie geschehen in Skandinavien, ist ohnehin nicht geplant. Die Bedingungen sind schon für einfache Tauchgänge nicht ideal: Oft genug wirbeln gewaltige Brecher den Sandboden auf, bei Westwind wird die Ausfahrt nicht selten von vornherein abgeblasen. Dazu tragen die Flüsse Douro und Ave im Sekundentakt Abwässer der nahe gelegenen Großstadt Porto weit raus aufs Meer und sorgen dafür, dass die Sicht so gut wie nie 15 Meter erreicht. „Es ist sicherer, ein bis zwei Wochen im vorhinein per Mail anzufragen, ob es möglich ist, am Wrack zu tauchen“, gibt Rui zu. Auch deshalb, weil seine Basis in erster Linie am Wochenende von Tauchern aus dem Großraum Porto genutzt wird. Gerade dieser Pioniercharme, der den Tauchbetrieb und auch das urige Fischerstädtchen Matosinhos auszeichnet, ist liebenswert. Einen Steinwurf von der zweitgrößten Stadt Portugals entfernt bröckelt zwar der Putz, aber die Sardinen grillt man am Straßenrand nicht für die Touristen. Und wo der tägliche Fang wichtiger ist als das meiste Andere, da wird auch nicht viel Trubel um irgendein Wrack gemacht. Kapitänleutnant Stever hat ein wahrlich verschwiegenes Versteck gefunden.
Mergulhomania
Centro de Vela do Sport Club do Porto
Marina Porto Atlantico
Leça da Palmeira, Matosinhos
www.mergulhomania.com
Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spam Bots geschützt, Sie müssen JavaScript aktivieren, damit Sie es sehen können

 
< zurück
Advertisement
Advertisement
Advertisement
Advertisement

Advertisement

© 2012 Atlantis Magazin