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Donnerstag, 1. Oktober 2020

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Abenteuerer Victor Vescovo taucht zur „Titanic“ PDF Drucken E-Mail

Text: Heinz Käsinger

vescovoVictor Vescovo, (im Foto links: Ben Singleman/Wikipedia Commons),war beim ersten Solo-Tauchgang zur Titanic fast 3500 Meter tief im Nordatlantik, als er sich fragte, ob er ein Problem habe: Das Sonar seines Tauchbootes zeigte ihm an, dass er sich 50 m vom Wrack entfernt befand, aber in der Dunkelheit konnte er nichts sehen. Die Sichtweite betrug etwa 20 m, also ging er näher heran. „Aber dann kam ich auf 20 m heran, und das Sonar sagt mir: 'Das Wrack liegt genau vor dir', und ich frage das Sonar: 'Wo ist das verdammte Ding?' Ich schaue aus den Bullaugen meines U-Boots heraus, und es ist einfach schwarz.

Vescovo, ein Geschäftsmann und Entdecker, der den Rekord für den tiefsten Tauchgang im Ozean beansprucht, war besorgt. „Ich denke: 'Bin ich am falschen Ort? Man beginnt an sich selbst zu zweifeln. Ich kroch bis auf 10 m an das Wrack heran, ganz langsam, weil ich nicht anstoßen wollte. Immer wieder schaue aus den Fenstern heraus und es ist einfach nur schwarz. Ein schwarzer Ozean. Was geht hier vor? Und dann fiel es mir wie Schuppen aus den Augen. Ich war direkt vor dem Wrack. Es ist einfach so groß. Ich habe das nicht wirklich begriffen. Oh verdammt, ich stehe direkt davor und es ragt über mich hinaus.“ Er richtete die Triebwerke nach oben und stieg langsam auf, bis Bullaugen im Bug und dann die Reling auf der Steuerbordseite auftauchten. „Ach du meine Güte, das Ding ist riesig. Ich stand tatsächlich davor und habe es nicht bemerkt, weil das Eisen an der Seite der Titanic schwarz wie die Nacht ist.“

Im vergangenen Jahr sorgte der 54-jährige Vescovo für internationale Schlagzeilen, als er behauptete, einen Rekord für den tiefsten jemals unternommenen Tauchgang aufgestellt zu haben. Den unternahm er in die Challenger-Tiefe, die 11 km lange Senke an der Südspitze des Marianengrabens im Pazifik. Auf dem Grund fand er – Plastikmüll (ATLANTIS berichtete). James Cameron, der Regisseur des Films Titanic, der als einer von nur drei anderen Personen zum Tiefstpunkt des Marianengrabens hinabstieg, hat Vescovos Behauptung in Frage gestellt, tiefer gegangen zu sein als er selbst. Vescovo schloss seine „Five Deeps“-Expedition ab und erreichte auch den jeweils tiefsten Punkt der anderen vier Ozeane der Welt. Das Projekt, das eine Mischung aus Abenteuer und wissenschaftlicher Forschung ist, hat ihn nach einer vorsichtigen Schätzung 100 Millionen Dollar gekostet.

Vescovo ist Absolvent der Harvard Business School und ehemaliger Geheimdienstoffizier der US-Marine. Er hat aus der von ihm mitbegründeten Private-Equity-Gesellschaft mit Sitz in Dallas ein gewaltiges Vermögen aufgebaut. Er taucht mit der „Limiting Factor“, einem zweisitzigen Tauchboot, das aus einem kugelförmigen Titancockpit in einer leichteren Schale aus Fiberglas besteht, das für den Abstieg mit Wasser geflutet und für den Aufstieg abgelassen werden kann. Begleitet wird er von einem Forschungsschiff mit Laboratorien, die er ebenfalls selbst bezahlt hat und auf denen eingeladene Wissenschaftler arbeiten können. Er hat sich schon immer für die Geschichte der „Titanic“ interessiert, dem in Belfast gebauten Schiff, das auf seiner Jungfernfahrt von Southampton nach New York nach Kollision mit einem Eisberg sank. Von mehr als 2200 Passagieren und Besatzungsmitgliedern an Bord kamen 1500 ums Leben. „Ich fand heraus, dass noch nie jemand die „Titanic“ alleine betaucht hatte, und ich dachte, es wäre eine intensive persönliche Erfahrung, dort unten mit dem Wrack allein zu sein“, verrät er.

