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Haie fressen aus der Hand
Von Uschi und Frank Schneider
Taucher sind wählerisch. Die einen mögen Korallenlandschaften, andere versunkene Schiffe, und die nächsten haben nichts lieber als große Fische. Auf den Bahamas finden alle alles und dazu noch perfekt organisierte Tauchbasen. ATLANTIS besuchte Stuart Cove auf New Providence.
Obwohl die spanischen Eroberer das „Areal baja mar", flaches Meer, tauften, stellt sich das nördliche Grenzgebiet zwischen Atlantik und Karibik keinesfalls als harmloser Ententeich dar. Zwar beweist die türkisblaue Farbe zwischen den Inseln, dass Kolumbus' Gefolgsleute vollkommen richtig lagen, aber wo sich das Wasser dunkelblau verfärbt, geht es jäh in die Tiefe.
Steilwände sinken ins Bodenlose
Das drittgrößte Korallenriff der Welt zieht sich durch die Bahamas. Zwischen der Insel Andros und südlich von New Providence macht es einen großen Bogen und hat so eine Unterwasserbucht geschaffen. Die so-genannte Tounge of the Ocean (Zunge des Ozeans) fällt an den Steilwänden etwa 2000 Meter in die Tiefe – senkrecht.Für Taucher stellen sich die Drop-Offs als einmalige Tauchgebiete dar. An den Steilwänden aus verschiedenen Hartkorallenarten wachsen Peitschen- oder Lederkorallen, und an den meisten Stellen läuft das Riffdach in rund zehn bis zwölf Meter Tiefe in einen Korallengarten aus, bevor es in den Sandgrund der Bahamas-Untiefe – einer schier unendlichen Sandbank etwa zehn bis 15 Meter unter der Wasseroberfläche – übergeht. Wenn in Bezug auf das Tauchen die Rede von den Bahamas ist, dann bedeutet das auch immer Großfische. Oder, um es ganz genau zu sagen: Haie. Es gibt Tauchplätze, wo die Räuber über das Riff wieseln wie andernorts ein Schwarm Schnapper. Zum Beispiel im Süden von New Providence. Optimaler Ausgangspunkt, um eigene Abenteuer unter Wasser zu erleben, ist die Dive South Ocean'-Basis von Stuart Cove. Die Anlage allein ist schon sehenswert. Die Basis wurde 1996 filmgerecht als Hafen für einen Kinofilm mit dem späteren „Herr der Ringe“ Darsteller Elijah Wood umgebaut. Nachdem die Szenen im Kasten waren, blieb das Set fast unverändert. Die Basis ist seitdem eine der schönsten Tauchbasen weltweit. Ab 9.00 Uhr morgens pulsiert hier das Leben. Die Taucher, die von der Basis von ihren Hotels abgeholt wurden, gehen auf ihr Tauchschiff. Während zwei Ausfahrten vor- und nachmittags werden jeweils zwei Tauchgänge durchgeführt, und wer dann immer noch nicht genug hat, kann auch noch zu einem Nachttauchgang an Bord gehen. Grundsätzlich lassen sich die Tauchgänge mit Stuart Cove in drei Kategorien einteilen: Drop-Offs, Wracks und Haie. An einigen Plätzen hat man allerdings auch alles auf einmal – nicht unbedingt die schlechteste Lösung. Eine der atemberaubendsten Steilwände ist dabei die Palace Wall. Die fällt tatsächlich in den ersten 80, 100 Metern ohne erkennbare Stufe direkt in die Tiefe. Riesige Schwämme und gigantische Fächer der schwarzen Koralle kennzeichnen diesen Tauchplatz.
Das Riffdach liegt dabei großflächig in etwa zehn bis zwölf Meter Tiefe, so dass auch nach einem eventuellen tiefen Tauchgang die Möglichkeit zum entspannten Austauchen besteht. Als unterseeische Gebirgskette zieht sich der obere Rand des gigantischen Riffs vor der Südküste der Insel New Providence entlang. Drop-Offs hat man daher an vielen Stellen aber ebenso auch flachere Zonen. Wo das Gebirge am höchsten ist, erheben sich die Inseln der Bahamas ganz aus dem Wasser.
Wie man auf der Karte erkennen kann, liegen die Bahamas genaugenommen gar nicht im karibischen Becken, sondern reichen an dessen östlichen Rand in den Atlantik. Dieser Umstand beeinflusst auch die Unterwasserwelt. Zwar zeigen sich die Ko-rallen im typischen Karibik-Outfit, die Fischwelt aber ist ob der Nähe zum Atlantik gut entwickelt. So ist es keine Überraschung hier auch große freischwimmende Muränen zu sehen, Rotfeuerfische zu entdecken oder große Makrelenschwärme im Freiwasser an der Riffkante zu beobachten.