Von allen Tauchgängen, die er im vergangenen Jahr unternommen hat, war dieser im Juli der gefährlichste, wegen der heftigen Strömungen. Vescovo: „Es ist, wie gegen einen sehr starken Wind zu kämpfen, wenn man fliegt.“ Außerdem bestehe immer die Sorge, sich in Kabeln zu verfangen oder mit Teilen des Wracks zu kollidieren. „Ich fühlte mich völlig verlassen. Das Schiff sieht aus wie eine Geisterstadt“, sagt er über das Wrack. „Ich hatte eine Reihe ganz bestimmter Dinge zu erledigen: bestimmte Gebiete zu fotografieren, zu all den verschiedenen Orten zu gelangen und sicherzustellen, dass ich genügend Abstand zum Wrack halten konnte. Doch hin und wieder passierte etwas. Zum Beispiel reflektierte Glas in einem Bullauge die Lichter meines U-Boots. Das sah aus, als ob jemand mit einer Taschenlampe aus dem Inneren des Wracks leuchtete. Es war gespenstisch.“ Er lenkte sein U-Boot über die Brücke, wo der Telemotor, der das riesige Ruder der Titanic steuerte, immer noch steht. Hier wurde dem Steuermann „Hart Backbord“ befohlen, nachdem William Murdoch, der Erste Offizier, den verhängnisvollen Eisberg gesichtet hatte.

titanic_wreck_bowVescovo und Parks Stephenson, ein Experte für die „Titanic“, (Foto rechts: University Rhode Island (NOAA)/Wikipedia Common, Bugansicht der Titanic) der den Entdecker bei einem der fünf Tauchgänge zum Wrack begleitete, untersuchten eine Stelle, die ihrer Meinung nach ein entscheidender Beweis für die Aufklärung des Rätsels um das Schicksal William Murdochs ist, der das Schiff leitete, als es auf den Eisberg traf. Einige Passagiere berichteten anschließend, dass sie beim Untergang des Schiffes einen Offizier gesehen hätten, der Selbstmord beging. In Camerons Film wird Murdoch gezeigt, wie er sich selbst erschießt. Der Zweite Offizier Charles Lightoller, der den Untergang überlebte, sagte jedoch, er habe gesehen, wie Murdoch ins Meer gefegt wurde, während er daran arbeitete, ein Rettungsboot auszusetzen. Historiker haben Lightollers Aussage in Zweifel gezogen, indem sie andeuteten, dieser habe die White Star Line, den Schiffseigner, schützten oder Murdochs Witwe eine heroischere Version der Geschehnisse bieten wollen. Vescovo und Stephenson untersuchten einen einzelnen Davit, der in einer aufrechten Position zum Aussetzen eines Rettungsbootes blieb, wo Murdoch Berichten zufolge gewesen sein soll. Cameron entdeckte diesen Davit ursprünglich bei der Arbeit mit Stephenson an einem früheren Dokumentarfilm. Stephenson und Vescovo glauben, dass er Lightollers Geschichte bestätigt: „Genau dort auf der Titanic zu sein, wo Murdoch und sein Team tapfer versuchten, so viele Menschen wie möglich zu retten, bis zur letzten Minute, als sie wahrscheinlich mitgerissen wurden, war ein gewaltig bewegender  Moment“, sagt Vescovo.

Seit 2005 war niemand mehr mit einem U-Boot zur Titanic getaucht. Obwohl vor neun Jahren Roboter dort unten gewesen waren, wollten die Wissenschaftler unbedingt sehen, ob, und wenn ja wie sich der Zustand des Wracks verschlechtert hatte. Die Expedition wurde für einen Dokumentarfilm des britischen Produzenten Anthony Geffen gefilmt, den David Attenborough ins Weiße Haus brachte, um Barack Obama zu interviewen und der die englische Königin zu einem Interview über die Kronjuwelen überredete. Für ihn, Geffen, waren die Dreharbeiten zum Thema „Titanic“ 25 Jahre lang, bis zu ihrer Umsetzung, ein „heiliger Gral“ gewesen. „Aber ich wollte erst mit dem Dreh beginnen, wenn es noch neuere, noch bessere Technik gibt. Wir brauchten Bilder in bestechender Qualität.“ Zum ersten Mal wurde somit mit hochauflösenden 4K-Kameras gefilmt, die in der Lage sind, interaktive Augmented-Reality- und Virtual-Reality-Modelle des Wracks zu erstellen.

Salz korrodiert das Schiff und Bakterien fressen es auf. Die „Titanic“ ist mit riesigen Rustikeln verkrustet, ein Wort, das Robert Ballard, der das Schiff 1985 fand, geprägt hat, um die Eiszapfen-ähnlichen Gebilde zu beschreiben, die von Mikroben geformt werden. Diese Mikroben ernähren sich von dem Eisen in der Struktur des Wracks. Viele dieser Rustikel sind laut Vescovo groß und sehr schön.

Sie fanden Gemeinschaftsräume und Offiziersquartiere brechend voll mit Dingen vor. Doch die Porzellan-Badewanne von Kapitän Edward Smith war fast vollständig verschwunden. Stephenson glaubt, dass diejenigen, die den Telegrafensender der Firma Marconi bergen wollen, bevor das Schiff um ihn herum zusammenbricht, in einem Wettlauf gegen die Zeit sind. „Haben einen Eisberg gerammt und sinken“, war einer der Hilferufe, die diese Maschine in der Nacht, in der das Schiff unterging, aussandte.

Ein Gerichtsstreit darüber, ob der Marconi-Sender geborgen werden soll oder nicht, geht in den Vereinigten Staaten weiter. Stephenson setzt sich dafür ein, das Gerät wieder hochzubringen. „Die „Titanic“ gehört weder uns noch unserer Zeit“, sagt er. „Das Interesse an gerade diesem Wrack wird länger andauern, als Sie und ich am Leben sein werden. Wenn wir den berühmtesten Radioemitter der Welt genau dort haben, sollten wir ihn für künftige Generationen zurückgewinnen. Wenn das Wrack zu einem unerkennbaren und unerforschten Trümmerhaufen und schließlich zu einem Fleck auf dem Meeresboden wird, werden wir dann immer noch Artefakte aus diesem Wrack haben, zu denen die Menschen eine persönliche Verbindung aufbauen können. Der Marconi-Sender war die Stimme der Titanic.“

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(Foto links von Willy Stöwer, erschienen in „Die Gartenlaube“/Wikipedia Common, der Untergang der „Titanic“)

Vescovo kommt über das einstürzende Wrack ins philosophieren. „Es ist ein riesiges Wrack, und schockierenderweise erobert der Ozean es zurück. Es sollte niemanden überraschen, wenn das Wrack in Teilen zusammenbricht. Das klingt dramatisch, ist es aber nicht. Das Wrack wird allmählich zu Meer. Dies ist ein Prozess, der Jahrzehnte oder sogar Jahrhunderte dauern wird.“ Das Schiff ist zu einem riesigen künstlichen Riff geworden; einem eigenen Ökosystem, in dem es von mikroskopisch kleinem Leben wimmelt. „Es gibt jetzt mehr Leben auf der „Titanic“ als zu der Zeit, als sie an der Oberfläche schwamm“, sagt Lori Johnston, eine Mikrobenökologin auf der Expedition. Und Vescovo: „Ich bin Buddhist und mir gefällt der Gedanke, dass sich alles im Kreis bewegt und sich das Leben selbst erneuert. Man kann es bei etwas so Gewaltigem wie der „Titanic“ sehen: vom Menschen geschaffen, an der Natur gescheitert, und jetzt erobert die Natur sie zurück. In gewisser Weise halte ich das für sehr friedlich.“ Vescovo hofft, diesen Sommer wieder in den Marianengraben zurückzukehren, um mehr zu forschen und möglicherweise einige zahlende Besucher in sein U-Boot aufzunehmen. Er hofft auch, seinen Streit mit Cameron darüber beizulegen, wie tief er in den Marianengraben gegangen ist.

Den Rekord für einen Tieftauchgang stellten zunächst der Amerikaner Don Walsh und der Schweizer Jacques Piccard mit ihrem Schiff „Trieste“ auf, als sie 1960 auf den Grund des Marianengrabens abtauchten. Ihre Tiefe wurde mit 10 912 m angezeigt. Im Jahr 2012 machte Cameron einen Solo-Tauchgang und landete auf 10 908 m. Vescovo stellte den Walsh-Piccard-Rekord um 13 m in den Schatten und landete in 10 925 m Tiefe. Cameron focht seine Behauptung jedoch an. ATLANTIS berichtete bereits darüber.

Wissenschaftler wissen, dass die Challenger-Tiefe schwieriger zu vermessen ist als der Mond. Vescovo will nun versuchen, die Tiefe wie ein Kartograph zu vermessen, und das hat seine eigenen Schwierigkeiten. Wie vermisst man die Topographie eines Ortes, der vollkommen schwarz ist, der einem Druck von elf Tonnen pro Quadratzentimeter ausgesetzt ist und sich vollständig im Wasser befindet? Vescovo wird es versuchen. Gegenwärtig hat er sich noch in seinem Haus in Dallas eingeschlossen, wo er eine große Garage voller Projekte hat, um sich zu beschäftigen. „Es ist ziemlich ironisch. Im Oktober hat mir ein Tornado das Dach abgedeckt und jetzt haben wir diese Corona-Pandemie. Ich denke, dass die gefährlichsten beiden Sachen, die ich im letzten Jahr getan habe, nicht das Tauchen auf den Meeresgrund war, sondern einfach in meinem Haus zu bleiben und ab und zu Lebensmittel zu besorgen.“


 
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