Ein solches Bild zeigt sich zum Beispiel am Tauchplatz Runway. Hier gibt es auch noch andere Großfische: Riesenzackenbarsche (nicht nur den bekannten Nassau-Grouper) und vor allem die karibischen Riffhaie. Nicht weit weg von der Riffkante liegen die von einem Hurrikan zerlegten Reste des Wracks „Bahama Mama“ und die kaum 20 Meter entfernte, größere und weitgehend intakte „Ray of Hope“. Beide wurden, wie fast 20 weitere Schiffe, absichtlich auf Grund gelegt. Nicht zuletzt wegen dieses Szenarios gilt Runway als einer der wohl beliebtesten Spots vor Stuart Coves Basis. An den Steilwänden kann ein besonderes Tauchvergnügen erlebt werden: Mit UW-Scootern werden Teile des Riffs betaucht, die sonst nicht erreicht werden könnten.
James Bond liebt Wracks
Zwar gibt es keine wirklich alten Wracks, dafür aber welche mit Filmhistorie. Stuart Cove und seine Basis werden nämlich regelmäßig für große Kinoproduktionen gebucht. Daher stammen Schiffswracks für zwei Bond-Filme sowie ein Kleinflugzeug aus dem Film „Der Weiße Hai IV“. Leider musste der Nachbau eines griechischen Tempels für ein 007-Abenteuer auf Geheiß der bahamesischen Regierung wieder demontiert werden. Dafür blieben zwei andere Wracks von Ian Flemmings „Feuerball“ und dessen Remake „Sag niemals nie“. Das Gestell des Vulkan-Bombers aus dem Jahr 1965 steht dabei kaum 30 Meter von der Stelle entfernt, an der rund zwanzig Jahre später James Bond in persona Sean Connerys der Attacke eines Tigerhais in einem Schiffswrack entgehen musste.
Dieses Schiffswrack, die „Tears of Allah“, liegt auf hellem Sandgrund in knapp 15 Meter Tiefe und ist leicht zu betauchen. Das Vorschiff, wo Bond dem Tigerhai die Tür vor die Schnauze warf, ist jedoch nach einem Sturm beschädigt. Der Vulkan-Bomber gibt einen Einblick in die Trickkiste der Filmleute: Es handelt sich hierbei lediglich um ein Rohrgestell. Im Hafen von Nassau wurde damals mit Segeltuch ein perfekter Flugzeugnachbau geschaffen und später versenkt. Vom Segeltuch mit Flugzeugbemalung ist nichts mehr übrig, dafür ist das Gestell wunderbar bewachsen.
Stuart Cove, als Sohn eines aus England eingewanderten Zahnarztes auf den Bahamas geboren, hat sich nicht nur als Basisleiter und Eigner einer Filmproduktionsfirma einen Namen gemacht. Ihm ist es zu verdanken, dass die Haipopulation auf den Bahamas nicht durch das jahrelang betriebene Longlinefishing fast gegen Null zurückgegangen ist. Mit der Organisation massiver Proteste auf den Straßen in Nassau konnte Stuart bei der Regierung ein Verbot dieser Art des Sportfischens erwirken. Um überhaupt noch einige der wenigen Exemplare zu sehen, wurden die Tiere angefüttert: Nachmittags führt der erste Sharkdive an ein Riff, an dem die Meeresräuber in Gruppen von 20 und mehr Tieren leben. Die Taucher werden auf einer Sandfläche im Halbkreis positioniert, und schließlich trifft der Dive-Guide mit dem Futterkorb ein. Es gab noch nie einen Übergriff, obwohl der Fütterer oft aus dem Blickfeld der Gäste als Zentrum eines lebendigen Knäuels aus ausgewachsenen Haien verschwindet.
Hotels mondän oder preiswert
Nach der Rückkehr zur Basis werden die Taucher von den Bussen wieder zurück zu ihren Hotels gebracht. Stuart Cove bezieht mit seinem Fahrdienst alle Hotels ein, ob mondän oder eher preiswert. Bei dem überaus moderaten Preis für das Sechs-Tage-Tauchpaket mit 24 Tauchgängen bei Stuart Cove (ab 432 US-$) ist bestimmt noch etwas für ein edles Souvenir übriggeblieben. Über welches, das lässt sich vielleicht in der stilvollen Bar beim Lieblingsdrink des Bahamas-Fans James Bond entscheiden – einem trockenen Martini. Geschüttelt, nicht gerührt.
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